Zum Tod von Gunter Gabriel : Abschied von einem Malocher

Seinen Fans galt er als "der deutsche Johnny Cash". Hits, Krisen und ein spätes und fulminantes Comeback prägten sein Leben: Zum Tod des Countrymusikers Gunter Gabriel.

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Boss, ich brauch mehr Geld. Gunter Gabriel (1942-2017) schrieb erst Hits für andere, dann für sich selbst.
Boss, ich brauch mehr Geld. Gunter Gabriel (1942-2017) schrieb erst Hits für andere, dann für sich selbst.Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Vor sechseinhalb Jahren, es war dunkel draußen, kalt und Dezember, saß Gunter Gabriel mit Freunden am Tisch eines Hamburger Asia-Restaurants und nahm sich etwas vor. „Ich muss noch einen Song schreiben“, sagte er. „Einen richtig guten Song. Übers Leben. Was es soll.“ Einen Song, so gut, dass er von Shel Silverstein hätte stammen können, einem der größten Liederschreiber, den die Countrymusik je hatte. Es ist, nach allem, was die Öffentlichkeit weiß, nicht mehr dazu gekommen.

An jenem Abend kam Gunter Gabriel, der eigentlich Caspelherr mit Nachnamen hieß, gerade von einem Auftritt in einer einstigen Kirche. Eine Hamburger Obdachlosenzeitung hatte ihn eingeladen, auf ihrer Weihnachtsfeier aufzutreten. Gabriel war wieder gefragt damals. Er spielte in Autohäusern, saß auf Podien von Lebenshilfevereinen und sprach dort über Depressionen, er gab Konzerte in Privat-Wohnungen und auf großen Bühnen.

Ein Jahr zuvor war ein neues Album erschienen, das die Musikkritiker nicht nur zur Kenntnis nahmen, sondern sogar mochten. „Sohn aus dem Volk. German Recordings“ hieß es. Am Berliner Renaissance-Theater lief das Musical „Hello, I’m Johnny Cash“ mit Gabriel in der Hauptrolle.

„Wenn du denkst du denkst, dann denkst du nur du denkst“

Gabriel, 1942 im westfälischen Bünde als Sohn eines Schrankenwärters geboren, hatte ein triumphales Comeback hingelegt. Die Mutter starb, als der Junge vier war. Die einzige Erinnerung an sie, sagte er einmal, sei der schwarze Wagen, der sie abgeholt hat. Ein Jahrzehnt später schnitt Gabriel seinen Vater, der sich umbringen wollte, vom Strick. Was diesem wiederum die Gelegenheit gab, seinen Sohn noch einige Jahre mehr zu prügeln.

Es folgte ein Maschinenbaustudium in Hannover, Gabriel wurde DJ, Angestellter einer Schallplattenfirma, und Anfang der Siebziger zog er nach West-Berlin, um hier als Songschreiber zu arbeiten. Er schrieb Schlager für Rex Gildo, Bernhard Brink und Roland Kaiser. „Wenn du denkst du denkst, dann denkst du nur du denkst“ für Juliane Werding ist sein vielleicht bekanntestes Lied aus dieser Zeit.

Gabriel wollte selber auf die Bühne. Sein Verleger riet ihm davon ab. Schau doch mal in den Spiegel, soll der gesagt haben. Gabriel hielt sich nicht daran. Schrieb den „30-Tonner Diesel“ und sang das Lied selbst, sang „Hey Boss, ich brauch’ mehr Geld“ und „Komm unter meine Decke“.

Er kam wieder zu Geld - doch er zahlte keine Steuern

Er wurde reich, gab viel Geld aus, und den Rest investierte er in Mietshäuser – besser gesagt: Er gab es Betrügern. Gabriel lebte fortan in Wohnwagen, in einer Lagerhalle, auf dem Schrottplatz. Tourte weiter unablässig, kam wieder zu Geld, besuchte sein Idol Johnny Cash in Tennessee und nahm in dessen Studio ein Album auf. Doch er zahlte keine Steuern, und als das Finanzamt dies mitbekam, war der Mann wieder pleite. In einer Talkshow sitzend verkündete er die Idee, von nun an für jedermann und für – anfangs – 1000 Euro im Wohnzimmern aufzutreten. Viele hundert solcher Auftritte absolvierte er.

Das war 2007, und es war die Wende. Gabriel, der bis dahin von vielen als Hallodri betrachtet wurde, als ein Mann, der seine Finanzen nicht im Griff hatte, nicht den Alkohol und auch nicht den Umgang mit Frauen, dessen Gags immer auch etwas zu stumpf gewesen sind, als dass man sie noch schlüpfrig hätte nennen können, Gabriel war auf einmal und unübersehbar das, was er sich bis dahin oft nur zugeschrieben hatte: Er war ein Arbeiter.

Das Telefon klingelte wieder öfter, Gelegenheiten kamen, das „German Recordings“-Album, das Johnny-Cash-Musical, eine Revue am Theater am Kurfürstendamm über sein Leben. Darin sang er auch ein Lied aus den Neunzigern. „Du kannst Millionär sein, Bettler oder Zombie, der letzte Wagen ist immer ein Kombi.“

Gunter Gabriel ist am Donnerstag – kurz nach seinem 75. Geburtstag – in einem Hannoveraner Krankenhaus an den Folgen eines Treppensturzes gestorben.

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