ARD-Doku "Krieg der Lügen" : Amerikas willkommener Kronzeuge gegen Irak

Der ARD-Dokumentarfilm „Krieg der Lügen“ erzählt, wie ein Flüchtling den Geheimdiensten die Gründe für den Feldzug gegen den Irak lieferte.

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Die Berichte von Rafed Ahmed Alwan über die Herstellung von biologischen Massenvernichtungswaffen in Irak erwiesen sich als falsch.
Die Berichte von Rafed Ahmed Alwan über die Herstellung von biologischen Massenvernichtungswaffen in Irak erwiesen sich als...Foto: SWR

Er war der Kronzeuge, mit dem die US-Regierung den Angriff auf den Irak rechtfertigte: Rafed Ahmed Alwan, ein Chemie-Ingenieur aus dem Irak, der Ende 1999 Asyl in Deutschland beantragt hatte. Und der sogleich das Interesse des Bundesnachrichtendienstes (BND) erregte. Als US-Außenminister Colin Powell im Februar 2003 vor dem UN-Sicherheitsrat von einem „Überläufer“ sprach, der Augenzeuge bei der Herstellung biologischer Kampfstoffe gewesen sei, war Alwan gemeint. Der löffelte gerade in Erlangen einen Teller Suppe, während Powells Auftritt im Fernsehen gezeigt wurde. So inszeniert es jedenfalls Matthias Bittner in seinem Dokumentarfilm „Krieg der Lügen“. Und Alwan fiel der Löffel gewissermaßen vor Schreck aus der Hand. „Es fehlte nur noch, dass er meinen Namen nennt“, sagt Alwan über Powell. Dem BND will er dann angeblich gedroht haben, seine eigenen Lügen zu enthüllen: „Ich gehe an die Medien.“ Was er aber doch nicht tat. Erst 2007 wurde die Geheimdienst-Quelle „Curveball“, so Alwans Pseudonym, in der Investigativ-Reihe „60 Minutes“ des US-Networks CBS enttarnt.
Der irakische Flüchtling hatte den Diensten den angeblichen Beweis für die Existenz von Massenvernichtungswaffen bereits im Jahr 2000 geliefert: Pläne einer mobilen Biowaffen-Produktionsanlage. Im Film stellt Alwan es so dar, als habe er nur aufgezeichnet, was sein BND-Kontaktmann hören wollte. „Er wusste, dass all das nur ein Fantasieprodukt war“, behauptet er. Die Anschläge am 11. September 2001 hätten dann alles verändert. Alwan berichtet von einer Videokonferenz in München im Oktober 2002 mit US-Vertretern. Die amerikanischen Agenten wollten die Pläne erklärt haben, sagt Alwan. „Sie haben nicht gefragt: Gibt es sie oder nicht?“ Der Ingenieur wehrt sich gegen die Darstellung, er sei allein verantwortlich und nur ein Lügner, auf den die Dienste hereingefallen wären. Vielmehr habe es ein gemeinsames Ziel gegeben: „Das Ganze diente der Befreiung des Iraks.“

Zweifel sind angebracht, denn Alwan ist der Einzige, der sich in „Krieg der Lügen“ äußert. Das macht diesen Film allerdings auch so faszinierend. Alwan sitzt am Ende eines einfachen Tischs, darauf ein Aschenbecher und etwas zu trinken, der nicht ausgeleuchtete Hintergrund deutet auf eine Art Arbeitszimmer hin. Am anderen Ende des Tischs sitzt vermutlich der Filmautor, dessen Fragen bisweilen zu hören sind. Die Kamera konzentriert sich jedoch ganz auf Alwan, was das Interview, wie der Befragte zwischendurch mal klagt, tatsächlich fast wie ein „Verhör“ wirken lässt. Bittner montiert die konzentrierte Befragung geschickt mit dokumentarischen und inszenierten Bildern. Diese Technik hält die Spannung hoch und den Film im Fluss. Mal wird Alwans Darstellung durch Dokumente belegt, mal ersetzen mehr oder weniger stimmungsvolle Spielszenen die verbale Erzählung.

Die Geheimdienste hüllen sich in Schweigen

„Die Wahrheit ist dieser Film“, sagt Alwan zu Beginn. Damit hat er sich unser Misstrauen schon verdient. Doch dass die Dienste Alwans Angaben nur zu gerne glaubten, erscheint nicht sehr weit hergeholt. Vertreter der Geheimdienste oder aus der Politik kommen jedoch nicht zu Wort. Entweder würden sie sich gegenseitig beschuldigen oder sich in Schweigen hüllen, heißt es in einer Pressemitteilung zum Film. Bittner habe sich „nach umfangreichen Recherchen“ immer weiter von dem Gedanken entfernt, dass es gelingen könne, die vollkommene Wahrheit „in diesem Dickicht aus konzentrierten Wirklichkeiten, gezielt gestreuten Falschinformationen und politischen Interessen aufzudecken“. Das klingt nach Kapitulation, aber einfach hat es sich der Autor nicht gemacht. Akribisch folgt er den verschiedenen Stationen Alwans in Deutschland. Die Aufenthaltsorte wechseln, die BND-Agenten auch. Mal sind es in den Augen Alwans Komplizen, mal Freunde. Dann fühlt er sich unter Druck gesetzt und fallen gelassen. Alwan rechtfertigt sich, ist mal Überzeugungstäter, mal unschuldiges Opfer. Am Ende zeigt ihm Bittner Bilder von einem Anschlag im Irak. „Ich wünschte, dass das nicht der Preis gewesen wäre“, sagt Alwan.

„Krieg der Lügen“; ARD, Dienstag, 22 Uhr 45

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