50 Jahre "Beat-Club" : Der Urknall

Als das Fernsehen noch die Welt verändern konnte: Die ARD würdigt die „Generation Beat-Club“. Erstaunlich daran vor allem die Kommentare schockierter Zeitgenossen.

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Moderatorin Uschi Nerke und der "Beat-Club"
Moderatorin Uschi Nerke und der "Beat-Club"Foto: Radio Bremen/Jutta Vialon

An einem ganz normalen Samstagnachmittag im Herbst 1965 hat die ARD die Welt verändert; vielleicht nicht sofort, aber doch nach und nach. Am 25. September begann das „Erste“ mit der Ausstrahlung einer neuen Sendung namens „Beat-Club“. „Beat-Club“ war, abgesehen von der „Kinderstunde“, das erste Angebot, das sich an eine spezielle Altersgruppe richtete, weshalb der spätere „Tagesschau“-Sprecher Wilhelm Wieben ausdrücklich die Jugendlichen begrüßte und die Älteren um Verständnis bat.

Das Konzept der von Radio Bremen erfundenen Sendung war ergreifend schlicht: Wer in der Gegend auf Tour war, wurde überredet, einen Abstecher ins „Beat-Club“-Studio zu machen. Präsentiert wurde die Show von Uschi Nerke, die Anfang 20 und unglaublich sexy war.

Es ist keineswegs übertrieben, wenn Radio Bremen die gemeinsam mit dem WDR produzierte Erinnerungssendung „Generation Beat-Club“ nennt. Die Show hat nicht nur den Musik- und Modegeschmack ihrer Zielgrupe geprägt, sondern später, als die Sendezeit von 30 auf 60 verdoppelt wurde, mit zeitkritischen Beträgen auch zu einem politischen Bewusstsein angeregt. Um dies zu verdeutlichen, haben sich Michael Meert und Carl-Ludwig Rettinger mit Menschen unterhalten, die in den 1960ern herangewachsen sind, was die Sendung von vergleichbaren Shows unterscheidet, in denen irgendwelche Fernsehnasen über die Jugendjahre ihrer Eltern reden. Auf den „Promifaktor“ verzichtet die Sendung ohnehin ganz bewusst. Die Zeitzeugen beschreiben, wie das damals war, als der „Beat-Club“ in die heile Fernsehwelt einbrach. Wolfgang Niedecken erzählt von seinem musikalischen Erweckungserlebnis („Urknall“), Christian „Kuno“ Kunert steuert die ostdeutsche Perspektive bei.

Verfremdete Auftritte von Cream, Steppenwolf, Deep Purple

Musikalisch ist die Hommage dank der psychedelisch verfremdeten Auftritten von Cream, Steppenwolf, Deep Purple, Jimi Hendrix oder The Who ein Ereignis, zur Zeitreise wird sie durch die Schilderungen der Gäste. Und durch die zeitgenössischen Kommentare schockierter älterer Herren, die auf unangenehme Weise in Erinnerung rufen, wie sehr das nationalsozialistische Gedankengut 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch in den Köpfen steckte.

Dass die Röcke der Mädchen immer kürzer wurden, wird den Männern gefallen haben, angesichts der immer längeren Haare der Jungs fiel ihnen nur noch die Gaskammer ein; erst recht als die „Gammler“ auf die Straße gingen, um gegen den Vietnamkrieg zu protestieren. All das hat natürlich nicht allein der „Beat-Club“ bewirkt, aber er war sicher ein Katalysator dieser Entwicklung. Die Macher des zukünftigen Jugendangebots von ARD und ZDF werden vermutlich schon dankbar sein, wenn sie überhaupt wahrgenommen werden.

„Generation Beat-Club“, Montag, ARD, 23 Uhr 30

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