Am Anfang war der Mord : Böser Täter wird guter Gottesmann

„Der Prediger“: Lars Eidinger und Devid Striesow ringen in einem transzendentalen Krimi um Wege zu Gott. Wer ist näher dran?

Nikolaus von Festenberg
Zu fromm, um echt zu sein? Ralf Remberg (Devid Striesow, rechts), Referent des Bischofs, fragt Jan-Josef Geissler (Lars Eidinger), ob er wirklich unschuldig ist.
Zu fromm, um echt zu sein? Ralf Remberg (Devid Striesow, rechts), Referent des Bischofs, fragt Jan-Josef Geissler (Lars Eidinger),...Foto: BR/Marco Nagel

Hinein in die Rätsel von Schuld, Lüge und Vergebung. Mit dem groß besetzten Film „Der Prediger“ versucht sich das Fernsehen an einer Art transzendentalem Krimi. Der böse Täter als guter Gottesmann. Mon Dieu.

Jesus wurde neben Mördern gekreuzigt. Er vergab ihnen. Sie würden bald mit ihm im Paradies sein, sagte er.

Ein Straftäter will Pfarrer werden

Die Kirche, wie der ARD-Film „Der Prediger“ an diesem Mittwoch zeigt, ist da weniger großzügig und weniger flexibel. Erzählt wird eine ganz seltsame Geschichte. Ein wegen der Tötung einer befreundeten Bauerntochter Verurteilter wird in der Haft fromm, lernt die Bibel auswendig und will als geläuterter Verbrecher Theologie studieren. Berufsziel: Pfarrer. Die evangelische Kirche soll ihren Segen dazu geben. Die Presse ist informiert. Jan-Josef Geissler (Lars Eidinger) hat sich im Knast den Ruf eines heiligen Predigers erworben.

Der Bischof muss reagieren. Er schickt seinen Referenten Ralf Remberg (Devid Striesow) zur Klärung der wunderlichen Vorgänge ins Gefängnis. Der Verdacht, der fromm gewordene Sträfling Geissler täusche für Hafterleichterung seine Läuterung nur vor, schwebt im Raum, auch wenn der gottesfürchtige und unkonventionelle Gefängnispfarrer (Götz Schubert) fröhlich wie der heilige Franziskus die Klärung der Wahrheit der Weisheit des lieben Gottes anempfehlen und den verkopften Bischofsbürokraten mit Wettläufen durchs grüne Gras lockern will. Heiliger Narziss gegen Glaubensgoldmund.

Sträfling und Bischofsreferent duellieren sich

Der Hauptshowdown aber ist das Duell zwischen dem Sträfling und dem Bischofsreferenten. Viele ernste und geschliffene Sätze über Gott und die Welt, über Jesus und die Grenzen der Vergebung, über religiöse Dichtung und irdische Wahrheit hat sich Regisseur und Drehbuchautor Thomas Berger einfallen lassen. Striesow und Eidinger, Jahrgangskameraden an der Schauspielschule „Ernst Busch“, wissen, wie gerissen und mit Pathos zugleich man Dialogschach spielen muss. Strenge geometrische Bilder (Kamera: Gunnar Fuß) verdeutlichen den Disputcharakter. Gott ist Wort, das Fernsehen verzichtet auf Bilderpracht. Manche Szenen haben ohne Schnitt bis zu acht Minuten vor der Kamera stattgefunden. Man merkt es.

Wer ist Gott näher? Geissler, der raffinierte Romantiker, der in seinen Gottesgesprächen nur sich selber näher kommen will, oder Remberg, der um der moralischen Ordnung der Kirche willen glaubensseligen Narzissmus bekämpfen zu müssen glaubt? Man hört von Ferne Dostojewski und seinen „Großinquisitor“ und die böse Botschaft, dass die Kirche um der Ordnung willen Jesus noch einmal kreuzigen würde.

Der göttliche "Tatort" wird irdisch

Aber bevor alles im Tiefsinn versinkt, wird der göttliche „Tatort“ ganz irdisch. Der Anwalt des Verurteilten (Alexander Held) will eine Wiederaufnahme des Gerichtsverfahrens, in dem Geissler verurteilt wurde, weil er seine damalige Freundin, ein unbedarftes Mädchen, als Begünstigter einer Lebensversicherung in einen Abgrund gestoßen habe. Nun kommt heraus: Die Geliebte war depressiv, unternahm Selbstmordversuche, fühlte sich hässlich und betäubte sich mit abgöttischem Liebeskult für den Hallodri Geissler.

Schon glaubt der Zuschauer zu sehen, wie sich die Gefängnistore für den geläuterten und nun auch noch unschuldigen Heiligen öffnen. Doch wer wie die beiden Gottessucher, das perfide Genie und sein Überprüfer, sich in die Seele geblickt hat, hat juristische Gerechtigkeit überwunden und weiß die Wahrheit.

Der Nachspann verrät, dass die irrsinnige Geschichte, die sich über einen Zeitraum von 27 Jahren abgespielt hat, auf einem tatsächlichen Fall beruht. Gottes Wege sind unerforschlich, gutes Fernsehen wie diese exzellente Arbeit voller schauspielerischer Präzision Menschenwerk.

„Der Prediger“, ARD, Mittwoch, um 20 Uhr 15

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