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25 Jahre Presseclub : „Die sind sich fast an den Kragen gegangen“

15.12.2012 11:48 Uhrvon
WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn moderiert regelmäßig den ARD-"Presseclub".Bild vergrößern
WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn moderiert regelmäßig den ARD-"Presseclub". - Foto: WDR

Vor 25 Jahren wurde aus dem "Internationalen Frühschoppen" der ARD-„Presseclub“: Moderator Jörg Schönenborn über Werner Höfer, schwierige Gäste und den Unterschied von Patina und Staub.

Herr Schönenborn, zwischen welchen Getränken können die Gäste des „Pressclub“ wählen?
Zwischen einem Mineralwasser und einem grünen Veltliner aus Österreich. Allerdings verwenden wir die gleichen Gläser, damit niemand verraten wird. Wein wird dabei überwiegend als Schorle nachgefragt. Die reinen Weißwein-Trinker sind in der Minderheit. Dass eine zweite Flasche aufgemacht wird, ist mir noch nicht aufgefallen.
Und ein Rauchverbot gibt es immer noch nicht, weil ohnehin niemand mehr raucht?
Manchmal bedauere ich das. Wir haben nach wie vor eine Raucherlaubnis. Viele Zuschauer schwärmen noch immer davon, wie verraucht das früher war.

Aber selbst die starken Raucher lehnen es ab, am Tisch zu rauchen.
Der „Presseclub“ wird an diesem Sonntag 25 Jahre alt, die Vorgängersendung „Der internationale Frühschoppen“ geht sogar auf 1952 zurück. Werner Höfers Abgang 1987 war wenig ruhmreich. Wie haben Sie das erlebt?
Ich hatte damals gerade das Volontariat beendet und war zerrissen. Auf der einen Seite empfand ich großen Respekt vor dieser Lebensleistung, auf der anderen hat er damals keinen Umgang mit seiner Vergangenheit gefunden. Insofern gab es wohl keinen anderen Weg.
Den Vorwurf, dass Höfer gegen Ende der Nazizeit die Hinrichtung eines jungen Musikers wegen Wehrkraftzersetzung in einem Zeitungsartikel verteidigt hat, bestand ja schon seit Anfang der 60er Jahre. Kann man heutzutage noch erklären, dass ein Mann wie Höfer mit einer solchen Vergangenheit noch weitere 25 Jahre eine politische Sendung moderieren konnte?
Im Rückblick ist jungen Leuten sehr schwer zu erklären, dass dies über so viele Jahre nie hinterfragt wurde. Ich will da kein Richter sein. Ohne die Details genau zu kennen, hätte ich damals erwartet, dass er sich stellt, sich erklärt und entschuldigt. Es ist schon tragisch, dass er diese Kraft nicht gefunden hat.
Die Emotionen gehen auch nach Höfer hoch, an welche hitzigen Debatten im „Presseclub“ erinnern Sie sich besonders lebhaft?
An eine Sendung aus der jüngeren Vergangenheit mit Josef Joffe und Alfred Grosser über Merkels Rolle bei der Euro-Rettung. Da ging es richtig hoch her, die beiden wären sich fast an den Kragen gegangen. Ansonsten bin ich nach fünf Jahren Krise immer dankbar, wenn es Themen gibt, die unsere Gesellschaft emotional bewegen. Ein Beispiel ist das Betreuungsgeld. Das betrifft nur wenige Menschen, aber die Symbolik dahinter hat zu einer Sendung geführt, in der sich drei Kolleginnen hart auseinander gesetzt haben. Am Ende sind wir zu einer interessanten Erkenntnis gekommen: Immer, wenn wir über Erziehung reden, reden wir über unsere eigenen Lebensmodelle. Man kann das nicht mit kühlem Kopf diskutieren, weil man sein eigenes Leben in Frage stellt.
Sind Journalisten leicht zu handhaben, zum Beispiel im Vergleich zu Politikern?
Sie sind fairer, weil sie keinem Dritten eine Position schuldig sind. Natürlich wollen sie gut aussehen und klug reden. Aber sie haben keine Wähler- oder Anhängerschaft, die böse Mails schreibt, wenn sie nicht die gewünschte Position vertreten. Es gibt natürlich auch schwierige Kollegen, das sind dann aber auch oft sehr wertvolle Diskussionsteilnehmer.

