"Absolute Mehrheit" : Stunde der Populisten bei Stefan Raab

Steuerehrlichkeit, Euro-Müdigkeit und Bildungschancen lauteten die Themen des Polittalks „Absolute Mehrheit“ am Sonntagabend. Gegen Gregor Gysi hatten nicht nur die anderen Gäste keine Chance.

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Der Dompteur und seine Gäste: Stefan Raab (Mitte) mit Gregor Gysi (links) und Dirk Niebel.
Der Dompteur und seine Gäste: Stefan Raab (Mitte) mit Gregor Gysi (links) und Dirk Niebel.Screenshot: Tsp

Stefans Raabs Polittalk „Absolute Mehrheit“ hätte am Sonntagabend auf ProSieben genauso gut „Circus Halligalli“ heißen können. Mit einer Diskussionsrunde hatte dieses Streitgespräch streckenweise wenig gemeinsam. Aus dem Moderator Raab wurde ein Dompteur, dem es im Verlauf der Sendung zunehmend schwerer fiel, sich im Halbrund seiner Gäste durchzusetzen. Drei Fragen wurden an diesem Sonntag verhandelt. Die Steuerhinterziehung und der Fall Hoeneß, Deutschland und der Euro-Ausstieg, Bildungschancen und Chancengerechtigkeit. Jedes Mal wurde daraus eine höchst emotional geführte Debatte um soziale Gerechtigkeit. Kein Wunder also, dass Linken-Politiker Gregor Gysi als Gewinner aus TV-Show hervor ging. Und auch der zweite Platz für Bernd Lucke, den Volkswirtschaftsprofessor aus Hamburg und Sprecher der eurokritischen „Alternative für Deutschland“ war nur folgerichtig, denn auf ProSieben stand an diesem Abend die Stunde der Populisten auf dem Programm.

Die Sendung „Absolute Mehrheit“  stand dieses Mal unter besonderer Beobachtung. ZDF-Chefredakteur Peter Frey hatte Raabs Befähigung für das ernsthafte politische Gespräch in Frage gestellt. Sat 1 möchte den zur Sendergruppe ProSiebenSat1 gehörenden Moderator ins Kanzlerduell zwischen Amtsinhaberin Angela Merkel und Herausforderer Peer Steinbrück schicken, doch das passt dem öffentlich-rechtlichen Frey überhaupt nicht. „Das Duell ist keine Showbühne für die Mätzchen von Moderatoren“, hatte der ZDF-Mann gegen Raabs Teilnahme am Kanzlerduell gewettert. Nach der Sendung solle Deutschland nicht darüber diskutieren, ob Raab auch Politik kann, sondern wer die oder der bessere im Kanzleramt ist, führte er aus. „Wir brauchen fürs Duell keinen Unterhaltungsmoderator, um junges Publikum zu erreichen“, sagte Frey.

Richtig ist: Unterhaltung ist Raab angeboren, und unterhaltsam war auch diese Runde von „Absolute Mehrheit“. Wenn jemand viele Wale rettet, aber einige Kätzchen umbringt, wiegen dann viele gute Taten einige schlechte auf, wollte Raab zum Fall Hoeneß  von Gysi wissen. Der Fraktionschef der Linken antworte geschickt als Jurist, dass beide Fälle getrennt zu behandeln sind. Der FPD-Politiker Dirk Niebel hingegen konnte in dieser wie auch in allen anderen Fragen nicht von seinem Ministerbonus profitieren. Sein gebetsmühlenartig wiederholtes Argument, dass mit dem von der Opposition verhinderten Steuerabkommen mit der Schweiz mehr Steuergerechtigkeit hätte hergestellt werden können, kam beim Saalpublikum nicht an. Und auch die Zuschauer an den Fernsehgeräten, die per Telefon und SMS den Sieger des Abends bestimmen, ließen den Entwicklungsminister durchfallen. Nicht einmal die Fünf-Prozent-Hürde schaffte Niebel. Dabei ist das ProSieben-Publikum der FPD durchaus wohl gesonnen, mit Wolfang Kubicki und Linda Teuteberg hatten hier zuvor zwei Liberale gesiegt. Bei diesen Themen jedoch hatte Niebel keine Chance, wenn er nicht von seiner Parteilinie abweichen wollte. Er musste sich genauso geschlagen geben wie Florian Pronold, der Landesvorsitzende der bayerischen SPD.

Doch der große Verlierer dieses Abends heißt Stefan Raab. Die Souveränität, die ihn sonst auszeichnet, ging ihm diesmal ab, nicht nur bei Niebels Forderung nach einem Faktencheck, wie es ihn bei anderen Polittalks im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gibt. Schlimmer als die leichte Nervosität zu Anfang der Sendung und das Klammern an seine Notizen war, wie Gysi und Lucke ihm zunehmend das Heft aus der Hand nahmen. Selbst der für Peter Limbourg eingewechselte Schiedsrichter, der „Welt“-Journalist Robin Alexander, schaffte es nicht, die Dinge wieder gerade zu rücken. Am Ende sprang Raab durch jeden Reifen, den ihm Gysi hinhielt. Und auch seine Kontrahenten hatten dem alerten Linken-Politiker nichts mehr entgegen zu setzen. Seine Forderung, die Zuständigkeit für das Schulsystem von den Ländern auf den Bund zu übertragen, um so von der Zeit der Postkutschen ins 21. Jahrhundert zu gelangen, fand ohne Weiteres die Zustimmung des Publikums. Dass es dafür im föderalen Deutschland keine Mehrheiten geben wird, hätten Raab, Niebel und Alexander ihm durchaus entgegenhalten müssen. Für eine politische Diskussionssendung ist das zu wenig. Vor allem, wenn sie den Anspruch hat, dem jüngeren Publikum ernsthafte politische Auseinandersetzungen nahe zu bringen..

Diese Chance mag an diesem Abend vertan worden sein, dennoch trifft die Kritik von ZDF-Chefredakteur Peter Frey in einem Punkt sicherlich nicht zu – wenn er die Quoten des Kanzlerduells von 2009 anführt. Damals hatten ARD und ZDF bei den unter 50-Jährigen einen Marktanteil von 23,7 Prozent, der Privatsender Sat1 kam auf 3,4 Prozent. „Das wird nicht anders werden, wenn jetzt ProSieben überträgt“, sagte Frey. Was er nicht sagte: ProSieben allein erreicht mit „Absolute Mehrheit“ bei den 14- bis 49-Jährigen in der Spitze über 18 Prozent, in der März-Sendung waren es immer noch beachtliche 13,3 Prozent, die sich am späten Sonntagabend auf ProSieben mit Politik beschäftigten. In Sendung vor vier Wochen hatte Sido übrigens erstmals das Ziel erreicht und die Absolute Mehrheit von seinen Positionen überzeugt.  Mit 48,3 Prozent scheiterte Gysi an diesem Sonntag daran allerdings auch nur knapp. Den Raab hat er allerdings klar geschlagen. Dieses Mal.

 

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