ARD-Doku "Dieses bunte Deutschland" : Wir schaffen – was?

„Dieses bunte Deutschland“: Ein ARD-Film begleitet Flüchtlinge, Helfer und Hasser.

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Realitätserfahrung. Der 17-jährige Said aus Afghanistan bei einer rechten Demo im sächsischen Freital. Foto: SWR
Realitätserfahrung. Der 17-jährige Said aus Afghanistan bei einer rechten Demo im sächsischen Freital.Foto: SWR

„Ich habe alles verloren“, sagt Hasan, und er sagt es so, dass der Zuschauer ihm glaubt. Ein Mann ohne Hoffnung, je wieder seine kleine Fabrik in Damaskus in Betrieb zu nehmen. Dann versagt auch noch die Skype-Verbindung zu den zwei kleinen Kindern, eine letzte Verbindung zur Heimat, nachdem seine Frau sich von Hasan scheiden ließ. Doch aufgeben will Hasan, der etwa vierzig Jahre alte Mann in Kreuzberg, nicht, ebenso wenig wie die anderen drei Flüchtlinge, die der ARD-Film unter dem unzutreffenden Titel „Dieses bunte Deutschland“ (Gesamtleitung: Jan Tenhaven) porträtiert.

In Pirna wartet der siebzehnjährige Said aus Afghanistan auf einen Aufenthaltsstatus, auf der Schwäbischen Alb die junge Samiha auf die Chance, das in Damaskus abgebrochene Ingenieurstudium unter besseren Bedingungen fortsetzen zu können, und im brandenburgischen Groß Schönebeck freut sich die tschetschenische Hausfrau Zainap, an diesem Ort wohl vor den Mördern ihres Mannes sicher zu sein. Wie die Fluchtgründe im Detail aussahen, wird nicht immer erkundet. Zuweilen mag ein Traum den letzten Ausschlag gegeben haben, der Traum von einem besseren Leben. Fürs erste sieht es auch nicht schlecht aus. Samiha erkämpft „subsidiären Schutz“ für fünf Jahre und absolviert bereits ein Praktikum, Zaid wird achtzehn und tritt eine Tischlerlehre an, während Zainap, trotz unbestimmter Aussicht auf Asyl, weiter im Dorfkindergarten aushilft.

"Willkommenskultur" schläft in Ermüdung um

Ohne eine Helferin an der Seite, immer sind es Frauen, stünden Zainap, Samiha und Zaid vermutlich schlecht da. Vielleicht würden sie noch in einer trostlosen Sammelunterkunft campieren, wo die Nerven blank liegen. Aber selbst im beschaulichen Groß Schönebeck muss der Helferkreis allmählich vor den wachsenden Aufgaben, die hier eine offenbar große Zahl von Flüchtlingen mit sich bringt, kapitulieren. Es wäre gut gewesen, einmal zu zeigen, worin die Überforderung selbst besteht und weshalb die anfängliche „Willkommenskultur“ eines Tages in Ermüdung umschlagen muss. Wichtiger war es den Autoren, an die Anfeindungen zu erinnern, die Flüchtlinge und Helfer wie Giftpfeile treffen. „Macht euch davon“, lautet zum Beispiel eine unmissverständliche Aufforderung, die Zaid und seine schauspielernden Freunde nach der Aufführung ihres Stückes im Theater von Radebeul erreicht. Ein gutes Dutzend solcher Hassmails lässt der Film über einzelne Szenen flattern, wie böse Vögel oder wie Nachrichten aus dem All. Absender unbekannt. Aber das All, das sind diverse deutsche Stammtische, die man wohl lieber nicht ins Auge fassen wollte. Der bis dahin sorgfältig gearbeitete Film verfällt am Ende einer Optik, die Deutschland gar nicht mehr bunt, sondern schwarzweiß aussehen lässt. Hans-Jörg Rother

„Dieses bunte Deutschland“, ARD, Mittwoch, 22 Uhr 45

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