ARD : Der "Tatort" aus Dresden ist anders

Erfrischend anders: Der Dresden-„Tatort“ mit Martin Brambach als Chef einer weiblichen Ermittlergruppe. Der gehört allerdings noch zur ganz alten Schule.

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Kripo-Anwärterin Maria Mohr (Jella Haase, v.l.n.r.), Kommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczewski), ihre Kollegin Henni Sieland (Alwara Höfels) und Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) auf Mördersuche.
Kripo-Anwärterin Maria Mohr (Jella Haase, v.l.n.r.), Kommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczewski), ihre Kollegin Henni Sieland...Foto: MDR/Andreas Wünschirs

Diesmal soll alles besser werden. Die peinliche Panne vom Vorjahr, als sich das Erfurter „Tatort“-Team nach nur zwei Ausgaben verabschiedet hatte, weil mit Friedrich Mücke und Alina Levshin zwei der vier Protagonisten das Handtuch geworfen haben, das soll sich nicht wiederholen, wenn der MDR an diesem Sonntag in Dresden das nächste neue „Tatort“-Team in die televisionäre Verbrechensaufklärung schickt. Diesmal ist es nicht das jüngste Team ever, sondern die erste „Tatort“-Truppe mit drei weiblichen Ermittlerinnen – allerdings unter Führung eines äußerst konservativen Abteilungsleiters, der den guten alten Zeiten nachtrauert. Der erste Fall spielt dann auch noch ausgerechnet im Schlagermilieu. Die Gefahr, dass diese explosive Gemengelage nach hinten losgeht, könnte somit nicht größer sein.

Die erste Episode des neuen Teams trägt den Namen „Auf einen Schlag“. Zwar wurde das Mordopfer nicht wirklich mit einem einzigen Schlag getötet, dafür waren mehrere nötig. Die Erklärung ist vielmehr im Beruf des Ermordeten zu finden, denn Schlagersänger Toni war die zweite Hälfte des ostdeutschen Gesangsduos „Toni & Tina“. Eine riskante Themenwahl für die Auftaktfolge in Dresden, schließlich gehört der MDR bekanntermaßen zu den ARD-Sendern, in denen Volksmusik und Schlager besonders zu Hause sind.

Ein Mord im Schlagermilieu ist somit für den MDR nicht ohne eine Portion Selbstironie möglich. Überhaupt sieht sich der Dresden-„Tatort“ – Regie: Richard Huber – offenbar eher in der komödiantischen Krimi-Tradition von Münster – was jedoch nicht weiter verwundert, schließlich stammt das Drehbuch von Ralf Husmann, dem Erfinder von „Stromberg“, genial dargestellt von Christoph Maria Herbst. So sind es im „Tatort“ zunächst auch zwei Schnapsleichen, die neben der Bühne im Dresdner Zwinger von einem betrunkenen Schlagersänger gefunden werden, bevor der tote Toni entdeckt wird. Produziert wurde „Auf einen Schlag“ von der Wiedemann & Berg Television, die unter anderem „Tatort“-Folgen aus Weimar, Berlin und München, aber auch für den „Polizeiruf 110“ mit Matthias Brandt produziert haben.

Das neue Team setzt sich zusammen aus der pragmatischen Kommissarin Karin Gorniak, die als alleinerziehende Mutter Beruf und Privatleben nur schwer unter einen Hut bekommt. Dargestellt wird sie von Karin Hanczewski, die zuvor unter anderem im „Tatortreiniger“ mitgewirkt hat. Gorniaks Kollegin Henni Sieland (Alwara Höfels, „Keinohrhasen“) hätte gerne eine Familie, doch mit dem Freund läuft es gerade nicht so gut. Bei den Ermittlungen verlässt sie sich auf ihr Bauchgefühl, lässt sich aber von der Kollegin gerne eines Besseren belehren. Dritte im Bunde ist Maria Mohr.

Bei ihm machen Männer Frauen Komplimente

Gespielt wird die unerfahrene Kripo-Anwärterin von der 24-jährige Jella Haase („Fack ju Göhte“). Das meiste rausholen aus seiner Rolle kann jedoch Martin Brambach als Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel. Der kennt den Polizeibetrieb noch aus Vorwendezeiten, und auch wenn in der DDR Frauen im Berufsleben oftmals gleichberechtigter waren als heute, gehört er noch zur ganz alten Schule. Bei ihm machen Männer Frauen Komplimente und und Frauen den Männern Kaffee. Doch trotz manchem Macho-Spruch lässt er auf sein Team nichts kommen und stellt sich, wenn nötig, vor seine Frauen. An Martin Brambach kommt man derzeit ohnehin kaum vorbei. Seine Spielfreude scheint dabei mit jeder neuen Rolle zuzunehmen. An diesem Einsatz in exponierter Funktion hatte er ganz offensichtlich große Freude.

Dresden ist dieser Tage eher nicht als Stadt volksmusikalischer Events im Fernsehen, sondern eher als Demonstrationsort fremdenfeindlicher Pegida-Aufläufe. In der Auftaktfolge des neuen Teams spielen solche Ressentiments keine direkte Rolle, doch Vorurteile gibt es auch in der heilen Schlagerwelt. Für Drehbuchautor Husmann sieht die Realität ohnehin anders aus: „Ich hatte ein paar Mal Kontakt zur Schlager- und Volksmusikwelt, und da ging’s am Wildesten zu“, erzählt er. „Da wurde am meisten gesoffen, und da war es am nächstem am Rock’n’Roll.“

Zudem gibt es nach seiner Erfahrung dort auch unheimlich viele traurige Gestalten, so wie „Toni & Tina“-Manager Rollo Marquardt – wunderbar gespielt von Hilmar Eichhorn, der nicht mehr Schritt halten kann mit den Veränderungen im Musikbetrieb. Zu den Verlierern gehört auch der extrem aufdringliche Walther Ungerland (Michael Specht). In einer Szene ist der Schlagerstar-Stalker auf einem Foto zusammen mit Achim Mentzel zu sehen. Als der Dresden-„Tatort“ gedreht wurde, lebte der Schlagersänger noch.

Rollo Marquardts Manager-Konkurrent Maik Pschorrek (Andreas Guenther) sieht sich als Gewinner: „Im Schlager steckt noch wirklich Musik“, sagt er, meint damit allerdings nicht die Lieder, sondern die Profite.

„Tatort: Auf einen Schlag“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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