Medien : 24 Stunden Fantasy

Das Rekord-Hörspiel: Tad Williams’ „Otherland“

Kurt Sagatz

Ein Fantasy-Hörspiel wie „Otherland“ von Tad Williams, dessen erster von insgesamt vier Teilen bereits sechs Stunden dauert, das hat es bislang nicht gegeben. Am Ende, wenn sich die vier Teile auf insgesamt 24 Stunden summieren, wird es das größte Hörspiel-Projekt im deutschen Rundfunk sein. Hinter dem Rekord-Hörspiel steht ein immenser Aufwand mit allein 200 Sprechern. Doch reicht das aus für ein besonderes Hörerlebnis?

Die ersten wirren Minuten sagen wenig: Regen, Maschinengewehrfeuer, Granateinschläge, Schreie über den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Die Figur, die eingeführt wird und auch im weiteren Verlauf surreal bleibt, heißt Paul Jonas. Die Szenerien und Figuren wechseln ständig. Später kommen ein kleines Kind dazu, eine Computerspezialistin und zwei Cyberkids. Die verschiedenen Handlungsstränge, die Williams entwirft, bleiben lange, sehr lange unverbunden. Was „Otherland“ sein könnte, erfährt der Hörer dieser Gemeinschaftsproduktion von Hessischem Rundfunk und Hörverlag erstmals nach vier verwirrenden, aber packenden Stunden. Doch genau der Umstand, dass man so lange am Kopfhörer bleibt, spricht für das besondere Hörerlebnis von „Otherland“.

Bereits im Jahre 1998, noch vor dem Erscheinungstermin des zweiten Bandes von „Otherland“, kam Walter Adler, der auch die sechzehnstündige Sendung von Walter Kempowskis „Der Krieg geht zu Ende“ inszeniert hat, auf die Idee für die Hörspiel-Umsetzung des Fantasy-Romans. Bevor die Produktion, die am Ende rund eine Million Euro gekostet haben soll, starten konnte, verfasste Adler aus den 3500 Buchseiten eine 1200 Seiten starke Hörspiel-Fassung. Danach galt es, für die 260 Figuren des Buches die 200 Sprecher auszuwählen, darunter Hans Peter Hallwachs, Nina Hoss, Ulrich Matthes, Ernst Jacobi, Meret Becker, Rufus Beck und Ulrich Noethen. Allein für das Casting wurden vier Monate aufgewandt. Die Organisation der Aufnahmetermine während der elfwöchigen Aufzeichnungsphase war eine weitere Herausforderung.

Den Fantasy-Fans gilt „Otherland“ als der „Herr der Ringe“ des 21. Jahrhunderts, und dies nicht nur wegen des gewaltigen Umfangs des vierbändigen Werkes. Es geht um Macht und vor allem um den Missbrauch dieser Macht durch eine Gruppe der reichsten und mächtigsten Männer und Frauen im ausgehenden 21. Jahrhundert. Und es geht um den Traum vom ewigen Leben, den die „Gralsbruderschaft“ mit der schier unendlich erscheinenden Cyberwelt namens Otherland verwirklichen will. Nur die wenigsten Menschen erkennen den Zusammenhang zwischen dem Mega-Netzwerk auf der einen Seite und den Koma-Zuständen auf der anderen, in die Kinder auf der ganzen Welt fallen. Und nur ganz wenige wagen sich vor in diese kalte, virtuelle Computerwelt, um die Geheimnisse zu entschlüsseln und die Kinder zu retten. Dabei ist Otherland nicht eine einzelne, singuläre Welt, sondern derer viele, der Ausflug zu den Schlachtfeldern ist nur der Anfang. So wie der 1957 geborene Williams in seinem Leben die verschiedensten Berufe von Rocksänger, Manager, Comiczeichner, Schuhverkäufer und Zeitungsjunge ausfüllte, springt er in „Otherland“ durch die verschiedensten Szenen von „Alice im Wunderland“ über „Der Zauberer von Oz“ bis hin zu geschichts- und mythenträchtigen Schauplätzen wie Troja oder dem alten Ägypten.

In Berlin präsentiert Tad Williams das „Otherland“-Hörspiel sowie seinen neuen Roman „Der Blumenkrieg“ am 14. Oktober in der Passionskirche am Marheinekeplatz. Bereits am 24. September kommt der erste „Otherland“-Hörspielteil in den Handel.

Tad Williams: „Otherland – Stadt der goldenen Schatten“, Der Hörverlag, rund 330 Minuten, 29,95 Euro. Mehr Infos unter www.otherland.hr-online.de.

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