Zum Tod von Volker Kühn : Ich lache Tränen, heule Heiterkeit

Er schmuggelte Drogen für Wolfgang Neuss, setzte der Dietrich mit "Marlene" ein Denkmal und machte Witze über Helmut Kohl. Ein Nachruf auf den Berliner Kabarett-Autor und Regisseur Volker Kühn.

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Der Kabaretthistoriker Volker Kühn am 22.10.2013 in Mainz (Rheinland-Pfalz).
Der Kabaretthistoriker Volker Kühn am 22.10.2013 in Mainz (Rheinland-Pfalz).Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Wenn es drauf ankam, entwickelte Volker Kühn sogar kriminelle Energien. Dann schmuggelte er für seinen Freund Wolfgang Neuss Drogen durch die Flughafenkontrollen. Kühn machte sich nichts aus Amphetaminen, Haschisch oder Kokain. Aber Neuss brauchte sie. Anfangs, um zu funktionieren. Später, um nicht länger funktionieren zu müssen. „Wenn der Mensch sucht“, verkündete Neuss, „wird er süchtig“.
Kennengelernt hatten sie einander 1963 beim Hessischen Rundfunk, wo Kühn als Redakteur die Satire-Sendung „Bis zur letzten Frequenz“ verantwortete. Kühn wurde zum Vertrauten und Vermittler, fast eine Art Betreuer und erlebte die Metamorphose des einstigen Wirtschaftswunder-Witzemachers zum indianerhaarigen, nahezu zahnlosen Humoraussteiger mit, der in seiner Charlottenburger Wohnung im Schneidersitz über den Dingen schwebte und allerletzte Pointen von sich gab. „Neuss war eine vereinsamte Figur, die sich nach Geselligkeit sehnte“, erzählte Kühn. „Aber er war bis zu dem letzten Tag blitzgescheit.“ Kühn drehte das Fernsehporträt „Ich lache Tränen, heule Heiterkeit“ über den Freund, arbeitete nach dessen Tod 1989 den Nachlass auf und gab den Klassiker „Der totale Neuss“ heraus.

Im Umgang mit Witzen ging Volker Kühn akribisch vor. Den Spaß unbedingt ernstzunehmen, das war sein Anspruch. So entwickelte er sich zum größten Kabaretthistoriker Deutschlands. Er war auch der einzige. Denn wenn der Begriff von der „zehnten Muse“ fällt, ist die Reihenfolge gleich klar. Hervorbringungen der „Kleinkunst“ seien, heißt es, bloß einen Bühnenabend lang gültig und darum nicht aufzubewahren. Kühn widersprach und erfand die Redewendung „Die bissige Muse“, wie ein Standardwerk von ihm über „111 Jahre Kabarett“ heißt.
Volker Kühn wurde 1933 in Osnabrück geboren und lebte seit den späten sechziger Jahren in Berlin. Er hatte einige Jahre in den Vereinigten Staaten verbracht, dort Radio gemacht, und fand, als er zurückkehrte, den Alltag im Ludwig-Erhard-Deutschland vergleichsweise eng und unfroh. Also mischte er sich ein. Er schrieb Texte für Lore Lorentz, Hanns Dieter Hüsch oder Jürgen von Manger, inszenierte eigene Programme am Berliner „Reichskabarett“ und startete mit Dieter Hildebrandt die Fernsehreihe „Notizen aus der Provinz“.

Er grub sich ein in die Archivalien der Akademie der Künste

Es waren Jahre eines kalten Kulturkampfes. Politiker schmähten Schriftsteller und Intellektuelle als „kleine Pinscher“ (Ludwig Erhard) oder „Ratten und Schmeißfliegen“ (Franz Josef Strauß). Und der Bayerische Rundfunk stieg manchmal, wenn ihm ein Kabarett-Programm nicht gefiel, aus der Übertragung aus. Was für Pointen. Ihren letzten Höhepunkt erlebte die Kabarettisierung der Wirklichkeit in der Ära Kohl. Zwar hatte Helmut Kohl in seiner Regierungserklärung eine „geistig-moralische Wende“ versprochen, doch die Humoristen erkannten rasch, dass sie bloß eines bekommen hatten: einen unfreiwillig überaus komischen Regierungschef. Kühn schrieb eine „Einführung in die Kanzlersprache“ und nannte sie treffend „Ich bejahe die Frage rundherum mit Ja“.
So weit das Tagesgeschäft. Volker Kühns eigentliches Interesse reichte tiefer. Er grub sich ein in die Archivalien der Akademie der Künste, und wenn er wieder auftauchte, war ein Buch oder ein Stück über die Kultur der Weimarer Republik oder die Durchhaltekunst im „Dritten Reich“ fertig. Dem Komponisten Friedrich Hollaender widmete er mehrere Publikationen, mit seiner Adaption des Einpersonendramas „Marlene“ setzte er der Dietrich ein Denkmal, und mit der Revue „Bombenstimmung“ untersuchte er am Theater des Westens und in der ARD die „Unterhaltung unterm Hakenkreuz“.
Eine abgründige Posse war es, als Kühn 2008 vom damals 105-jährigen Schauspieler Johannes Heesters verklagt wurde. Er hatte behauptet, dass Heesters 1941 vor den SS-Wachmannschaften in Dachau gesungen habe. Der Prozess am Berliner Landgericht endete mit einem Vergleich. Volker Kühn starb am Sonntag nach langer Krankheit. Er wurde 81 Jahre alt.


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