30 Jahre später : Öl heilt alle Wunden

„Dallas“ ist wieder da. Die Neuauflage der US-Serie setzt die Kämpfe um Macht und Liebe gekonnt fort.

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Die Gene, immer wieder die Gene. John Ross (Josh Henderson, links) ist nicht nur der Sohn von J.R. Ewing (Larry Hagman), er hat auch dessen Charakter geerbt. Foto: RTL
Die Gene, immer wieder die Gene. John Ross (Josh Henderson, links) ist nicht nur der Sohn von J.R. Ewing (Larry Hagman), er hat...

Das ist ganz große Fernsehoper. „Dallas“, erste Folge der Neuauflage und Fortführung der global erfolgreichsten Serie in den 1980er Jahren. Der Pate dieses TV-Kapitalismus, J.R. Ewing, sitzt im Pflegeheim. Die Augen sind geschlossen, der Mund schweigt, der Körper ist erstarrt. Tiefe, tödliche Depression? Bobby, sein guter Bruder, besucht ihn, tröstet ihn, versichert ihn seiner ungebrochenen Liebe. J.R. bleibt Mumie. Später, es mag die 25. Minute der Premierenfolge sein, besucht ihn sein Sohn John Ross. Das Verhältnis zwischen den Alphatieren gilt als mies. John Ross bringt schlimme Nachrichten. Er hat auf Southfork, dem Ewing-Stammsitz, nach Öl bohren lassen und ist fündig geworden. Aber sein Onkel Bobby verbietet jede weitere Exploration, auch weil dessen Mutter, Miss Ellie, dies testamentarisch so verfügt hatte. Um ganz sicherzugehen, will Bobby Southfork in ein Naturschutzgebiet verwandeln.

All das berichtet John Ross seinem Vater J.R. Und da fängt der Mund an zu sprechen, die Augen gehen auf, Spannung fährt in den Körper. Der Schläfer-Modus ist passé, der Mann riecht Öl, Kampf, Macht. Die Messer liegen bereit, J.R. geht an den Schleifstein. Das Sterben kann warten. Auch bei Bobby? Der ehemalige Ölbohrer und neuerdings Rinderzüchter ist von der ersten Seriensekunde an todkrank, Bobby hat Magenkrebs. Das verheimlicht er allen, selbst seiner Frau. Dieser Ewing ist noch herzensguter als in der alten „Dallas“-Ausgabe, er wird alle Sympathien einsammeln können, aber im Vergleich mit J.R., Macbeth und Mephisto in einer Person, ist er halt nur interessant.

Der Moment, an dem J.R. sich ins Spiel einwechselt, ist groß und großartig inszeniert. Und doch komplettiert er nur das Setting von „Dallas 2012“. Die Serie rotiert um eine neue Achse. Die Geschichte der bekannten Ewings mit den bekannten Schauspielern – J.R. (Larry Hagman), die „trockengelegte“ Sue Ellen (Linda Gray), Bobby (Patrick Duffy) – geht weiter, andererseits bietet sie ein neues Format, in dem die Ewing-Söhne plus Frauen die bewährten (und beliebten) Auseinandersetzungen um Macht und Liebe neu interpretieren.

Also tritt John Ross (Josh Henderson), Sohn von J.R. und Sue Ellen, gegen Christopher Ewing (Jesse Metcalf), Adoptivsohn von Bobby und Ann (Brenda Strong), an. Nebenbei: Das Casting bediente sich ausgiebig bei „Desperate Housewives“: Henderson war Sonnyboy Austin McCann, Metcalf „gärtnerte“ sich durch Vorgärten und Betten, Strong war die Off-Erzählerin Mary-Alice Young.

