30 Jahre Privatfernsehen : Tutti Frutti im Dschungelcamp

Vor 30 Jahren mischten die Privatsender das deutsche Fernsehsystem auf. Inzwischen müssen sie selbst um ihre Zukunft kämpfen.

Die große Show zu 30 Jahren RTL moderiert Thomas Gottschalk. Zu Gast unter anderem: Dschungelqueen Ingrid van Bergen.
Die große Show zu 30 Jahren RTL moderiert Thomas Gottschalk. Zu Gast unter anderem: Dschungelqueen Ingrid van Bergen.Foto: dpa

Trau keinem über 30 – 1984 war dieser Ausspruch aus den Protestjahren noch durchaus geläufig. Am 1. Januar vor 30 Jahren begann in Deutschland die Ära des Privatfernsehens mit dem Start von Sat 1, das damals allerdings noch Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk oder kurz PKS hieß. Der große Konkurrent folgte einen Tag später – als RTL Plus ebenfalls noch mit einem anderen Namen als heute. Die Korken lässt die Kölner Mediengruppe, zu der inzwischen eine ganze Programmfamilie gehört, jedoch erst am Freitag knallen. Thomas Gottschalk bekennt sich als Moderator der Jubiläumssendung mit Gästen wie Günther Jauch, Birgit Schrowange und Inka Bause einmal mehr zum privaten Fernsehen.

Frech, frivol und fordernd, so gingen die Privatsender vor 30 Jahren auf Sendung. Das Fordernde ist geblieben. Der RTL-Medienpolitiker und Chef des Verbandes Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT) Tobias Schmidt wird nicht müde, von der Politik Chancengleichheit für die deutschen Privatfunker im Wettbewerb gegen die übermächtig erscheinenden Internetkonzerne und andere ausländische Investoren zu fordern. Die Gründe sind nachvollziehbar, wie sich zuletzt an den Plänen für eine gemeinsame Internet-Mediathek der beiden großen Privatsenderfamilien gezeigt hat. Das Vorhaben namens Amazonas, das die Ressourcen von RTL und Pro Sieben Sat 1 auf einer einheitlichen Plattform bündeln wollte, war vom Kartellamt kassiert worden.

Das schöne Fernsehen

Fernsehen zum Abschalten

Die Anmacher

Die Konkurrenzlinie verläuft längst nicht mehr vorrangig zwischen öffentlich-rechtlichem Rundfunk und Privatsendern. Immer häufiger üben die Senderchefs aus München und Köln den Schulterschluss mit den Intendanten von ARD und ZDF. Die neue Konkurrenz heißt Hulu und Netflix und befindet sich auf dem Sprung über den Atlantik. Amazon ist mit dem Video-on-demand-Dienst Lovefilm bereits in Deutschland aktiv und konkurriert hier mit dem Vivendi-Ableger Watchever. Auf den Plattformen gibt es reichlich Stoff für Hollywood-Fans und Serienjunkies – zum Flatrate-Preis. Wer es noch aktueller will, zahlt bei Apples iTunes oder in Google Play pro Film oder Serienfolge einzeln. Oder geht zum Leidwesen der Rechteinhaber direkt ins Darkweb.

Die bevorzugte Waffe der Privatfunker im Kampf gegen die Konkurrenz aus dem Internet ist die Gründung immer neuer Spartenkanäle. Nach Sat 1 und RTL folgten Sender wie Musikbox (ab 1989 Tele 5), die europäische Ausgabe des Musikkanals MTV (1987), Pro 7 (1989), der Bezahlsender Premiere (1991), der Kabelkanal (ab 1994 Kabel 1), der Nachrichtensender n-tv (1992) oder Programme wie Vox, RTL II und Viva (alle 1993), N24 (2000) sowie Männersender wie Dmax und Frauenprogramme wie Sixx. In der Folge diversifizierten die öffentlich-rechtlichen allerdings gleichermaßen.

Die neue Konkurrenz kommt aus dem Internet

Auch diese Logik ist nachvollziehbar. Das Internet ist quasi eine riesengroße Ansammlung von Spartenkanälen für jeden Geschmack. Im Abruf-TV über das World Wide Web wird jedes Interesse sofort bedient. Wer als Nutzer bereit ist, sich auf die Suche zu begeben, wird fündig, in den meisten Fällen sogar auf legale Weise. Doch es wird auf absehbare Zeit auch weiterhin ein Bedürfnis nach dem linearen Fernsehen geben, dem alten Lean-back-Medium, bei dem man abschalten kann und den professionellen Programmmachern die Unterhaltung überlässt. Freilich auch hier jeder nach seinem Geschmack, schließlich gibt es im Digitalfernsehen so gut wie keine Ressourcenknappheit.

Eines jedoch ist dabei offenbar in Vergessenheit geraten: Die Privatsender konnten sich in Deutschland etablieren, weil sie eine Alternative zum behäbigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk geboten haben. Über die Werbefinanzierung gab es für Sender wie RTL Plus und Sat 1 nur zwei Optionen: Erfolgreich sein oder scheitern. Allein mit blanken Busen bei „Tutti Frutti“ und Hugo Egon Balder war dies nicht zu erreichen, auch wenn gezielte Tabubrüche zum festen Konzept eines Helmut Thoma gehörten. Die Privaten haben das Musikfernsehen reformiert, mit „ran“ dem Fußballfernsehen eine neue Farbe gegeben, und später mit Sendungen wie „Big Brother“ hitzige Diskussionen ausgelöst. Doch weder von frech noch von frivol ist heute viel zu spüren. Die letzte große Innovation, das „Dschungelcamp“, ist inzwischen ebenfalls zur festen Institution geworden. Der Blick zurück zeigt vor allem eins: Die Privaten sind in die Jahre gekommen.

„30 Jahre RTL – Die große Jubiläumsshow mit Thomas Gottschalk“, RTL, Freitag, 20 Uhr 15

Lebensabschnittsrollen

Landesmedienanstalt lässt vier Kanäle sperren

Dem deutschen Volke

ARD-Vorsitzende geht auf Verleger zu

Unter selbst ernannten Patrioten

Autor

7 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben