Medien : Am Ende der Lügen

ZDF zeigt Kai Wessels klugen Spreewald-Thriller „Das Geheimnis im Moor“

Helge Hopp

Die Melodie ertönt früh das erste Mal, ein paar Brocken des Textes gibt es viel später zu hören: „Einmal wissen, dieses bleibt für immer…“ heißt es da, und nicht nur gelernte Ossis haben da längst Citys Hit „Am Fenster“ erkannt. Für immer sollte auch geheim bleiben, was in einer Sommernacht 1985 geschah, als ein Quartett frisch gebackener Abiturienten noch im Wald recht feucht weiterfeierte. Wenige Stunden später waren drei der jungen Leute anonym verraten und wegen Vorbereitungen zur „Republikflucht“ verhaftet, später saßen sie ein Jahr in Bautzen. Ein Vierter aber war und blieb verschwunden – als Judas in den Westen, lautete seitdem die gängigste These, obwohl dieser Ralf Liebig auch seit 1989 nicht wieder aufgetaucht war. Aber nun wird er als „Moorleiche“ entdeckt, und damit endet auch der unausgesprochene Pakt des Trios, endet das allen hilfreiche Schweigen. Til Desno (konzentriert und wandlungsfähig: Sebastian Blomberg), erfolgreicher Chirurg in Berlin, kehrt nun in den heimatlichen Spreewald zurück, fragt sich und andere nach den – auch dank des damals vertilgten Alkohols – verdrängten Geschehnissen, trifft seine Jugendliebe Sabrina (fein mysteriös: Anna Loos), die mit Karsten (energisch: Kai Scheve), dem Dritten im damaligen Bunde, verheiratet ist. Er wird des Mordes an Ralf verdächtigt, hält selbst Totschlag für möglich, verliebt sich in die örtliche Pathologin Marlene Seefeldt (frisch: Claudia Geisler), wird verprügelt, vom knochentrockenen Kommissar Krüger (Christian Redl) verfolgt, er besucht seine verbitterte Mutter (sensationell umwölkt: Angela Winkler) und entdeckt immer neue Puzzleteile und Deutungsmöglichkeiten für diese eine Nacht, nach der alles anders war. Man sieht schon: Kai Wessels Film „Geheimnis im Moor“, der den im Wortsinn zauberhaften Schauplatz Spreewald weidlich nutzt, aber nicht missbraucht, ist kolossal besetzt, von üppiger Handlungsfülle und nicht auf Anhieb zu durchschauen. Man sollte den Bildschirm besser nicht, auch nicht kurz, aus den Augen lassen, sonst verpasst man womöglich ein wichtiges Detail. Der gelungene Clou an Thomas Kirchners ein wenig überfrachtetem Drehbuch ist, dass jeder der drei einen anderen, jeweils durchaus gewichtigen Teil des einstigen Geschehens versäumt hat. So ergeben sich höchst unterschiedliche, lange Zeit gleichermaßen plausible „Wahrheiten“, ein Freudenfest auch für geübtere Krimi-Tüftler. Dabei wird der abgenudelte Satz ertappter Ehebrecher, nämlich „Es ist nicht, wie du denkst“ zum immer bitterer klingenden Refrain. Das große Melo-Finale, so oder so nah am Wasser gebaut, legt nochmals die kaum zählbaren alten Wunden offen und schließt mit allen bequemen Illusionen ab. Dem Ensemble ist unter der einfallsreichen Regie Wessels einer der unterhaltsamsten und intelligentesten Krimis seit langem gelungen. Der setzt auch seine gar nicht so heimliche Hauptdarstellerin klug ins diesige Licht: Der Star ist die Landschaft.

„Das Geheimnis im Moor“, ZDF, 20 Uhr 15

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