Anti-Islam-Kommentar von Nicolaus Fest : "Bild"-Chefs um Schadensbegrenzung bemüht

Integrationshindernis Islam? Die Kritik am Kommentar von „BamS“-Vize Nicolaus Fest reißt nicht ab. Ein Landtagsabgeordneter aus NRW hat inzwischen Strafanzeige gestellt. Die Chefredakteure von "Bild" und "BamS" gehen auf Distanz.

von und Lisa Fritsch
"Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann Foto: dpa
"Bild"-Chefredakteur Kai DiekmannFoto: dpa

Das ging dann selbst den Spitzen von „Bild“ und „Bild am Sonntag“ (BamS) zu weit: „BILDamSonntag hat Gefühle verletzt. Ganz deutlich: Wir sind nicht islamfeindlich! Ich entschuldige mich für den entstandenen Eindruck“, twitterte BamS-Chefredakteurin Marion Horn am Sonntag, nachdem ein Kommentar von „BamS“-Vize Nicolaus Fest über den Islam als Integrationshindernis zu massiver Kritik von Verbänden, Politikern und aus den sozialen Netzwerken geführt hatte.

Am Montag reagierte zusätzlich „Bild“-Chefredakteur und „BamS“-Herausgeber Kai Diekmann mit einer grundsätzlichen Stellungnahme. In einem Kommentar zog er für „Bild“ und den Springer-Verlag eine „klare, unverrückbare Trennlinie zwischen der Weltreligion des Islam und der menschenverachtenden Ideologie des Islamismus“. Bei „Bild“ und dem Verlag Axel Springer sei „kein Raum für pauschalisierende, herabwürdigende Äußerungen gegenüber dem Islam und den Menschen, die an Allah glauben“, so Diekmann. „Genau solche Auseinandersetzung entlang religiöser Grenzen wollen wir nicht. Wir wollen sie nicht führen, nicht befördern und nicht herbeischreiben“, schrieb Diekmann, ohne jedoch den direkten Zusammenhang zum Fest-Kommentar herzustellen.

Nicolaus Fest hatte in seiner nur 106 Worte langen Meinungsäußerung über den Islam geurteilt. „Mich stört die weit überproportionale Kriminalität von Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund. Mich stört die totschlagbereite Verachtung des Islam für Frauen und Homosexuelle.“ Die Kritik an seinem Text entzündete sich jedoch vor allem an den Sätzen: „Nun frage ich mich: Ist Religion ein Integrationshindernis? Mein Eindruck: nicht immer. Aber beim Islam wohl ja. Das sollte man bei Asyl und Zuwanderung ausdrücklich berücksichtigen!“

Zum Kommentar meldeten sich Politiker von SPD, Grüne und Linke zu Wort. Volker Beck von den Grünen forderte eine Entschuldigung von Nicolaus Fest an alle Muslime. „Ich wünsche mir, dass der Autor einsieht, dass er mit seinem Text völlig daneben gelegen hat“, sagte Beck dem Tagesspiegel. „Bild“ verspiele mit dem Kommentar zudem die Glaubwürdigkeit für ihre Initiative gegen Judenhass – zu der sie am Freitag aufgerufen hatte. Diese Aktion fand auch der Zentralrat der Muslime in Deutschland vorbildlich. Der Vorsitzende Aiman Mazyek beurteilt den Kommentar von Fest deshalb umso fassungsloser. Für ihn ist er ein „Kübel Dreck, den Fest über den Islam schüttet.“ Wer Judenhass säe, ernte Islamhass, und umgekehrt.

SPD-Netzpolitik-Sprecher Jonas Westphal reichen die „lapidaren Tweets“ von Diekmann und Horn nicht aus, denn auch in der internationale Presse sei der Vorgang schon angekommen. Seine klare Forderung: „Nicolaus Fest als BamS-Vize gehört umgehend abgesetzt.“

Linken-Chef Bernd Riexinger verlangte eine stärkere Reaktion der Springer-Chefredakteure: „Eine Distanzierung seitens Herrn Diekmann reicht hier nicht mehr aus. Statt sich über den von ihm provozierten ,Shitstorm‘ zu amüsieren, muss sich Herr Fest glaubhaft und nachdrücklich entschuldigen. Alles andere ist ungenügend und provoziert sozialen Unfrieden.“

Der nordrhein-westfälische Landtagsabgeordnete Serdar Yüksel (SPD) stellte eigenen Angaben zufolge Strafanzeige wegen Volksverhetzung. „Das, was sich Herr Fest geleistet hat, vergiftet die Stimmung in unserer Gesellschaft“, so Yüksel.

Für Springer-Journalisten gilt ein verbindlicher Wertekatalog. Zu den fünf Unternehmensgrundsätzen gehört unter anderem „das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen“ sowie „die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes“. Von Zeit zu Zeit werden die Regeln geändert, so entfiel nach der deutschen Wiedervereinigung der entsprechende Passus. Es gebe jedoch keine Pläne, die Haltung des Unternehmens zum Islam in diesen Wertekanon aufzunehmen, erklärte ein Springer-Sprecher auf Nachfrage.

Mit der Entschuldigung für den Fest-Kommentar hat „BamS“-Chefredakteurin Horn nicht lange gezögert und damit die Forderungen von Beck und anderen erfüllt. Ihr Vize Fest, Urheber der Auseinandersetzung, meldete sich ebenfalls über Twitter zu Wort – jedoch ohne Entschuldigung. Und selbst mit Diekmanns Grundsatzkommentar hadert Nicolaus Fest: „Diekmann zu #IntegHindernisIslam. Aber gibt es Grenze zw. Islam / Islamismus? Antisem.Demonstranten waren Mütter & Normalos“, twitterte er.

Für den Springer-Verlag stellt das jedoch kein Problem dar: „Kommentare sind in der Regel die Einzelmeinungen eines Autoren und geben nicht den Standpunkt der Redaktion wieder – das ist das Wesen dieses journalistischen Formates“, hieß es auf Nachfrage. Kai Diekmann habe unmissverständlich klargestellt, dass im aktuellen Fall die Meinung des Autors nicht die Meinung von „Bild“ oder von Axel Springer sei. Der stellvertretende Chefredakteur Fest werde auch weiterhin kommentieren.

Und was Diekmann und Horn selbst nicht sagen konnten, schrieb der Grünen-Bundestagsabgeordnete Özcan Mutlu auf Einladung von Diekmann in einen Gastbeitrag für „Bild“. Fests Kommentar sei für ihn „Rassismus pur“, so Mutlu. „Die Hasstiraden des Autors schüren ohne Not Vorurteile, Ängste und Menschenfeindlichkeit.“ Klare Worte.

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