Medien : Alte Verbindungen

Der „Tatort: Satisfaktion“ zeigt die weniger bekannte Seite von Münsters Universitätsleben

Kurt Sagatz

„Tradition ist nicht die Bewahrung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.“ Bereits bei der ersten Begegnung von Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Professor Walter Stielicke (Michael Degen) wird deutlich, dass zwischen dem Ermittler und dem Münsteraner Chefarzt der Kardiologie ein Graben klafft, der nicht zu überwinden ist. Zwar war auch Prahl einmal Mathematik- und Musikstudent an der Pädagogischen Hochschule in Kiel, doch die über Generationen gepflegten Traditionen einer Studentenverbindung, wie sie bei den Stielickes vom Vater an den Sohn weitergegeben werden, sind dem Darsteller genauso unverständlich wie dem „Tatort“-Kommissar.

Auch Professorensohn Raimund Stielicke gehörte zu Münsters ältester Studentenverbindung Pomerania-Guestpahlia. Vor zehn Jahren verschwand der junge Student spurlos, angeblich während einer Italienreise. Nun taucht er wieder auf, als Skelett in einem Wald im Münsteraner Umland, mit einem großen Loch im Schädel – und somit als Fall für Kommissar Thiel.

Die Welt der schlagenden Verbindungen ist außerhalb der akademischen Zirkel wenig bekannt. Noch weniger bekannt dürfte es sein, dass Mensuren und Schmisse nach den Regeln der Verbindungen offensichtlich einigen Corps-Mitgliedern noch nicht ausreichen, dass innerhalb der Verbindungen geheime „Fight Clubs“ existieren, in denen die Wahl der Waffen über den bekannten Degen weit hinausgehen. Zum Glück erhält Thiel, der bei seinen Ermittlungen gegen eine Wand des Schweigens prallt, immerhin vom zynisch-versoffenen Lokalzeitungsschreiber und Corps-Mitglied Gregor Baltus (Aljoscha Stadelmann) einige Insiderinformationen. Ansonsten sieht der „protestantische Prolet Thiel“ (Staatsanwältin Wilhelmine Klemm) in den Verbindungen nur Seilschaften, die der persönlichen Karriere dienen. Der Aufforderung, er solle bei seinen Ermittlungen seine „gute Kinderstube beweisen“, wird er dementsprechend nicht gerecht und geht Professor Stielicke zu jeder sich bietenden Gelegenheit an. Die Übellaunigkeit, die Thiel dabei an dem Tag legt, wird nur noch vom Misstrauen gegenüber Boernes schlagender Vergangenheit übertroffen. Denn den TV-Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne alias Jan Josef Liefers kann man in dieser „Tatort“-Folge von seiner schlagenden Seite kennenlernen. Boerne muss sich nicht zuletzt der Frage stellen, wie er es mit der Corps-Tradition des Lebensbundes hält und wem er sich zu Loyalität verpflichtet fühlt.

Genauer betrachtet hat es erstaunlich lange gedauert, bis sich der Tatort aus der traditionsreichen Universitätsstadt Münster mit diesem Teil des studentischen Lebens auseinandersetzte. Dass es in Münster nur vier große Verbindungen gibt, wie im Film gesagt wird, stimmt übrigens nicht. Die Webseite www.tradition- mit-zukunft.de weist für die westfälische Universitätsstadt weit über 30 aktive Verbindungen aus.

Streckenweise droht der „Tatort“ (Buch: Johannes W. Betz) ins allzu Erwartbare und in die bekannten Vorurteile gegen schlagende und nichtschlagende Verbindungen abzudriften. Es ist schon ein arg strapaziertes Klischee, wenn sich bei der Stiftungsfeier im Verbindungshaus die halbe Korporiertenvereinigung nach reichlichem Biergenuss übergibt. Dass der Film dennoch nicht kippt, ist auch der Hochachtung von Regisseur Manuel Flurin Hendry vor dem Ausnahmeschauspieler Michael Degen zu danken, die es nicht zugelassen hat, dass dieser „Alte Herr“ zur Witzfigur wurde, wodurch der „Tatort“ insgesamt sehenswert blieb.

„Tatort: Satisfaktion“, ARD,

20 Uhr 15

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