"Aidas Geheimnisse" : Ein Film über das Schweigen von Holocaust-Überlebenden

Die Dokumentation „Aidas Geheimnisse“ des israelischen Journalisten und Filmemachers Alon Schwarz erzählt die Geschichte einer Familie von Holocaust-Überlebenden.

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Späte Wiedervereinigung: Aida mit ihren Söhnen Izak (links) und Shep.
Späte Wiedervereinigung: Aida mit ihren Söhnen Izak (links) und Shep.Foto: SWR/Alon Schwarz

Zwei Männer Ende 60 fallen sich im Flughafen von Winnipeg um den Hals. Zwei Brüder, die als Kleinkinder getrennt wurden und die lange Zeit nicht voneinander wussten. Beide wurden in Deutschland geboren, in Bergen-Belsen kurz nach dem Krieg. In einer Kaserne nahe dem ehemaligen KZ-Gelände waren dort „Displaced Persons“ untergebracht, Überlebende der Konzentrationslager. Die Eltern gaben die Brüder jedoch zur Adoption frei. Izak, der Ältere, lebte seitdem in Israel. Aus dem früh erblindeten Szepsyl wurde Shep in Kanada, wohin ihn sein Vater Grischa mitnahm. Grischa starb 2008. Auch Aida, die Mutter, reiste nach Kanada aus, doch zu Shep, der nur drei Flugstunden entfernt wohnte, suchte sie niemals wieder den Kontakt. Im Gegensatz zu Izak, den sie in Israel besuchte, dessen kleine Tochter sie entzückt auf dem Arm trägt, wie alte Super-8-Filme zeigen. Aida, eine schöne Frau, ein „polnisches Mädchen“, wie Shep am Ende des von SWR und Arte koproduzierten Dokumentarfilms „Aidas Geheimnisse“ versöhnlich sagen wird, „die eine furchtbare Zeit überlebt hat und dieser Welt ganz besondere Kinder schenkte“.

Der israelische Journalist und Filmemacher Alon Schwarz geht hier der eigenen Familiengeschichte auf den Grund, öffnet die Büchse der Pandora, wie er ironisch bemerkt. Izak ist sein Onkel – und dass der einen Bruder hat, wusste sein Neffe Alon schon im Alter von sechs oder sieben Jahren. Alle in der Familie wussten es, aber niemand durfte es Izak erzählen. „Wir mussten schwören, es für uns zu behalten“, sagt einer der Angehörigen. „Aidas Geheimnisse“ erzählt auf sehr persönliche Weise vom Schweigen der Holocaust-Überlebenden, die die Vergangenheit hinter sich lassen wollen.

Späte Familienzusammenführung

Der Film ist auch eine Art Familienzusammenführung. Es geht lebhaft und emotional zu. Das Wiedersehen der Brüder bleibt nicht die einzige tränenreiche Szene. Der Film beginnt zwar mit Aidas Begräbnis, doch zuvor hatte sich die betagte Dame darauf eingelassen, dass die Kamera dabei ist, wenn sie Shep im Altersheim wiederbegegnet. Die Freude ist groß, aber an Aidas Schweigen änderten die Treffen mit dem verlorenen Sohn in ihrem letzten Lebensjahr auch nichts mehr. „Es ist lange her. Frage nicht weiter“, sagt Aida einmal.

Streckenweise wird der Familien-Trip angesichts der Vielzahl der Biografien etwas unübersichtlich. Zugleich bietet Autor und Regisseur Schwarz jedoch mit Fotos und Filmausschnitten auch einen starken Eindruck vom Leben der „Displaced Persons“ in Bergen-Belsen. Bilder von fröhlichen Menschen sind das, es gab Tanzveranstaltungen, und auch Aida ist mit den beiden Kindern auf einem Foto aus dem Jahr 1947 zu sehen. Dazu Grischa und ein weiterer, unbekannter Mann. Ein Picknick vielleicht, jedenfalls entspannte Gesichter. Wie neugeboren hätten sich die Menschen gefühlt, erinnert sich eine Freundin Aidas.

Im Niederländischen Institut für Holocaust- und Genozidstudien stöbert Schwarz das Fotoalbum einer freiwilligen Helferin auf, die als Kindergärtnerin in Bergen-Belsen tätig war. Je weiter der Autor darin blättert, desto mehr Fotos von Grischa findet er. Er sei „der größte Don Juan aller Zeiten“ gewesen, sagt Aidas Freundin. Und das „absolute Traumpaar“ waren, zumindest zeitweise: Grischa, der Auschwitz-Überlebende, und Aida, die nach dem Überfall auf Polen als junges Mädchen nach Deutschland verschleppt wurde und offenbar in deutschen Familien arbeiten musste.

Um deren Erlebnisse als KZ-Häftling oder Zwangsarbeiterin geht es hier nicht, und auch sonst werden nicht alle Geheimnisse gelüftet. Alon Schwarz hat zwar die Büchse der Pandora in seiner Familie ein Stück weit geöffnet, aber den Wunsch, Vergangenes ruhen zu lassen, letztlich respektiert. Thomas Gehringer

„Aidas Geheimnisse“; ARD, Mittwoch, 22 Uhr 45

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