Amtsübergabe : Der Berlin-Kenner

Der gebürtige Saarländer Peter Laubenthal hat 27 Jahre lang die „Abendschau“ geprägt. Nun gibt er die Leitung ab. Nachfolgerin Anna Kyrieleis wurde in Athen geboren.

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Zwei Dinge sind besonders im Büro von Peter Laubenthal. Auffällig am Dienstzimmer des „Abendschau“-Chefs sind zum einen die beiden großen Bilder, die kein Besucher übersehen kann, wenn er das Büro vom Vorzimmer aus betritt. Die Szenen vom Fall der Mauer gehören zu den emotionalsten Momenten der jüngeren Berliner Geschichte. Genauso wichtig ist zum anderen der Tischkalender, auch wenn er ungleich kleiner ist. Vor allem die vielen roten Markierungen fallen auf. „Ich mache immer eine kleine Notiz, wenn die Quote der ,Abendschau‘ über 30 Prozent liegt“, erklärt Laubenthal. Und Anlässe dafür gab es gerade in den letzten Wochen genügend. Allein vor Pfingsten lag der Marktanteil der RBB-Informationssendung mehrfach über 40 Prozent. Das Verdienst dafür darf sich auch Laubenthal an die Brust heften. Seit 1985 hat er der erfolgreichsten Fernsehsendung in Berlin das Gesicht gegeben, zuerst als Planer, in den letzten zwölf Jahren als Leiter der „Abendschau“. Zum 1. Juli übergibt der inzwischen 65-Jährige die Amtsgeschäfte an seine Nachfolgerin Anna Kyrieleis, 35.

RBB-Intendantin Dagmar Reim würdigt ihn als „Journalisten aus Passion“. Er sei ein gutes Beispiel dafür, dass Zugezogene mitunter die leidenschaftlicheren Berliner sind. Während manch Ur-Berliner bis heute nur ungern die Zonengrenze passiere, sei der gebürtige Saarländer schon vor dem Mauerfall ein Kenner Ost-Berlins gewesen. „Er hat den gesamtberlinerischen Blick der ,Abendschau‘ geschärft und mit viel Kreativität jeden Abend neu die elektronische Chronik der Stadt geschrieben“, sagte sie dem Tagesspiegel. Die Intendanten des Senders, ob nun zu SFB- oder RBB-Zeiten, wussten immer, was sie an der „Abendschau“ hatten.

Dabei war die „Abendschau“ in den Jahren direkt nach der Wende im Osten sogar weniger erfolgreich als davor. Erst eroberte das Privatfernsehen die besten Plätze auf der Fernbedienung. Als dann die Schattenseiten der Marktwirtschaft sichtbar wurden, glaubten viele Ost-Berliner, in der „Abendschau“ eine reine West-Institution wahrzunehmen.

Die „Abendschau“ reagierte mit einer Ost-AG. Jedes Gesamtberliner Thema fand nun im Osten statt. „Freibad-Eröffnungen gab es ab sofort nicht mehr am Wannsee, sondern am Müggelsee. Gottesdienste waren nicht mehr Gedächtniskirche, sondern Dom“, erzählt Laubenthal. Die Kampagne war erfolgreich. Auf seinem Tischkalender konnte er notieren, wie die Quote im Osten mehrmals in der Woche besser war als im Westen. „Darauf waren wir sehr stolz.“

Nach Berlin fand der Saarländer in den 70er Jahren über das Jura-Studium. Doch am Anwaltsberuf hatte er nicht lange Spaß. Als er einen betrügerischen Unternehmer verteidigte und auch noch gewann, wechselte er zum Journalismus und zum Tagesspiegel. Hier absolvierte er bis 1977 sein Volontariat und wurde später Jungredakteur.

Doch ebenso stilbildend wie die Zeit beim Tagesspiegel und dem damaligen Lokalchef Günter Matthes sollte für Laubenthal 1978 seine Arbeit als Pressesprecher des damaligen Bundesjustizministers Hans-Jochen Vogel werden. Ein Spitzname des SPD-Politikers lautete „Klarsichthülle“. „Das habe ich von ihm gelernt und bis heute beibehalten“, sagt Laubenthal mit einem Blick auf seinen Schreibtisch, auf dem das gleiche Ordnungsprinzip herrscht. Trotz guter Bezahlung zog es Laubenthal dennoch wieder von Bonn nach Berlin, zurück zum Tagesspiegel, wo er stellvertretender Lokalchef wurde.

