40 Jahre "Derrick" : Mord in Slow Motion

Am 20. Oktober 1974 startete mit „Derrick“ die weltweit erfolgreichste deutsche TV-Serie. Die erste Folge kam gar nicht so gut an.

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Harry, hol schon mal den Wagen: Stephan Derrick (Horst Tappert, li.) und sein Assistent Harry Klein (Fritz Wepper). 281 Folgen wurden bis 1998 gedreht. Foto: dpa
Harry, hol schon mal den Wagen: Stephan Derrick (Horst Tappert, li.) und sein Assistent Harry Klein (Fritz Wepper). 281 Folgen...Foto: picture alliance / dpa

Die junge Frau, Ellen heißt sie, kommt mit der letzten S-Bahn aus München. Draußen, auf dem Land, steigt sie aus. Ihr Fahrrad steht dort. Doch das Hinterrad hat einen Platten, und so muss sie querfeldein durch den stockdunklen Wald, zum Internat. Als wie aus dem Nichts Herr Manger auftaucht – diabolisch dargestellt von Wolfgang Kieling. Er nimmt sie mit nach Hause, unter dem Vorwand, den Reifen aufzupumpen. Dort bringt Herr Manger, der noch bei seiner Mutter (Lina Carstens) im Haus am Waldrand lebt und zudem Lehrer am Internat ist, die junge Ellen um – es ist nicht das erste Mädchen. Die Szene ist in Slow Motion gedreht, mit poppiger Musik unterlegt, beide Darsteller alternierend im nahen Close-up gezeigt. Beklemmend, intensiv. Eine nahezu moderne Inszenierung. Und zugleich der Startschuss für die erfolgreichste deutsche TV-Serie überhaupt.

Tappert mit Toupet und Trenchcoat

Am 20. Oktober 1974 strahlte das ZDF die erste Folge der Krimiserie „Derrick“ aus. „Waldweg“ kam gar nicht gut an bei Kritik und Zuschauern. Dass der Mörder von Anfang an bekannt war, das stieß ebenso auf Ablehnung als auch die Art des neuen Ermittlers Stephan Derrick und seines Assistenten Harry Klein. Es wird eine ganze Weile dauern, bis sich die von Drehbuchautor Herbert Reinecker ersonnene Figur eingelebt hat, bis sie angenommen wird vom Publikum. Als man sich erst einmal an den großen Mann mit Toupet und Trenchcoat gewöhnt hat – in seinem Auftreten ruhig und besonnen, einfühlsam und zurückgenommen, dennoch dezidiert, mit moralischem Anspruch und psychologischem Tiefgang –, da will ihn der deutsche Zuschauer nicht mehr missen. Und nicht nur der: „Derrick“ wurde in insgesamt 102 Länder verkauft und flackert bis heute zwischen Schweden und Japan auf den Bildschirmen.

Keine andere deutschsprachige Fernsehserie hat es bisher geschafft, „Derrick“ diesen Rang streitig zu machen. 281 Folgen werden es im Oktober 1998 sein, als Horst Tappert aufhört. Ein Vierteljahrhundert bundesrepublikanischer Fernsehgeschichte, in der sich eben auch der Wandel des Landes spiegelt: „Derrick“, das ist ein Stück Zeitgeschichte, ein wunderbares Dokument, dass das Leben in diesem Land der 70er, 80er und 90er zeigt: seine Sitten, seine Bräuche, seine Moden, seine Moral. All das läuft bei „Derrick“ en passant mit und erfordert den genauen, historisch-kritischen Blick. Horst Tappert und Fritz Wepper trugen diese Kult-Serie, Herbert Reinecker schrieb alle Folgen, Helmut Ringelmann („Der Alte“) produzierte sie mit seiner Münchner Telenova Produktion. Und die deutschen Leinwandstars, sie standen freiwillig Schlange beim Casting der Nebenrollen: Curd Jürgens, Lilli Palmer, Maria Schell, Horst Buchholz, Bernhard Wicki. Horst Tappert selbst, er wurde im Ausland zum Botschafter einer sich regenerierenden Nation, war buchstäblich bekannter als der Papst.

Am 26. April 2013 schließlich geschieht etwas Unerwartetes: Durch Recherchen des Soziologen Jörg Becker, der ein Buch über die Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann publiziert, wird bekannt, dass Horst Tappert offenbar Mitglied in der Waffen-SS war.

Sohn Ralph Tappert, der hiervon zuvor selbst nichts wusste, gibt die Aktenkarte, auf der der entsprechende Verweis enthalten ist, umgehend frei. Tappert, Jahrgang 1923, war 19 Jahre jung, als er in der SS-Flak-Ersatzabteilung im hessischen Bad Arolsen war. „Bild“ titelt daraufhin am 30. April 2013: „Die SS-Akte Derrick“. Fünf Jahre zuvor, am 13. Dezember 2008, stirbt Horst Tappert im Alter von 85 Jahren bei München. Die Figur des Stephan Derrick wird bleiben. Sie ist längst schon zum unsterblichen Mythos geworden. Zu Recht. Thilo Wydra

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