40 Jahre ZDF-Umweltredaktion : „Aufrütteln ist schwieriger geworden“

Schaumberge auf Flüssen, die auf Umweltsünden hinweisen, gibt es kaum noch. Heute muss das Thema journalistisch anders angefasst werden. Volker Angres über Nachhaltigkeit im Fernsehen und 40 Jahre Umweltberichterstattung im ZDF.

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Reizthema Windkraft. Was den Umweltjournalismus auszeichnet, ist dieses Nachprüfen: Was hat sich geändert, hat die Politik reagiert, gibt es neue Erkenntnisse? Foto: Reuters
Reizthema Windkraft. Was den Umweltjournalismus auszeichnet, ist dieses Nachprüfen: Was hat sich geändert, hat die Politik...Foto: Reuters

Herr Angres, das ZDF feiert den 40. Geburtstag seiner Umweltredaktion. Seit 1990 leiten Sie das gut zehnköpfige Team. Wenn Sie sich heute alte Sendungen anschauen, was fällt Ihnen dabei auf?

Natürlich bin ich immer etwas entsetzt, wie man früher Fernsehen gemacht hat und wie ich aussah. Aber ich stelle auch fest, dass wir bei vielen Themen in der Sache kaum vorangekommen sind.

Ihr Beitrag über den Klimagipfel in Kyoto 1997 könnte inhaltlich mit ein paar aktualisierten Zahlen glatt wieder gesendet werden. Was hat sich nach Ihrer Beobachtung in der Umweltberichterstattung am meisten verändert?
Auf der inhaltlichen Seite ist der wesentliche Punkt, dass man viele Dinge nicht mehr sehen kann. Das ist für ein Bildmedium wie für das Fernsehen fast eine Katastrophe. Die Schaumberge auf den Flüssen haben jedem gezeigt: Da stimmt etwas nicht. Wenn ich heute ein Fließgewässer untersuche, muss ich schon die große chemische Analytik bemühen und ein Labor beauftragen, um herauszufinden, was da drin ist. Dann lässt sich vielleicht eine Kurve auf einem Computerbildschirm zeigen. Aber ob das ein prickelnder Film wird, ist die nächste Frage. Ob das emotional genug ist, um die Menschen zu interessieren oder aufzurütteln? Das ist schwieriger geworden. Das gilt übrigens auch für die Klimaberichterstattung. Die dampfenden Schornsteine können ja nicht ewig das Bild dafür sein.

Volker Angres leitet die ZDF-Umweltredaktion seit 1990. Er präsentiert die Sendung „planet.e“, die immer sonntags um 14.45 Uhr im ZDF läuft. Foto: ZDF
Volker Angres leitet die ZDF-Umweltredaktion seit 1990. Er präsentiert die Sendung „planet.e“, die immer sonntags um 14.45 Uhr im...Foto: ZDF

Manche Themen haben ja regelrecht Ewigkeitscharakter wie die Klimaberichterstattung. Fällt Ihnen zu solchen Wiederholungsfällen denn immer noch was ein?
Nein, eigentlich nicht. Aber mich rettet die Annahme, dass wir nachwachsendes Publikum haben. Es sind ja nicht immer die gleichen Leute, die man mit solchen Themen bedient. Es sei denn, man macht es pro Woche zwei Mal. Aber wenn man nach Monaten oder Jahren ein Thema wieder aufgreift und annehmen kann, dass die meisten Zuschauer die früheren Sendungen nicht kennen, dann ist es doch gut zu legitimieren, dass man noch mal einsteigt. Was bei anderen Themen zu kurz kommt, den Umweltjournalismus aber auszeichnet, ist ja gerade dieses Nachprüfen: Was hat sich geändert, hat die Politik reagiert, gibt es neue Erkenntnisse?

Sehen Sie sich eher als Umwelt- oder als Nachhaltigkeitsjournalisten?
Da eiern ja ganz andere herum, um Definitionen zu finden. Ich würde sagen, das Dach ist die Nachhaltigkeitsberichterstattung. Die Umweltberichterstattung fällt darunter. Es ist aber eine eher akademische Trennung. Wichtiger ist, diesen Begriff möglichst lebensnah mit Bedeutung zu füllen. Es war ein Fehler, sustainability einfach nur zu übersetzen. Wir vermeiden den Begriff Nachhaltigkeit als Schlagwort. Damit wird er schleichend entwertet. Und das hat er nicht verdient.

Ist die Umweltredaktion nur für die Sendung „planet.e“ verantwortlich, ein Format, in dem Umweltdokumentationen gesendet werden?
Nein, wir beliefern auch die Nachrichtensendungen und andere aktuelle Formate wie das „Morgenmagazin“. Im vergangenen Jahr waren es 120 Beiträge aus der Umweltredaktion in der aktuellen Berichterstattung. Das sind übrigens oft auch Auskopplungen aus unseren „planet.e“-Dokus, weil wir die oft aktuell anbinden. Das finden wir auch wichtig, weil Umweltthemen in den Nachrichtensendungen wie in „heute“ um 19 Uhr eine ganz andere Resonanz haben als sonntagnachmittags.

Wie ging es denn überhaupt los mit der Umweltberichterstattung im ZDF?
Es hat 1973 mit einem Doku-Format angefangen. Das hieß damals „Tatsachen“, das sonntags live gesendet wurde. Ein paar Jahre lang haben wir uns den Sendeplatz mit zwei anderen Formaten geteilt, dem „Tele-Zoo“ und der Gartensendung „Grün & bunt“. Daraus wurde dann zuerst die Dachmarke: Treffpunkt Natur und später das Format „ZDF.Umwelt“. Das war die Zeit, als wir alle so internet-affin und diese Dots zwischen den Titeln modern wurden. Der Punkt hat sich bei „planet.e“ gehalten. Die große Neuerung war, dass wir die Chance bekamen, das Magazin wöchentlich auszustrahlen. Vor etwa zwei Jahren ist aus dem Magazin wieder ein Doku-Format geworden.

Was macht mehr Spaß, das Doku-Format oder das Magazin?
Ich vermisse beim Doku-Format die Möglichkeit, aktuell reagieren zu können. Ereignisse aus der Woche aufzugreifen, Interviews zu führen, das Spontane. Auf der anderen Seite ist es ein Riesending, Dokus zu machen. Die Doku bietet die Chance, eine Geschichte so zu erzählen, dass man vielleicht die Chance hat, dass etwas hängen bleibt. Am liebsten würde ich beides machen. Das war jetzt geträumt.

Wie entscheiden Sie über die Themen der Dokumentationen?
Wir wissen, dass Umweltprobleme meistens globale Probleme sind. Wir versuchen dabei möglichst einen Bezug zu Deutschland hinzubekommen. Aktualität spielt natürlich auch eine wichtige Rolle. „Planet.e“ versteht sich als sehr erzählerisches Format mit mindestens einem oder auch mehreren Protagonisten. Es kommt auch vor, dass wir ein eigentlich wichtiges Thema nicht machen, weil wir uns eine filmische Umsetzung nicht vorstellen können. Es gibt aber auch Geschichten, die müssen einfach erzählt werden.

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