So stetig Laubenthals Berufsweg später bei SFB und RBB war, so wechselfreudig war er in den 80er Jahren: Im Senat von Richard von Weizsäcker wurde Laubenthals bester Freund Volker Hassemer Umweltsenator. 1981 war der CDU-Politiker in Berlin ein unbeschriebenes Blatt und benötigte einen gewieften Pressesprecher mit besten Kontakten in der Stadt: Die Wahl fiel auf Laubenthal. Doch der Ausflug in die Politik befriedigte ihn nicht dauerhaft, er wollte zurück in den Journalismus.

Die „Abendschau“ galt Mitte der 80er Jahre wahlweise als „Linke Socke“ oder „Rotes Nest“, ganz zum Missfallen des damaligen SFB-Intendanten Lothar Löwe, der Laubenthal davon überzeugte, zur „Abendschau“ zu wechseln. Seine Planstelle musste allerdings erst noch geschaffen werden, und so fing Peter Laubenthal 1985 als „Researcher“ an, „das war so etwas wie ein Themenscout“, erinnert er sich. Das Handwerkszeug habe er ebenfalls beim Tagesspiegel erhalten. „Günter Matthes hat keinen Berlin-Fehler verziehen. Bei ihm musste man 100 Prozent Berlin-fit sein.“

Seinen ersten Fitness-Test als Berlin-Kenner hatte Laubenthal während des Studiums mit der Taxifahrerprüfung abgelegt. „Um Droschke fahren zu dürfen“, wie Laubenthal es nennt, „musste man damals alle Straßen und Plätze, alle Krankenhäuser und die kürzesten Wege kennen. Ein unbezahlbares Wissen für einen Lokaljournalisten“. Zu den weiteren Fähigkeiten, über die die Reporter der „Abendschau“ verfügen müssen, gehört für ihn „ein helles Verständnis für die Stadt“. Nicht Euphorie, eher eine gewisse Distanz. „Man kennt die Schwächen der Stadt und der Bevölkerung und fasst in jede Wunde, die sich auftut“, sagt Laubenthal. „Aber man macht die Stadt nicht grundlos fertig, weil man das Hintergrundwissen hat, was die Berliner in den letzten hundert Jahren durchgemacht haben.“

Dass manche Kritiker die „Abendschau“ als piefig oder spießig empfinden, kann Laubenthal nicht nachvollziehen. Als wieder einmal zu viele Tierthemen und Kleingartenberichte gerügt wurden, hat er im RBB-Rundfunkrat minutiös nachgewiesen, bei welchen Themen die Zuschauer kommen und gehen. „Nach der reinen Lehre sind Politik, Wirtschaft und Kultur wichtig. Das müssen sie natürlich haben, aber als Fernsehmagazin brauchen sie eine schmackhafte Mischung“, erklärte er den Räten. Einfach gesagt: „Wenn Sie am Donnerstag Abgeordnetenhaus haben, brauchen sie danach etwas in der Sendung, was Sie wieder mit der Stadt versöhnen lässt.“

Den Ehrgeiz, der Sendung einen Stempel aufzudrücken, hat Laubenthal nie gehabt. Wichtig war ihm vor allem, dass auf die journalistischen Standards geachtet wird. Seinen Reportern und Moderatoren hat er immer wieder klargemacht, dass die „Abendschau“ der Berliner Lokalteil des RBB ist, obwohl in New York und vielen anderen Orten der Welt ständig interessante Dinge passieren. Vor die Kamera hat es ihn dabei nicht gedrängt, selbst die Auswahl von Fotos zu ihm ist bescheiden. Er sei mehr der Organisator und Steuermann. „Wir haben Fachleute, die ungeheuer gut moderieren können.“

Tipps will er seiner Nachfolgerin Anna Kyrieleis nicht geben: „Am besten hilft es allen, wenn sie möglichst unvorbelastet an den Job herangeht“ sagt er. „Ich habe von meinem Vorgänger ein völlig leeres Zimmer übergeben bekommen. Das war ein tolles Gefühl.“ Konkrete Pläne für die Zukunft hat er nicht. „Ich werde sicher nicht untätig bleiben, aber ich habe auch kein Problem mit Müßiggang.“

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