Aktien-TV : Gute Miene zum Börsenspiel

Aktien, Fonds und böse Briefe: 3-sat-Moderator Peter Nemec hört nach über 1000 Sendungen auf.

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Peter Nemec.Foto: 3sat

Für Millionen Zuschauer schlägt es jeden Werktag fünf vor acht. Immer dann, wenn im Ersten kurz vor der „Tagesschau“ Börsenexperten wie Anja Kohl oder Michael Best die Welt der Aktien, Hedgefonds, Derivate und Finanzdaten erklären. Besser gesagt: zu erklären versuchen, denn für viele, nicht nur für „Tagesschau“-Zuschauer, ist das Börsengeschehen immer noch so unverständlich und wenig nachvollziehbar wie, sagen wir, Molekulargenetik oder das Schwarze Loch. Einmal die Woche, freitagabends um halb zehn, blickt auch Peter Nemec im Magazin „3satbörse“ in Richtung Bulle und Bär, und das schon seit Februar 1989. Am vergangenen Freitag hatte der Moderator die 1000. Sendung und ist damit einer der dienstältesten, regelmäßig auftretenden Moderatoren im deutschen Fernsehen.

Während seines Studiums an der Hochschule für Welthandel in Wien arbeitete Peter Nemec als freier Mitarbeiter beim ORF. Vor der „3satbörse“ präsentierte er beim ZDF die „Drehscheibe“ und die „Tele-Illustrierte“. Zu den Themen „Börse“ und „Geldanlagen“ hat er zahlreiche Bücher veröffentlicht. Nemec müsste also wissen, was der Zuschauer im Börsenfernsehen wissen will, was er nach all den Hiobsbotschaften der vergangenen Monate und Jahre noch von der Börse erwartet. Und wie mit dem neuen Misstrauen umzugehen ist, das der Börse und damit auch Börsenexperten entgegenschlägt. „Na klar, die Börse und die Wirtschaft im Allgemeinen ist nicht jedermanns Sache. Als wir mit der Sendung begonnen haben, hat man den ,Dax’ noch im Zoo gesucht und den ,Nikkei’ für ein japanisches Reisgericht gehalten“, sagt Nemec. Das sei heute schon ganz anders, auch die Kollegen im Print- und audiovisuellen Bereich hätten da einiges an Pionierarbeit geleistet.

Der Vorwurf, dass nicht nur Analysten, sondern auch Journalisten und Börsenexperten von der Blase an den Immobilienmärkten hätten wissen müssen, ist für Nemec kaum zu halten. Natürlich habe der Chef vom Wirtschaftsnachrichtendienst Thomson Reuters, Thomas Glocer, recht, wenn er im „Zeit“-Interview neulich sagte, kein Journalist kannte die Risiken. Das sei ja auch völlig logisch, woher sollten die Journalisten das wissen, fragt Nemec zurück? „Die Risiken kannten ja nicht mal die Banker selber, sonst hätten die das ja gar nicht so weit kommen lassen. Meines Wissens ist auch in diesem Zusammenhang niemals ein Journalist beschimpft worden, das wäre ja geradezu lächerlich.“ Auf der anderen Seite käme es schon mal vor, dass ein Fernsehmacher einen bösen Brief erhält, wenn sich ein Wert, der in der Sendung besprochen wurde, halt nicht so entwickelt, wie das der Jeweilige gerne hätte.

Es geht um viel, viel Geld. Emotionen und die Börse – ARD-Experte Michael Best hält sich auch eher bedeckt, was Verantwortlichkeiten und die Erwartungshaltung der Zuschauer betrifft. „Die Finanzkrise hat uns allen vor Augen geführt, wie wichtig es ist, die Mechanismen der Wirtschaft zu verstehen. Unsere Zuschauer sind gerne bereit, sich auf nicht ganz einfache Erklärungen für komplizierte Zusammenhänge einzulassen. Sie wollen in ihrem Informationsbedürfnis ernst genommen werden.“ Die „Börse vor acht“ liefere harte Kost. „Das kommt gut an.“

Rund zwei Millionen Zuschauer sind jeden Abend im Ersten kurz vor der „Tagesschau“ dabei, wenn die Kurse hinter dem Journalisten am Frankfurter Aktienmarkt fallen und steigen. Gerade oder auch wegen der Wirtschaftskrise ist das Interesse an der Börse ungebrochen. Für Peter Nemec sind diese Zeiten bald passé. Am 26. März nimmt der 63-Jährige nach über 1000 Sendungen seinen Abschied vom Börsenmagazin. Von durchschnittlich 25 000 Zuschauern Anfang der 90er Jahre ist mit ihm die Quote in 20 Jahren „3satbörse“ auf bis 800 000 Zuschauer in der Spitze gestiegen. Sein Job ist getan. Und nun? Der Börsen-Magazin-Moderator hat sich doch bestimmt ein kleines Pölsterchen angelegt – mit eigenen Aktiengeschäften. Das Thema musste ja kommen, sagt Nemec. Natürlich habe er in einige Werte investiert. „Wie wohl eines für mich ganz wichtig ist, da ich definierter Primär-Insider bin: Niemals wird irgendeine Aktie, die nur im Entferntesten mit der Sendung zu tun hat, bei mir im Depot Einzug finden.“ Und letztendlich wisse an der Börse eh’ keiner genau, was morgen sein wird. „Der von vielen propagierte sichere Tipp, den gibt es nicht an der Börse, sonst wären alle die, die diesen sicheren Tipp auf der Pfanne haben, nicht mehr in ihren jeweiligen Redaktionen oder Analystenbüros, sondern schon in ihrer Hängematte auf Hawaii.“

In die Südsee wird es den gebürtigen Wiener Peter Nemec nicht verschlagen. Er bleibt in Wiesbaden. „Zum Rosenzüchten bin ich aber noch zu jung.“ Abends fünf vor acht schaltet er auf jeden Fall auch mal den Fernseher ein.

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