Abschied auf Raten : Schönes altes DVB-T

„Überallfernsehen“ war gestern? RTL steigt aus, Pro Sieben Sat 1 überlegt, die ARD bleibt vorerst treu.

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Große Auswahl. In der Hauptstadtregion laufen mehr als 40 Progamme. Foto: dpa
Große Auswahl. In der Hauptstadtregion laufen mehr als 40 Progamme. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

2002 war Digital Video Broadcasting-Terrestrial (DVB-T) mit großem Hurra gestartet. Neben Satellit und Kabel sollte das herkömmliche Antennenfernsehen dank seiner neuen, digitalen Ausstrahlung als dritter Empfangsweg erhalten bleiben. Knapp zehn Jahre später hat die Begeisterung schon spürbar nachgelassen, jedenfalls aufseiten der Sender. Die Mediengruppe RTL hat angekündigt, von 2015 an RTL, RTL 2, Vox, Super RTL und n-tv nicht mehr über DVB-T zu verbreiten. Damit werden wohl schon ab Juni dieses Jahres im Großraum München die Programme nicht mehr über den terrestrischen Weg zu empfangen sein. In allen anderen Regionen laufen die Verträge im Dezember 2014 aus. RTL begründet den Schritt mit fehlender Planungssicherheit und damit, dass mit einer DVB-T-Ausstrahlung kein tragfähiges Geschäftsmodell verbunden sei. Laut RTL ist sie dreißig Mal teurer als die Satelliten-Verbreitung. Zudem trage der Antennenempfang nur mit 4,2 Prozent zum Marktanteil der RTL-Sendergruppe bei. Der Reichweitenverlust bei einem Ausstieg scheint in der Kosten-Nutzen-Rechnung nicht gravierend.

Der Verlust der RTL-Sender ist ein harter Schlag für das „Überallfernsehen“. Nicht unwahrscheinlich, dass die Sendergruppe Pro Sieben Sat 1, im Bouquet mit Sat 1, Pro Sieben, Kabel 1, sixx und N 24 vertreten, dem Konkurrenten folgt. Noch sei keine Entscheidung getroffen, heißt es. „Für uns sind derzeit alle Optionen offen, sowohl der Ausstieg aus der terrestrischen Verbreitung als auch die Verlängerung von DVB-T1 sowie die Einführung von DVB-T2“, sagte der Leiter Technik Distribution von Pro Sieben Sat 1 Media, Klaus Steffens, dem epd. Entscheidend sei, ob DVB-T zukünftig wirtschaftlich tragfähig sei und neue Geschäftsmodelle etabliert werden könnten. Mit dem Standard DVB-T2 können mehr Programme und bessere Bildqualität auf gleicher Bandbreite gesendet werden. Auch eine Übertragung von HDTV ist möglich. Die erfolgreiche Einführung von DVB-T2 frühestens 2015 sei aber nur unter erheblichen Anstrengungen und einer Zusammenarbeit aller Marktteilnehmer von Industrie über Programmveranstalter bis hin zur Medienpolitik möglich, sagte Steffens.

Die ARD hatte bereits den Umstieg auf den Nachfolgestandard DVB-T2 „für den Zeitraum ab 2016 angekündigt“. Aber einen Blankoscheck auf ewige Treue will der neue ARD-Vorsitzende, NDR-Intendant Lutz Marmor, nicht ausstellen. Er sagte dem Tagesspiegel, „für die ARD besteht kein aktueller Entscheidungs- und Handlungsbedarf, da die Verträge zu DVB-T zwischen Ende 2016 und 2019, in Teilen sogar noch später, auslaufen. Zu gegebener Zeit werden wir die Situation in Ruhe analysieren.“ Der RBB meldet noch längere Laufzeiten.

Die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF werden aus ihrer Verpflichtung zur Grundversorgung diesen Vertriebsweg eigentlich nicht aufgeben können. Was aber, wenn die Attraktivität durch den Ausstieg weiterer Sender derart gesunken ist, dass die Nutzerzahlen weiter und weiter sinken?

DVB-T wird in Deutschland keineswegs überall in gleicher Formation ausgestrahlt. Das Antennenfernsehen ist ein Ballungsraumfernsehen. In der Hauptstadtregion werden mehr als 40 Programme verbreitet, 22 Prozent der Haushalte nutzen DVB-T für das Erst- und/oder das Zweitgerät. Auf ganz Deutschland bezogen empfangen rund vier Millionen der knapp 36 Millionen „Fernseh-Haushalte“ ihr Fernsehsignal derzeit ausschließlich oder unter anderem digital über Antenne. DVB-T erreicht in Ballungsräumen nach Angaben der Landesmedienanstalten einen Marktanteil von bis zu 26 Prozent. Bundesweit liegt der Marktanteil weit darunter.

Die Vorteile für DVB-T liegen auf der Hand: Die Infrastruktur ist preisgünstig zu installieren, sie ist mobil, anders als beim Kabelempfang sind monatlich keine Gebühren fällig. In einer nach wie vor einkommensschwachen Stadt wie Berlin sind das gewichtige Argumente. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen hat den RTL-Ausstieg bereits kritisiert, weil dadurch allein in NRW eine Million Haushalte gezwungen seien, auf die teureren Wege Kabel oder DSL umzusteigen. Sie befürchtet zudem, der Abgang der Sendergruppe könne einen Domino-Effekt auslösen, weil damit die Kosten für die übrigen Sender stiegen.

Sender, Rundfunkpolitik, Landesmedienanstalten sind gefordert, die Zukunft von DVB-T zu sichern. Joachim Huber

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