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ARD-Check: Sender stellt sich Zuschauerfragen : „Wir haben den Schuss gehört“

Die ARD-Vorsitzenden Lutz Marmor und Tom Buhrow stellen sich im ARD-Check den Zuschauerfragen. Und bringen dabei ihre Hauptbotschaft „Wir brauchen mehr Geld“ unters Fernsehvolk. Auf eine Pegida-Diskussion ließen sie sich hingegen nicht ein.

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Stellen sich im ARD-Check den Zuschauerfragen: Der ARD-Vorsitzende Lutz Marmor (rechts) und sein Stellvertreter Tom Buhrow.
Stellen sich im ARD-Check den Zuschauerfragen: Der ARD-Vorsitzende Lutz Marmor (rechts) und sein Stellvertreter Tom Buhrow.Screenshot: Tsp

Lutz Marmor und Tom Buhrow können mit den Fragen der Zuschauer zufrieden sein. Der ARD-Vorsitzende und NDR-Intendant sowie der ARD-Vizechef und WDR-Intendant haben im anderthalbstündigen ARD-Check am Montagabend im Ersten den Großteil ihrer Botschaften unters TV-Volk gebracht. Der Montag ist der Verbrauchertag im Ersten. Hier wurde von Aldi bis Zalando schon alles auf den Prüfstand gestellt. Auch Fernsehzuschauer sind in gewisser Weise Verbraucher, darum durften an diesem Montag 150 Publikumsgäste im Hamburger Hafen sowie die restlichen Zuschauer via Internet den ARD-Chefs auf den Zahn fühlen. Beim WDR hat es bereits drei solcher Sendungen gegeben, für die ARD war es hingegen Neuland. Die Zuschauer in der von Sandra Maischberger moderierten Sendung gingen jedenfalls überaus pfleglich mit den beiden Senderverantwortlichen um. Das Interesse der Menschen vor ihren Fernsehern hielt sich allerdings in Grenzen. 1,62 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 5,3 Prozent) wurden von den anderen Markenchecks wie dem Aldi-Check mit 4,6 Millionen Zuschauern locker überboten.

Ein Schwerpunkt des Selbsttests war das Geld. Dabei war es nicht etwa so, dass die Zuschauer auf der Frage herumgeritten hätten, warum sie so viel für die öffentlich-rechtlichen Programme zahlen müssen. Nur eine Frau fand es ungerecht, dass Topverdiener genauso viel bezahlen wie Studenten. Ein politische Entscheidung, dafür können wir nichts, meinte der ARD-Vorsitzende Lutz Marmor dazu. Ansonsten nutzen er und sein Intendantenkollege jede sich nur bietende Gelegenheit, für die anstehenden Verhandlungen mit der Kommission für die Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) Argumente für Gebührenerhöhungen unterzubringen. Warum es der Senderverbund nicht schaffe, ebenfalls erfolgreiche internationale Serien wie die „Sopranos“ oder „Breaking Bad“ zu schaffen? Auch er liebe solche Serien, sagt Buhrow, aber eine Folge davon koste vier bis fünf Millionen Dollar. „Daraus machen wir drei ,Tatorte‘“. Auch die eingeladene „Tatort“-Schauspielerin Sabine Postel, die sich mehr Geld gerade für dieses Premiumprodukt der ARD wünscht, um Qualität unter vernünftigen Arbeitsbedingungen abzuliefern, wurde zur Stichwortgeberin. „Das Geld ist bei uns knapp, nicht nur beim ,Tatort‘, aber seit 2009 hat es nicht nur keine Erhöhung der Gebührengelder gegeben, sondern ein Senkung“, erklärte ihr Lutz Marmor, der das bei den KEF-Verhandlungen nun ändern möchte. Aber könne man nicht wenigstens auf die Werbung verzichten? kam eine Zuschauerfrage. Dann müssten die Gebühren um 1,27 Euro steigen, sagt Marmor.

"Wie kam eigentlich die Kanzlerin in deine Sendung?" will Sandra Maischberger (re.) von Talk-Kollegin Anne Will wissen.
"Wie kam eigentlich die Kanzlerin in deine Sendung?" will Sandra Maischberger (re.) von Talk-Kollegin Anne Will wissen.Screenshot: Tsp

An den Kosten für die Intendanten liegt es jedenfalls nicht, dass das Geld nicht reicht, lernen die Zuschauer an diesem Abend. Warum Buhrow mehr verdiene als die Kanzlerin, hieß es in einer von insgesamt drei Fragen, die aus dem Internet gefischt wurden. „Weil die Kanzlerin unterbezahlt ist“, erwidert Buhrow. „ProSiebenSat-1-Chef Ebeling erhält vier Millionen pro Jahr, mit Boni hat er im vergangenen Jahr 20 Millionen bekommen. Chefs von Stadtwerken oder eines Verkehrsbetriebes mit wesentlich weniger Verantwortung erhalten zum Teil mehr als wir beide zusammen. Ich kann mit gutem Gewissen in den Spiegel gucken“. Auch bei den Mitarbeitern seien die Gehälter keineswegs hoch. Um die Belastung durch die Altersbezüge zu senken, werde derzeit mit den Gewerkschaften verhandelt. „Wir haben den Schuss gehört“, sagt Tom Buhrow.

