"Altersglühen" in der ARD : Spätere Heirat nicht ausgeschlossen

Noch einmal loszittern: Im ARD-Drama „Altersglühen“ suchen Senioren beim Speed-Dating nach der großen Liebe. Mit dabei sind auch Schauspielgrößen wie Mario Adorf und Senta Berger.

Nikolaus von Festenberg
Maria Koppel (Senta Berger) ist nicht wirklich angetan von ihrem Gegenüber Volker Hartmann (Michael Gwisdek). Dank Speed-Dating muss sie ihn aber nur sieben Minuten lang ertragen.
Maria Koppel (Senta Berger) ist nicht wirklich angetan von ihrem Gegenüber Volker Hartmann (Michael Gwisdek). Dank Speed-Dating...Foto: WDR

Er ist ein unfairer Gott wie alle Götter: Eros. Er schenkt, er nimmt, er ist undurchschaubar. Die älteren Herrschaften, die sich in Jan Georg Schüttes Drama „Altersglühen“ zum Speed-Dating-Treff aufmachen, wissen das. Der Tod oder schwere Krankheit haben ihnen ihre geliebten Partner geraubt, die Untreue ihre Herzen gebrochen, Scheu und Misstrauen ihnen Panzer wachsen lassen, Scham sie gelähmt.

Trotzdem zittern sie los, die Skeptiker ebenso wie die Forschen, die Stattlichen – schick in Schale geworfen der Fabrikant (Mario Adorf) und die Ex-Managerin (Senta Berger) – ebenso wie der pausenlos berlinernde Luftikus mit Base-Cap aus der Laube (Michael Gwisdek) samt schüchternem Kumpel (Jörg Gudzuhn).

Einfach so in die Arme eines Anderen will sich niemand der Teilnehmer fallen lassen. Alle wissen, dass sie sich mit dem Anbahnen der Liebe eine Blöße geben. Und nackt will niemand dastehen. Zur Grundregel dieser Reise nach Jerusalem – die Damen wechseln alle acht Minuten den Tisch, an dem der nächste Herr sitzt – gehört die Paradoxie, sich zu öffnen und gleichzeitig abzugrenzen. Da mag die Sehnsucht noch so groß sein: Gefühlsausbrüche zu kontrollieren gehört zum Comment des organisierten Zufalls. Höflichkeit soll Peinlichkeit mildern, ein Versteckspiel mit Bedürftigkeit.

Der eine hat ein gebrochenes Herz. Der andere eine demenzkranke Frau

Keine der ersten Begegnungen, in der nicht die Scham geäußert wird, so etwas wie Speed-Dating überhaupt nötig zu haben. Fassung, Fassade, Fadenscheinigkeit bestimmen die Szene. In kantiger Schönheit sitzt der pensionierte Lehrer (Matthias Habich) anscheinend ungerührt am Tisch und wehrt alle kleinsten Verschmelzungssehnsüchte der Frauen ab, die nicht wissen, dass auf den Mann zu Hause eine demenzkranke Frau wartet.

Sein Gegenstück ist ein kleiner rundlicher Ex-Museumswärter mit Glubschaugen (Jochen Stern), 84 Jahre alt. Er hat die Dating-Tour im Preisausschreiben gewonnen. Er und der Zuschauer ahnen, dass keine der Frauen bei ihm ankern wird. Dennoch sprüht er vor Eifer, so als werde man durch bloßes Dabeisein zum Adonis. Kommt es bei der Liebe vielleicht doch nicht nur auf das Äußere an?

Die meisten Frauen, besser ihre Darstellerinnen, verstehen sich auf das Abschießen erotischer Pfeile, ohne dass sonderliche Schönheit den Bogen spannt. Sie sehne sich nach Hautberührung durch einen Mann, sagt unvermittelt eine weißgelockte Ex-Verlegerin (klasse: Hildegard Schmahl) im Liebesverhör. Die kesse Frau Nausch (Brigitte Janner) verlangt – selbstbewusst und ohne Umschweife – einen Kerl, der es besser kann als ihr kranker Gatte. Nicht schummriges Altersglühen spricht aus ihrem Blick, sondern ewig junges Verlangen.

Die Liebe im Alter: Ein Ja zum gemeinsamen Abenteuer? Oder nur Notwendigkeit?

Je weiter dieses Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel vorankommt, desto mehr weicht die Verspannung. Ein Russe (Victor Choulman) stellt sich begeistert als Reisebegleiter für eine Russlandreise zur Verfügung, um die ihn die in die Jahre gekommene Romantikerin Clara bittet. Der große Schaubühnenstar Angela Winkler spielt das jungfräulich-jung, gerade so, als altersglühe 1968 wieder auf: Die Liebe auch jenseits der siebzig als Ja zum gemeinsamen Abenteuer. Sonst nichts.

Oder als Einsicht in die Notwendigkeit. Die zur Putzfrau herabgesunkene Edith (Christine Schorn) lässt sich nicht mehr erbittern. Sie wird bei den von Gwisdek und Gudzuhn gespielten Laubenpiepern nach dem Rechten sehen, über Alkoholprobleme hinwegsehen. Ihre Augen signalisieren: Erotik nicht ausgeschlossen.

Altersglühen - oder ewig junges Verlangen

Ein schauspielerisches Kabinettstück liefert Senta Berger ab. Sie gibt die stolze Pechmarie, gefangen im eigenen Ich. Man muss es gesehen haben, wie sie die Herren, die ihr gegenübersitzen, durchbohrt. „Die Männer sehen heute aus, als kämen sie gerade aus dem Kindergarten“, stellt sie fest und kritisiert die ungepflegten Fingernägel der Gwisdek-Figur aus der Laube.

Die Anzugfarbe seines Kumpels ist ihr auch nicht recht. Und als dieser seinen schrecklichen Talisman „Schnattchen“ aus der Tasche zieht, vermitteln tödliche Blicke, dass da eine Frau sicher ist, im falschen Film zu sein. Vor dem Toilettenspiegel, in den alle Liebessuchenden irgendwann hineinblicken, läuft da der richtige Film? Die Senta-Berger-Figur spiegelt sich vielleicht als die Schönste im ganzen Speed-Dating-Land, aber nicht als die Glücklichste: Dünkel, Misstrauen, Übervorsicht, Selbstmitleid und Einsamkeit schauen dich an. Eros will sie nicht, weil sie Eros nicht will.

Es hat sich gelohnt, dass Jan Georg Schütte aus seinem Hörspiel diesen Film gemacht hat, der auch im WDR zu sehen ist – in handliche Episoden zerlegt. Auch die Machart überzeugt: Die Dialoge richten sich nach keinem Drehbuch, sondern genauen Rollencharakterisierungen, denen die Schauspieler frei folgen. Auf welchem Mist ist wohl der schöne Gwisdek-Satz gewachsen: „Frauen wollen zugehört werden“? Männer übrigens auch.

„Altersglühen – Speed Dating für Senioren“, Mittwoch, ARD, 20 Uhr 15

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