Ägyptens Satiriker Youssef muss schweigen : Witze als Waffe

Wegen massiver Drohungen hat Ägyptens Satiriker Bassem Youssef seine TV-Show beendet – aufgeben will er trotzdem nicht.

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„Wenn du lachst, hast du keine Furcht mehr“. Der ägyptische Satiriker Bassem Youssef, 40, wird massiv bedroht und musste seine Show „Al Bernameg“ beenden.
„Wenn du lachst, hast du keine Furcht mehr“. Der ägyptische Satiriker Bassem Youssef, 40, wird massiv bedroht und musste seine...Foto: DW

Bassem Youssef wusste, dass es mit seiner Show eines Tages vorbei sein wird. Die Frage war nur: wann? Lähmen lassen wollte er sich von dieser Sorge nicht. Er ist ein Star, fast 40 Millionen Menschen sahen ihm jeden Freitag bei „Al Bernameg“ („Das Programm“) zu, einem satirischen Wochenrückblick ähnlich wie der „heute-show“ im ZDF. „Ok, dieser Witz wird das Ende sein. Wir sehen uns im Gefängnis“, scherzte Youssef vor fast jeder Sendung mit seinen Kollegen – das Ende aber war kein Witz. Sondern tödlicher Ernst.

„Meine Familie und ich sind massiv bedroht worden. Es war aus Sicherheitsgründen unmöglich, die Show fortzusetzen“, erklärt Bassem Youssef, als er am Freitag auf Einladung der Deutschen Welle und der Akademie der Künste in Berlin über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Ägypten spricht. Details, warum er Anfang Juni so plötzlich die Show absetzte, will er nicht nennen. Klar aber wird, dass er um sein Leben fürchten musste.

Drohungen hat es gegen ihn schon lange gegeben

Drohungen hat es immer gegen ihn gegeben, seit er im März 2011 seinen ersten Clip auf Youtube einstellte. Der 40-Jährige ist ein in den USA ausgebildeter Herzchirurg, doch die gesellschaftlichen Veränderungen in seinem Land wollte er begleiten, ein Gegenprogramm zu den staatlichen Medien bieten. Eine Satireshow erschien ihm dafür perfekt. Damals war der Arabische Frühling ein Versprechen für demokratischen Wandel, für Meinungsfreiheit, zu der Satire selbstverständlich dazu gehört. Doch schnell hat Youssef zu spüren bekommen, dass dies ein leeres Versprechen sein würde.

Seine Show wurde schnell größer, lief beim ägyptischen Privatsender CBC, der sie jedoch im November 2013 abrupt absetzte. Beim saudi-arabischen Sender MBC Masr, ebenfalls in Ägypten zu empfangen, feierte Youssef kurz darauf ein Comeback, die Deutsche Welle sicherte sich die Zweitausstrahlungsrechte. Vor wenigen Wochen musste er dann jedoch selbst Schluss machen. Vorerst.

„Ich bin stolz darauf, dass ich von so vielen Leuten gehasst werde"

„Ich bin stolz darauf, dass ich von so vielen Leuten gehasst werde – die mir auch alle noch zugeschaut haben“, versichert Youssef. Die jeweiligen Vertreter des politischen Regimes hätten nicht nur Angst davor gehabt, von ihm zur Witzfigur gemacht zu werden – sondern vor allem vor den Effekten, die die Show bei den Zuschauern haben könnte. „Wenn du lachst, hast du keine Furcht mehr“, ist Youssef überzeugt.

Allerdings habe es ihn Kraft gekostet, so selbstbewusst zu werden. Anfangs hätten ihn die Reaktionen auf seine Sendung noch sehr beschäftigt. „,Warum beleidigen die jetzt mich und noch meine Mutter dazu?‘, habe ich mich gefragt. Das hat mich sehr getroffen und ich habe ständig versucht, mich zu verteidigen“, erinnert sich Youssef. Aber dann habe er gelernt: „Wenn du reagierst, wenn du dich aufregst, dann haben sie gewonnen. Deshalb habe ich nicht mehr reagiert und mein Ding durchgezogen.“ Als politischer Freiheitskämpfer habe er sich dabei jedoch nie verstanden.

Wer von Machthabern die größere Inspiration gewesen sei, könne er nicht sagen. „Vielleicht war es unter den Muslimbrüdern und Präsident Mohammed Mursi einfacher, sich lustig zu machen, eben weil sie so viele Unterstützer hatten“, sagt Youssef. Stolz sei er aber besonders auf die letzten elf Folgen der Serie in der Zeit vor den jüngsten Präsidentschaftswahlen, bei denen General Abdel Fattah al-Sisi gewann – und mit dessen Wahl auch das Ende der Show einherging.

„Das ist eine Generation, der man nichts mehr vormachen kann"

Seither ist aber nicht nur Youssef verstummt. „Viele Leute sind jetzt gerade lieber still. Jeder hat auf einen Überlebensmodus geschaltet“, sagt er. Ein Zustand, der aus seiner Sicht nicht allzu lange anhalten wird. Ägypten sei ein junges Land, fast die Hälfte der Bevölkerung jünger als 20 Jahre. „Das ist eine Generation, der man nichts mehr vormachen kann. Sie wissen, wo sie im Netz Informationen bekommen und überprüfen können. Das macht sie kritischer und engagierter beim Wunsch nach politischer Teilhabe.“

Dass er eines Tages mit seiner Show zurückkommen wird, schließt er nicht aus. „Ich kann kein Datum nennen. Derzeit ist es nur besser, sich auf andere Projekte zu konzentrieren.“ Ins Ausland zu gehen und von dort aus die Show zu machen, sei keine Alternative, obwohl er Angebote habe. „Das ist auch eine Frage der Glaubwürdigkeit. Ich muss die Sendung aus Ägypten machen.“ Sonst sehe es womöglich so aus, dass er vor dem Regime flüchte und sich nicht traue, es aus dem Land heraus anzugreifen. Diesen Triumph will Youssef dem Regime so wenig ermöglichen, wie er ihm auch nicht überlassen wollte, den Stecker für seine Sendung zu ziehen. Er hat es – wenn auch unter Bedrohung – selbst getan.

Irgendwann wird er mit seinen eigenen Waffen zurückschlagen. Mit den Waffen, vor denen sich das Regime so fürchtet: mit seinen Witzen.

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