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40 Jahre "Reifezeugnis" : Der "Tatort" mit Tabubruch

Ein Lehrer hat ein Verhältnis mit einer Schülerin: Der "Tatort: Reifezeugnis" war vor 40 Jahren Tagesgespräch. Für mindestens drei Personen hatte er biografische Konsequenzen.

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Sina Wolf (Nastassja Kinski) "geht" mit Michael Harms (Marcus Boysen), aber ein Verhältnis hat sie mit ihrem Lehrer.
Sina Wolf (Nastassja Kinski) "geht" mit Michael Harms (Marcus Boysen), aber ein Verhältnis hat sie mit ihrem Lehrer.Foto: dpa

Ein Lehrer, der sich in seine Schülerin verliebt und ein Verhältnis mit ihr beginnt. Ein jugendlicher Verehrer, der das Versteckspiel aufdeckt, seine Mitschülerin erpresst und schließlich erschlagen aufgefunden wird: Bis heute zählt der "Tatort: Reifezeugnis" zu den bekanntesten und erfolgreichsten Folgen der Sonntagabend-Reihe. Der Krimi löste bei seiner Erstausstrahlung am 27. März 1977 aufgrund der brisanten Thematik einen Fernsehskandal aus. Die Darstellung einer sexuellen Beziehung zwischen einem Lehrer und seiner Schülerin und die Nacktszenen der damals erst sechzehnjährigen Nastassja Kinski machten den Fall zum allgemeinen Tagesgespräch.

Das NDR Fernsehen wiederholt an diesem Donnerstag um 23 Uhr 30 den „Tatort“-Krimi, der bereits etliche Mal im TV zu sehen war - allein elf Mal im Ersten und sieben Mal im NDR - und seit 2010 auch als DVD erhältlich ist. Wie viele Menschen den Klassiker mit dem Kieler Kommissar Finke, gespielt vom 1991 verstorbenen Klaus Schwarzkopf, insgesamt schon sahen, ist kaum zu bestimmen. Die Zahl liegt im zweistelligen Millionenbereich. Eine Sehbeteiligung von 67 Prozent bei der Erstausstrahlung ist überliefert. Damals wurde allerdings noch nach anderen Kriterien und vor allem nur in Westdeutschland gemessen.

Nackte Menschen, Lehrerliebe - was ein Skandal

Aber warum wurde der „Tatort“ nach dem Drehbuch von Herbert Lichtenfeld ("Schwarzwaldklinik") zum Gesprächsthema? Deutschland, Westdeutschland funktionierte damals anders. Die Republik beherrschten noch weitgehend die konservativen Wertebewahrer aus der Nachkriegszeit. Der Schub neuer Ideen mit der Studentenrevolte der späten sechziger Jahre brachte erst langsam Änderungen mit sich - auch im Fernsehen. Nackte Menschen wie die 17-jährige Sina, die verbotenerweise ihren Lehrer liebte, lösten beim Pantoffelkino-Publikum zwischen Käseigel und Amselfelder großenteils Empörung oder rote Köpfe aus; gleichgültig blieb kaum jemand.

Christian Granderath, der NDR-Fernsehfilm-Chef sieht das so: ",Reifezeugnis‘ mit Nastassja Kinski war in den Siebzigern eine sexuelle Initiation für sehr viele männliche Jugendliche. Auch deswegen ist dieser ,Tatort' zur Legende geworden." Was Ganderath auch wusste, aber nicht auszusprechen wagte: Mit dem "Tatort: Reifezeugnis" kam auch ein domestizierte "Schulmädchen-Report" ins Fernsehen.

Vielleicht ist eine weitere Parallele möglich: Der Kinofilm "Reifeprüfung" (The Graduate) von 1968 mit Dustin Hoffman und Anne Bancroft, in der der 21-jährige Student Benjamin Braddock eine Affäre mit einer verheirateten, gelangweilten Frau hat, gehört mit in den Zeitkosmos. Benjamin wird von Erwachsenen verführt, fehlgeleitet und betrogen - bis er sein Leben selbst in die Hand nimmt.

Krimi mit Karrierefolgen

Für Dustin Hoffman begann damit eine lange, erfolgreiche Kinokarriere, der "Tatort: Reifezeugnis" hatte für mindestens drei Personen biografische Konsequenzen. Regisseur Wolfgang Petersen machte international Karriere, unter anderem drehte der heute 76-Jährige bald „Das Boot“ und „Die unendliche Geschichte“. Sina-Darstellerin Nastassja Kinski, Tochter von Film-Exzentriker Klaus Kinski, heute 56 Jahre alt, zog es in die USA. Sie war danach noch in einigen Filmen zu sehen. Das kollektive Gedächtnis aber bewahrt hierzulande die Szenen, in denen Kinski leichtbekleidet zu sehen war. Schließlich der Lehrer Fichte: Christian Quadflieg, 71, damals schon bekannt, spielte später im ZDF viele Jahre den populären „Landarzt“.

Regisseur Petersen erzählte der „Bild“-Zeitung vor rund zwei Jahren, wie es sich damals zutrug und was für ein Verhältnis er zu Nastassja Kinski entwickelte: „Als ich sie zum ersten Mal sah, sie war erst 15, dachte ich: Die musst du nehmen. Sie hat eine Magie zwischen Frau und Kind. Das Gesicht ist so toll, da bleibt einem die Luft weg, wenn ich die angucke. Wir wussten alle: Das wird ein Star.“ Und dann habe sie ja auch ganz Hollywood verzaubert. Plötzlich, in noch jungem Alter, habe sie die Nase voll gehabt und Mutter werden wollen.

Bemerkenswerte Psychogramme

Auch für Quadflieg ist die Erinnerung an damals mit einem gewissen Erstaunen verbunden: „Die Szene, die so viele damals empörend fanden, war aus heutiger Sicht eher lächerlich: Da huschte Nastassja Kinski für Sekunden oben ohne durchs Bild“, erzählte der Schauspieler kurz vor seinem 70. Geburtstag der Deutschen Presse-Agentur. Vielleicht aber haben sich damals nicht nur einige Zuschauer für die halbnackte Kinski interessiert, sondern auch für die Handlung, denn „Petersens Film lebt nicht von einer sonderlich ausgeklügelten Geschichte, sondern von den bemerkenswerten Psychogrammen der beteiligten Figuren“, fasste es die "FAZ" treffend zusammen.

In dem Krimi erschlägt Sina einen Mitschüler, der damit droht, ihre Affäre mit dem Lehrer ans Licht zu bringen und sie vergewaltigen will. Der Zuschauer wird schnell darüber ins Bild gesetzt und verfolgt die Story mit den Augen der Täterin _ für den „Tatort“ ungewöhnlich. Als Kommissar Finke die verzweifelte Sina zum Schluss beim Selbstmordversuch rettet, endet der Film.

Vor rund zehn Jahren entstand die Idee der Fortsetzung: Sina ist nach Verbüßung einer Jugendstrafe nach New York ausgewandert und trifft nach ihrer Rückkehr wieder auf Lehrer Fichte und seinen Sohn _ damit nimmt das Unheil seinen Fortgang. Klingt sehr aufgesetzt. Nein, dass "Reifezeugnis" zum Klassiker wurde, lag und liegt auch daran, dass die Magie unangetastet blieb. (mit dpa)

"Tatort: Reifezeugnis", NDR Fernsehen, Donnerstag, 23 Uhr 30

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