Der „Presseclub“ ist eine Institution, aber nicht in Stein gemeißelt. Planen Sie Änderungen oder Anpassungen?
In den fünf Jahren, in denen ich dabei bin, haben wir häufig über Veränderungen diskutiert. Wichtig ist, den Unterschied zwischen Staub und Patina zu finden. Bei aller Tradition wird es schwierig, wenn sie über der Sendung Staub wischen müssen. Das Kernelement des „Presseclub“ bleibt das Gespräch. Bei uns sitzen kluge Menschen am Tisch und machen sich Gedanken über die Probleme der Zeit. Wir werden nicht damit anfangen, Filme zu zeigen oder durch die Welt zu schalten. Allerdings wandelt sich der Politikbegriff. Für die Älteren ist Politik nach wie vor, wenn in Berlin der Bundestag entscheidet. Für Jüngere ist Politik, wenn in Bangladesch eine Textilfabrik brennt.
Eines hat sich im „Presseclub“ in den vergangenen Jahren immerhin getan: Es gibt Gleichberechtigung.
Am Anfang war das gar nicht so leicht. Es gibt zwar viele Journalistinnen in den Redaktionen, aber kaum in der Hierarchie. In vielen Zeitungsverlagen ist das ein Kriterium dafür, wer zum „Presseclub“ gehen darf. Wenn man jede Woche zwei Kolleginnen haben will, braucht man eine größere Zahl. Wir mussten uns das erst erarbeiten. Doch nun sind die Gespräche häufig klüger und zielorientierter.
Bei den Mediengattungen dominiert die schreibende Zunft die Runde, das Internet kommt eher selten vor. Muss sich der „Presseclub“ stärker öffnen?
Wir hatten auch schon Mitarbeiter von Online-Diensten zu Gast. Ein wichtiges Kriterium für eine Einladung ist die Frage, wo neue Inhalte geschaffen werden, wo also Leute sind, die schreiben, rausgehen, reden, in Hintergründe gehen. Und das ist im Online-Bereich nach unserer Erfahrung seltener der Fall. Neben dem Fernsehen werden wertvolle journalistische Inhalte immer noch mehr in Magazinen und Zeitungen geschöpft.

Wie entwickeln sich die Quoten?
Zusammen mit Phoenix kommen wir auf einen Marktanteil von acht bis neun Prozent, aber entscheidend ist für mich die konstante Zahl von einer Million Zuschauern. Obwohl unser Publikum im Durchschnitt ein älteres ist, wächst auch Publikum nach. Eine Sendung wie den „Presseclub“ schaltet man nicht ein, ohne ein wirkliches Interesse an der Sache zu haben.
In der Jubiläumssendung werfen Sie die Frage: „Nah an der Politik, weg von der Wirklichkeit? Was politischer Journalismus leisten und woran er scheitern kann“ auf. Welche Haltung vertreten Sie dazu?
Die Gefahr, dass Journalisten die Wirklichkeit aus den Augen verlieren, weil sie zu nah an der Politik sind, ist durchaus real. Es ist darum eine gute Symbolik, dass wir den „Presseclub“ aus Köln und nicht aus Berlin senden. Die Bundesrepublik ist föderal und der Hauptstadtjournalismus neigt dazu, die Themen der Woche wahnsinnig wichtig zu nehmen. Wir, die wir in der „Provinz“ sitzen, können einen Blick aus der Ferne dagegen setzen. Hier ist man möglicherweise etwas näher an den Sorgen des Alltags.
Die Presse gilt als Vierte Gewalt. Hat der „Presseclub“ schon einmal etwas bewirkt?
Mir fällt gelegentlich auf, dass Gedanken aus der Sendung in den nächsten Tagen in Leitartikeln auftauchen. Ob sich das auch in die politische Debatte zieht, kann ich nicht sagen. Aber auch so ist das schon eine Genugtuung, wenn ein Gedanke zuvor in unserer Sendung eine Rolle gespielt hat.
Das Interview führte Kurt Sagatz

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