Medien : Als die Deutschen streiten lernten

Erst „Frühschoppen“, jetzt „Presseclub“: Die Mutter aller Talkshows ist 50 geworden

Norbert Seitz

Der Erfolg der Sendung war zunächst auf einen kleinen, aber volkspädagogisch höchst statthaften Etikettenschwindel gegründet. Denn mit dem Label „Frühschoppen“ wurde ein Art politischer Stammtisch versprochen, an den freilich in Werner Höfers illustrer Korrespondentenrunde außer der Kellnerin, die den Wein nachschenkte, kaum etwas erinnern sollte. Denn hier wurde nicht schlicht, derb oder gar laut, sondern gescheit dahergeredet, bald neudeutsch: argumentiert. Und das Ganze eine Halbzeit lang, 45 Minuten, sonntags zwischen beendetem Kirchgang und brutzelndem Schweinebraten. Auf diese Weise konnte sich Höfer – trotz seiner Verfehlungen in der NS-Zeit – den ehrbaren Ruf des demokratischen Pioniers erwerben. Denn er erteilte den zuschauenden Deutschen einen unterhaltsamen Anschauungsunterricht in tolerantem Diskutieren. Wurde im deutschen Fernsehen bis dato bei Millowitsch schenkelschlagend gelacht oder beim „Wunder von Bern“ selig gejubelt, so geschah bei Höfers erster politischer Diskussionssendung etwas hierzulande völlig Neues: intelligentes Streiten um Meinungen – ganz ohne Kehlkopf und Fäuste.

Vor fünfzig Jahren wagte man zum ersten Mal, den politischen Sonntagstalk aus dem Hörfunk im Fernsehen zu übertragen – von der Tanzfläche der Düsseldorfer Rheinterrassen aus während der Funkausstellung. Damit avancierte Werner Höfer zu einem der Geburtshelfer des neuen Mediums Fernsehen. Der Untertitel mit den „Sechs Journalisten aus fünf Ländern“ geriet alsbald zum viel zitierten Markenzeichen wie die Ziehung der Lottozahlen „ohne Gewähr“.

Politisch war die Runde nie ganz unumstritten. So forderte beispielsweise der rechtslastige FDP-Chef Erich Mende einen alternativen „Nationalen Presseclub“, da er es offensichtlich als eine diplomatische Ungehörigkeit ansah, dass sich ausländische Journalisten auf deutschen Kanälen über deutsche Politik ausließen. Überall witterten rechte Kreise televisionäre Besatzung. Doch die bornierten Kritiker hatten keine Chance.

Denn mit der internationalen Besetzung traf die Sendung genau die nachkriegsdeutsche Lust und Neugier aufs Ausland, in einer Phase, da Touristen zusehends dem Nesthocker-Idyll abschworen und „entmilitarisiertes Fernweh“ verspürten. Es war die große Zeit der Korrespondenten, die Höfers Frühschoppen mit Erfolg krönte.

Unvergessen internationale Streiter von Hella Pick (mit ihrem unverwechselbaren Oxford-Deutsch!) bis zum Erhard-Biografen Jerzy Lukomski aus den USA, von Stephane Roussel, Henri de Kergolay bis David Binder, Basil Mathiopoulos oder dem jungen Wiener Korrespondenten namens Werner A. Perger, – die deutschen Altmeister nicht zu vergessen von Rudolf Augstein über Johannes Gross bis Paul-Wilhelm Wenger oder die wackeren Publizistinnen wie Carola Stern oder Alice Schwarzer, die sich mutig in die rauchgeschwängerte Männerrunde begaben. Letztere berichtete 1968, 26-jährig, von den hautnah miterlebten Mai-Unruhen in Paris. Den Rekord jedoch hält bis zum heutigen Tage Sebastian Haffner, der nach seiner Rückkehr aus England ganze 101 Mal seine schnarrende Stimme verlauten ließ, zunächst noch ziemlich tory-konservativ eingestellt.

Selbst die „Protestchronik der 50er Jahre“, von Wolfgang Kraushaar aus dem Hamburger Reemtsma-Institut, bescheinigt Höfer, sich im ersten jungen Medium erfolgreich etabliert zu haben, freilich mit der Einschränkung „trotz des oftmals als zu autoritär gerügten Stils des 40-jährigen Leiters“ – Höfer war Jahrgang 1913 wie Willy Brandt, Henri Nannen oder Peter Frankenfeld! Doch weit gefehlt, was hier despektierlich unter „autoritär“ firmiert, war in Wahrheit der gerade aus den USA importierte Talkstil, langatmigem Reden ins Wort fallen zu dürfen. Ansonsten konnte Höfer – vor allem bei der Vorstellung seiner Gäste – ausgesuchten Charme entwickeln.

Der Frühschoppen war jedoch fast zur Legende geworden, so dass man sich seine Fortsetzung nach der Pensionierung Werner Höfers 1987 kaum vorstellen konnte. Doch innerhalb einer Woche wurde aus dem „Internationalen Frühschoppen“ der nationale „Presseclub“, mit wechselnden Moderatoren, verändertem Aktualitätsverständnis und nur noch geringem internationalen Zuschnitt. Mit der deutschen Einheit gerieten Auslandsthemen, wie sie für die Höfer-Sendung noch prägend waren, nahezu vollständig in den Hintergrund. Stattdessen dominieren seither gesamtdeutsche Befindlichkeiten, also eher innen-, wirtschafts-, oder sozialpolitische Themen.

Auch was die Besetzung angeht, herrscht inzwischen eine fast akribisch eingehaltene Ausgewogenheit: einer vom „Spiegel“, einer vom „Focus“, einmal „FAZ“ und einmal „taz“, und in der Moderation: hier der „schwarze“ Voß vom SWR, da der „rote“ Pleitgen vom WDR. Es wird leider nur noch selten heftig gestritten. Es gilt vor allem, eine gute Figur zu machen und das Fleißkärtchen der Heimatredaktion zu zeigen. Denn Querköpfe sind im „Presseclub“ kaum noch gefragt, da sie aus dem Proporzraster herausfallen. Und wenn’s dennoch international zugehen soll, dann schlägt meist die Stunde von Don Jordan als thematischer Allzweckwaffe, der den Deutschen stets von neuem ihre angebliche Griesgrämigkeit auszureden versucht.

Gleichwohl konnte sich der „Presseclub“ nach Höfer trotz Talkshowflut und des öffentlichen Polit-Palavers erstaunlicherweise in nun schon 16 Jahren und über 800 Sendungen behaupten. Mögen sich die öffentlich-rechtlichen Muntermacher der Sendung auch gerne mit der Konkurrenzmedaille schmücken, Sonntag für Sonntag aufs Neue die Quote erkämpft zu haben – die Sendung lebt primär von ihrem Traditionsbonus der seriösen Politikverhandlung. Wie die „Tagesschau“ oder „heute“. Wenn das kein Grund zum Feiern ist!

Norbert Seitz ist Buchautor und Redakteur der „Frankfurter Hefte“.

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