John Ross steht für Ewing Oil, Christopher ist mit seinem Methan-Hydrat-Projekt in der alternativen Energiegewinnung engagiert. Dann ist da noch Elena Ramos (Jordana Brewster), Tochter der Hausangestellten Carmen auf der Southfork Ranch. Auch bei ihr sind die Halbbrüder Konkurrenten. Sie sind wahrlich nicht allein, neben Eltern, weiteren Verwandten, Geschäfts- und sonstigen Partnern. Wichtigstes Kriterium in diesem „Intrigantenstadl“: Keiner soll nur das sein, was er zu sein vorgibt. Es sind Doppelgesichter, mal weiß der Zuschauer mehr, mal der Protagonist, die Irreführung ist ein entscheidendes Steuerungs- und Spannungsinstrument. „Dallas 2012“ ist dramaturgisch scharf gewürzt.

Die Serie ist härter geworden, die Protagonisten gehen sich mindestens so gerne an die Wäsche wie sie böse Worte tauschen. „Dallas“ ist schneller geworden, das Handlungstempo wird unverzüglich hochgefahren und verbleibt dort oben. Insbesondere bei der Kamera ist das Bühnenhafte der 80er Jahre zugunsten neuer Beweglichkeit gewichen, die Kamera filmt nicht ab, sie erzählt mit. Autorin Cynthia Cidre setzt die Ursprungsidee von David Jacobs fort, wenn sie das „Dallas“ des 20. mit dem „Dallas“ des 21. Jahrhunderts knotenfrei verknüpft. Frischware ist das, alles andere als aufgetaute Tiefkühlkost.

Und die Inszenierung? Sie setzt aufs schauspielerische Vermögen des Ensembles. Mehr als einmal fährt sie den Protagonisten scharf ins Gesicht, um die Aktion und Reaktion auf die schlimme Entwicklung abzuholen. Gut, Patrick Duffy wird nie mehr der Feinspieler, der Nuancen formt. Sein Bobby leidet an dieser Dichotomie, dass er stets nur das Gute will und doch vom Bösen eingeholt, wenn nicht überholt wird. Patrick Duffy ist der perfekte Bobby Ewing – und gut isses.

Die zwielichtigen Figuren, und davon gibt es jede Menge, halten die Balance zwischen Sein und Schein. Einzig das Frauenbild wirkt aus der Zeit und in die Vergangenheit zurückgefallen. Die Regie ist geradezu verliebt in die Szene, wenn die Kamera um ein sündteures Auto (Schleichwerbung!) herumwandert, dann öffnet sich die Fahrertür, schöne Frauenbeine schwingen heraus und schreiten selbstbewusst zur Tat. Auf Stilettos intrigiert sich besser. Weiber, wie J.R. sie mag.

„Dallas 2012“ nutzt den Generationenkonflikt in der Großfamilie. Menschen sind alt und krank geworden, Linda Gray und Patrick Duffy sind alt geworden. Larry Hagman gar todkrank. Sie zeigen es, die Großaufnahmen zeigen es. Da ist eine Ehrlichkeit in der Serie, die man dieser TV-Übertreibung nicht eben zugetraut hätte.

Keine Figur verkörperte besser den Magnetismus von „Dallas“ als der J.R. des Larry Hagman: kapitalistisch, hedonistisch, sexistisch. Hagman ist im November 2012 gestorben. Nach den zehn Folgen der ersten Staffel war er auch bei den sechs der zweiten dabei. Selbst wenn J.R. und Bobby nicht mehr die alleinigen Zentralfiguren von „Dallas“ sind, so ist es schier unvorstellbar, wie „Dallas“ ohne den Bösewicht funktionieren soll. Den Produzenten ist durchaus zuzutrauen und zu wünschen allemal, dass der Verlust aufgefangen wird. Verflixt anspruchsvoll, keine Frage. Wie Hagman als J.R. ausscheidet, ist wieder große Fernsehoper.

In den 1980er Jahren war die ARD der „Dallas“-Sender. Die Neuauflage läuft bei RTL. Das zeigt zweierlei: Der Privatsender RTL bekennt sich zum Durchschnittsalter seines Publikums mit 51 Jahren. Erstens. Zweitens: Wie tief muss das Erste geschlafen haben, als es zur Auktion für die deutsche Sendelizenz von „Dallas 2012“ gekommen war?

„Dallas“, RTL, 22 Uhr 15, zwei Folgen

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