50 Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg : Abgründe des Krieges

Nach dem Sechs-Tage-Krieg waren es „Zensierte Stimmen“. 50 Jahre später sind die bedrückenden Erzählungen der israelischen Soldaten nun endlich zu hören.

Igal Avidan
„Wir sind eine Besatzungsarmee geworden.“ Viele israelische Soldaten waren entsetzt, in welche Rolle der Sechs-Tage-Krieg von 1967 sie gedrängt hat.
„Wir sind eine Besatzungsarmee geworden.“ Viele israelische Soldaten waren entsetzt, in welche Rolle der Sechs-Tage-Krieg von 1967...Foto: Uri Mimon, Arte

Die enorme Spannung vor dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 – viele Israelis befürchteten ihre Vernichtung – entlud sich durch den Sieg in der Öffentlichkeit in einem Rauschgefühl. Israel hatte sein Territorium verdreifacht und der endgültige Frieden schien nah. Zugleich stellten der damals unbekannte Schriftsteller Amos Oz und sein Redakteur Avraham Shapira fest, dass die umjubelten Kriegshelden bedrückt waren. Ihr trauriges Schweigen ging in der Öffentlichkeit vollkommen unter. Die Kibbuzbewegung beauftragte die beiden Kibbuzniks herauszufinden, warum die Helden traurig sind. Mit einem Bandrekorder nahmen sie Gespräche mit Frontsoldaten auf, die von ihren persönlichen Erlebnissen und Gefühlen im Kampf berichteten, nicht über Heldentaten. Ungefiltert können diese „Zensierten Stimmen“ jedoch erst heute, 50 Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg, gehört werden.

Ein Soldat erzählte über die Erschießung von arabischen Gefangenen, ein Offizier über den Befehl zur Vertreibung von Palästinensern, den er, der mit den Geschichten von Schoah-Überlebenden aufwuchs, nicht erfüllen konnte. Amos Oz, der in West-Jerusalem geboren wurde, beschrieb, wie er sich in der „befreiten“ Altstadt von Jerusalem wie in einer fremden Stadt fühlte. Ein Soldat erstellte eine düstere Prognose über die Zukunft Israels: „Die nächste Runde wird noch grausamer, weil wir eine Besatzungsarmee geworden sind.“

Über 70 Prozent der Texte gestrichen

Die Militärzensoren mochten die unpatriotischen Aussagen der 140 Soldaten ganz und gar nicht. „Sie strichen über 70 Prozent des Textes, obwohl darin keine Militärgeheimnisse enthalten waren“, sagt Shapira. „Wir waren verzweifelt und hilflos. Aber Amos Oz wollte nicht aufgeben. Zusammen mit dem obersten Bildungsoffizier gingen wir Seite für Seite durch und er ließ einige zensierte Stellen wieder zu“. Das Buch „Kämpfer im Gespräch“ wurde zum Bestseller und in sechs Sprachen übersetzt, auch ins Deutsche. Avraham Shapira befürchtete einen Missbrauch der Aussagen der Soldaten und hielt die historischen Tonbänder daher 44 Jahre lang trotz wiederholter Nachfragen aus aller Welt unter Verschluss.

Als die junge israelische Filmemacherin Mor Loushy 2011 das längst vergessene Buch entdeckte, war sie von den anti-militaristischen Stimmen erstaunt. „Diese standen im krassen Gegensatz zu dem, was ich bisher über den Krieg von 1967 studiert hatte.“ Sie bedrängte Shapira monatelang und überredete ihn schließlich, die alten Tonaufnahmen herauszugeben und zu digitalisieren. Dann ließ sie die zensierten Aussagen der Soldaten vor dem Hintergrund von authentischen Bildern aus dem Krieg zum Dokumentarfilm „Censored Voices“ oder „Zensierte Stimmen“ erklingen. Einige alte Kämpfer lauschen vor der Kamera ihren Aussagen von 1967, zum Beispiel Amos Oz. Er sagte damals: „Wenn wir es schaffen zu erzählen, was uns derzeit so bedrückt, heben wir vielleicht nicht unbedingt die ‚nationale Moral‘. Aber wir werden der Wahrheit einen kleinen Dienst erweisen.“

Auch Loushy musste den Film der Zensurbehörde vorlegen. Aber zum Glück haben sie ihn nur minimal zensiert. „Vielleicht ist die Zensur seit 1967 liberaler geworden“, sagt sie. „Diese Soldaten sahen damals, wie katastrophal Israels Kontrolle über die eroberten Gebiete sein würde. Ihre Stimmen sind daher heute relevanter denn je.“

„Zensierte Stimmen“, Arte, Dienstag, 21 Uhr 45

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