Auch andere Sparideen werden verwiesen. Anstaltsfusionen? Hat man ja beim SWR gesehen, was passiert, wenn man aus zwei Orchestern eines machen wolle. Braucht es neun ARD-Sender, von denen beispielsweise der WDR zehn Landeshäuser unterhält? Nichts zu machen, sagen die ARD-Granden. Gerade in der Region sind wir stark, kommen auf bis zu 40 Prozent Marktanteil. Die Botschaft, sie ist immer die gleiche: Das Geld ist bei uns gut aufgehoben. 64 Radiowellen sorgen dafür, dass die ARD nah bei den Gebührenzahlern ist und mit 26 Korrespondentenstudios und dem dichtesten Netz weltweit wird der Zuschauer rundum gut informiert.

Geld und Glaubwürdigkeit, dazu wollten die ARD-Chefs ihre Botschaften loswerden

Womit die Sendung am zweiten Punkt ankommt, der den Senderchefs wichtig ist: der Glaubwürdigkeitsdebatte und dem Stichwort Lügenpresse. Udo Lielischkies, ARD-Korrespondent in der Ukraine, gibt zu, dass er Lutz Marmor und Tom Buhrow einen schweren Tag bereitet hatte, als er ohne böse Absicht die falsche Seite für zwei Tote im Kaukasus-Konflikt verantwortlich gemacht hatte – weil er selbst falsch informiert worden war und es ihm mangels Internetverbindung im Hotel nicht möglich war, die Information zu verifizieren. Später entschuldigte sich die ARD in den „Tagesthemen“ für die Falschinformation. Aber auch im Inland stehe der Senderverbund in der Kritik, die ARD zeige nur Musterflüchtlinge und lasse die Ängste der Bürger aus, lauten die Vorwürfe.

Doch die Pegida-Debatte wird nicht eröffnet, vielmehr unterstreichen Buhrow und Marmor, dass es keine Einflussnahme der Intendanz auf die Redaktion gab und gebe. Wenn es in der Flüchtlingsfrage mehr Bilder als Fakten gegeben habe, wie eine Zuschauerin moniert, dann habe das daran gelegen, dass anfangs nicht genügend Informationen zur Verfügung standen. „Es gibt kein anderes Thema, das in den Redaktionen so breit diskutiert wird wie die Frage, wie man die Fakten so bringen kann, dass sich die Zuschauer selbst ein Bild machen können“, sagt Tom Buhrow. Aber werde über Kriege des transatlantischen Bündnispartners – also der USA – nicht wohlwollender berichtet als über andere Auseinandersetzungen? Buhrow erinnert an den zweiten Irakkrieg. „Es gab kein kriegerisches Ereignis, über das so kritisch berichtet wurde.“

Trotz aller vorbereiteten Statements der beiden ARD-Chefs hat die Sendung durchaus ihre lehrreichen Momente: In die Sendung ist auch der Medienkritiker Hans Hoff eingeladen, der mit Lutz Marmor ein Streitgespräch führen durfte – aber dabei auf verlorenem Posten steht. Am ARD-Vorsitzenden perlt jede Kritik ab. Die große Systemfrage, also wohin sich der Senderverbund hin entwickeln sollte, stellt sich für ihn nicht. „Das System wird von den Zuschauern angenommen“. Auch mit seiner eigenen Arbeit ist er zufrieden, schließlich habe er in den zurückliegenden drei Jahren den Weg für das Jugendprogramm frei gemacht, den Vorabend attraktiver gestaltet und den Finanzausgleich zwischen den Sender geregelt. Aber warum er nicht beim Fußball einen so mutigen und richtigen Schritt wie einst bei der dopingverseuchten Tour de France gehe und auf die Zusammenarbeit mit der Fifa verzichte, will Hoff wissen. Sicher, bei der Fifa müsse aufgeräumt werden, so Marmor. „Wir sind an der Spitze derjenigen, die darüber berichten.“

Der wohl unterhaltsamste Moment des Abends kommt, als Sandra Maischberger sich mit Anne Will unterhält. „Wie kam es eigentlich, dass die Kanzlerin zu dir in die Sendung kam?“ will sie von Will wissen. Als Zuschauer hätte man vielleicht gefragt, ob es nicht zu viele Talks im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gibt. Doch Maischberger und Will, das sind auch Konkurrentinnen, und darum passt diese Frage besser. „Du weißt ja, wie das ist. Jede Talksendung hat quasi eine Dauereinladung an Angela Merkel beim Kanzleramt platziert. Am Wochenende bekam ich dann eine SMS, dass die Kanzlerin in meine Sendung will, um über das Flüchtlingsthema zu sprechen“, sagt Will. Maischberger hakt nach, will wissen, von wem die SMS kam: „Vom Regierungssprecher“. Ja, auf so eine Message wartet wohl jeder ARD-Talker. Und den ARD-Chefs kann wohl nichts Besseres passieren als ein solcher ARD-Check, in dem der Senderverbund als Meister Proper hervorgeht.

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