• American Dream: Wie eine Luxus-Villa des US-Milliardärs David Siegel zum Millionengrab wurde

American Dream : Wie eine Luxus-Villa des US-Milliardärs David Siegel zum Millionengrab wurde

Langzeit-Doku: Es sollte das größte Eigenheim der USA werden. Doch dann kamen Lehman Brothers, Börsencrash, Firmeninsolvenzen.

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Das Miliardärsehepaar David und Jackie Siegel.
Das Miliardärsehepaar David und Jackie Siegel.Foto: SWR

Es ist beinahe ein groteskes Bild: Zu Beginn sitzt der US-Millardär David Siegel stolz in einem mit Gold überzogenen Fauteuil. Es würde nicht einmal überraschen, wenn er auch dieses Möbel für Unsummen aus Frankreich hätte importieren lassen. In seinem kurzärmeligen blauen Hemd sieht er zwar nicht wirklich wie ein Regent aus, verhält sich aber so. Auf dem Schoß des milliardenschweren Best-Agers sitzt die junge Gattin, Jackie Siegel, einst Miss Florida in den 1990ern, nun Mutter von acht Kindern. Ihre äußerst üppige Oberweite, bei der sie sehr hat nachhelfen lassen, rückt die große, proppere Frau mit den langen blonden Haaren immer wieder zurecht. David stöhnt vor laufender Kamera unter Jackies Gewicht. Sie sind stolz. Sind sie glücklich? Jackie ist 43. David ist 74. Der Altersunterschied von über 30 Jahren stört sie nicht sonderlich. Das alles ist im Jahr 2007, als Lauren Greenfield ihre fünf Jahre umfassende, abendfüllende Langzeitdoku „Die Königin von Versailles“ beginnt.

Das Haus, in dem die Siegels mit ihren acht Kindern und 19 Angestellten in Florida leben, umfasst 2500 Quadratmeter. Leider platze es aus allen Nähten, wie Jackie Siegel meint, sodass sie sich nun vergrößern wollen: Das US-Versailles ist geplant, das größte Eigenheim der USA: Das Versailles der Siegles, von dem man nach Disney-World hinüber sehen kann, ist auf 8000 Quadratmeter Wohnfläche veranschlagt. Mit eigener Bowlingbahn, Eislaufbahn, Rollschuhbahn. Mit zehn Küchen und eigener Sushi-Bar. Mit zwei Tennisplätzen und einem Baseballfeld draußen. Die Kinder bekommen einen kompletten Flügel des Gebäudes. Bescheidenheit ist anders. Realismus auch.

Als Jackie im sehr eng anliegenden rosafarbenen T-Shirt und in sehr kurzen Blue Jeans einmal mit einer Freundin durch die giganteske Baustelle des Rohbaus stakst, über die weit geschwungene Treppe in der Empfangshalle, und ganze Zimmerfluchten als ihren noch einzubauenden begehbaren Kleiderschrank erklärt, da hat diese Szenerie etwas nahezu Gespenstisches. In der riesengroßen Garage lagert Marmor aus China im Wert von fünf Millionen Dollar. Das Versailles des Präsidenten-Machers David Siegel, es ist ein monströser Palast. Kostenpunkt: 100 Millionen US-Dollar. Größenwahn ist hier nicht mehr weit.

Wahlkampfhife für den Präsidenten

Wenn der Bau einmal fertig ist, wird er vollständig mit Möbeln im Louis-Quatorze-Stil eingerichtet, so David, der Ex-Präsident George W. Bush kennt und ihm im Jahr 2000 in Florida maßgeblich im Wahlkampf geholfen hat: „Ich habe persönlich dafür gesorgt, dass George W. zum Präsidenten gewählt wurde. Wie, das verrate ich lieber nicht. Womöglich wäre es nicht ganz legal…“.

Dann kommt das Jahr 2008, und es macht auch vor den Siegels und ihrem Gigantismus nicht halt: Lehman Brothers, Börsencrash, Firmeninsolvenzen. Siegels lukratives „Timeshare“-Geschäft mit seinen „Westgate Resorts“ - bei dem Kunden für tausende Dollar das Recht auf Lebenszeit erlangen, eine Woche im Jahr Urlaub in den Luxus-Apartments zu verbringen - wird zum Millionengrab. Die Banken wollen ihre Gelder. Der Milliardär droht, Pleite zu gehen. Er muss Tausende an Mitarbeitern entlassen. Und Versailles? Siegels Sohn Richard aus erster Ehe, Direktor der Resorts, hält in der Firma die Stellung, führt das Kamerateam durch endlos lange leerstehende Gänge und Räume des gläsernen „PH Towers“ in Las Vegas. Sein Vater sei sein Arbeitgeber, so der Sohn, und er sein Arbeitnehmer. Nein, sie seien sich nicht sehr nah. Traurigkeit schwingt da mit.

Es ist das Jahr 2012. Jackie ist 48. David ist 79. Nichts mehr ist so, wie es vor fünf Jahren noch war. Das Leben der Siegels wurde in seinen Grundfesten erschüttert, kein Lebensstein liegt mehr auf dem anderen. Die Angestellten werden sukzessive entlassen. Jackie muss lernen, zu kochen. Überall in dem 2500-Quadratmeter-Haus herrscht Unordnung. Der Zerfall schleicht sich ein. David wendet sich von der Familie ab, oftmals sitzt er abends allein vor dem großen Flachbildschirm, lässt sich das Essen dorthin bringen, redet mit niemandem mehr ein Wort. Ob die Familie ihm etwas bedeute?, fragt Lauren Greenfield aus dem Off. „No!“ lautet die knappe Antwort. Sein Gesicht wirkt nun, 2012, ganz anders als noch in 2007. Das Funkeln in den Augen ist verschwunden. Die Selbstsicherheit auch. Ein gebrochener Mann. Da hat einer das verloren, was ihm alles bedeutete: Der „American Dream“ der Siegels ist geplatzt.

So zeigt Lauren Greenfields eindrücklicher und genauer Dokumentar-Langfilm den Verlauf einer Biographie vor dem Hintergrund der jüngsten US-Geschichte. Es ist auch die frappierende Geschichte des allmählichen Zerfalls einer Familie: Buddenbrooks à la americaine. Einmal - es war vor der fatalen 2008er Finanzkrise und es ging um seine „Timeshare“-Vermietungen an US-Durchschnittsbürger -, da meinte David Siegel, und er saß damals noch in seinem mit Gold überzogenen Fauteuil: „Jeder Mensch will reich sein. Wer nicht reich sein kann, soll sich wenigstens mal reich fühlen können. Wer das nicht will, ist wahrscheinlich - tot.“


„Die Königin von Versailles“, Dienstag, ARD, 22 Uhr 45

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