ARD-Film "Der Fall Bruckner" : Gib’s endlich zu

Hat der siebenjährige Joe nur ADHS, oder wird er von seiner Mutter misshandelt? Corinna Harfouch will es in "Der Fall Bruckner" herausfinden.

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Hausbesuch. Katharina Bruckner (Corinna Harfouch, links) vermutet, dass Architektin Jaqueline Bremer (Christiane Paul) ihren Sohn Joe (Elon Baer) schlägt. Foto: BR
Hausbesuch. Katharina Bruckner (Corinna Harfouch, links) vermutet, dass Architektin Jaqueline Bremer (Christiane Paul) ihren Sohn...Foto: BR

Es mag Schöneres geben, als in einer muffigen Amtsstube Problemeltern mit Problemkindern zu beraten, tagein, tagaus, Jahr für Jahr. Für Katharina Bruckner (Corinna Harfouch) gibt es womöglich ebenfalls Schöneres. Auf keinen Fall aber Wichtigeres. Denn Bruckner hat sich voll und ganz ihrem Job beim Jugendamt verschrieben. Bei den Kollegen genießt sie deshalb einen exzellenten Ruf. Bruckner macht keine Fehler. Bruckner verschätzt sich nicht, wenn es ums Kindeswohl geht. Bruckner, ein Arbeitstier mit bröckeligem Privatleben, irrt sich nicht. Nie.

Diagnose ADHS? Oder doch Misshandlung?

Wenig überraschend also, dass ihr junger Kollege Schubert (Maximilan von Pufendorf) vom schulpsychologischen Dienst sie in einem besonders heiklen Fall um Rat bittet. Der siebenjährige Joe Bremer (Elon Baer) und seine Mutter (Christiane Paul) benehmen sich gar zu seltsam: Obwohl Joe regelmäßig ausrastet – und angeblich deshalb überall blaue Flecken und andere Verletzungen hat –, spielt die Mutter die Situation herunter. Leidet der Junge am berühmt-berüchtigten Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS? Oder wird er doch von seiner Mutter misshandelt? Schubert fragt Bruckner, Bruckner mischt sich ein. Doch ihr Engagement ist schon bald nicht mehr erwünscht: Joes Mutter kommt nämlich nicht aus einem Problemkiez, sondern gehört als erfolgreiche, ständig ausgebuchte Architektin der gutbürgerlichen Mittelschicht an. Bis auf Bruckner selbst sind sich deshalb plötzlich alle Kollegen beim Jugendamt einig, dass man da nicht so genau hinsehen sollte. Und dass Bruckner zu viel in Joes Fall hineininterpretiert – auch aus persönlichen Gründen.

Die Geschichte basiert auf den Erlebnissen eines Sozialpädagogen

Die Geschichte basiert zu einem Großteil auf Erfahrungen des Drehbuchautors Hans-Ullrich Krause, der diese zusammen mit Co-Autorin Cooky Ziesche aufgeschrieben hat. Krause, Pädagoge und Leiter des Kinderhauses Berlin-Mark Brandenburg, liefert mit seiner Expertise in der Sozialarbeit die Charaktere, die in Katharina Bruckners Büro ein- und ausgehen: Mütter, die Stromrechnungen in Keksdosen horten, anstatt diese zu bezahlen. Minderjährige Teenager-Töchter, die bei ihren kriminellen Freunden einziehen möchten. Labile Erziehungsberechtigte. Manchmal schwer anzusehen, manchmal überzeichnet.

Schauspielerisch ist nicht jede dieser Darstellungen ganz ausgereift. Das liegt vielleicht auch daran, dass Regisseur Urs Egger mit vielen noch sehr jungen, unbekannten Nachwuchsschauspielern gearbeitet hat. Der Film, laut Egger ein Herzensprojekt aller Beteiligten, war schwierig durch die diversen Förder- und Produktionsinstanzen zu bringen. Realisiert wurde er letztlich vom Bayerischen Rundfunk. Vor allem Hauptdarstellerin Corinna Harfouch stand von Beginn an hinter dem Projekt – und ihrer Rolle als Katharina Bruckner. Sie und Christiane Paul, die Joes Mutter spielt, tragen den Film fast im Alleingang: beide ausdrucksstark, mit viel Raum für ihre Rollen, jede auf ihre eigene Art kühl und stolz. Andere Charaktere wirken dagegen eher irritierend. Mit etlichen Figuren wird der Zuschauer nicht ansatzweise warm, weil sie permanent am Rand der Geschichte entlangschrammen, ohne diese zu bereichern – etwa Bruckners Tochter Nina (Claudia Eisinger), deren Rolle den gesamten Film über seltsam undefiniert bleibt. Dagegen sind Harfouch und Paul fast überlebensgroß präsent. Jugendamt gegen Architektin, Gut gegen Böse, Engel gegen Monster: Manchmal macht es sich „Der Fall Bruckner“ recht einfach. Der Film, der zu Beginn immerhin noch die vage Möglichkeit vorgibt, Joe könne ADHS haben, lässt bald keinen anderen Schluss mehr zu, als dass der Junge tatsächlich misshandelt wird. Fast eineinhalb Stunden lang sitzt der Zuschauer schließlich da und wartet nur auf einen Moment: Die Architektin soll endlich zugeben, dass sie ihr Kind schlägt. Bitte, danke.

Drehbuchautor Hans-Ullrich Krause wollte mit dem „Fall Bruckner“ nicht nur ein bewegendes Einzelschicksal schildern, sondern einen „Einblick in die Arbeitswelt eines Jugendamts“ gewähren sowie auf die vielen engagierten Menschen dort aufmerksam machen. Das ist ihm gelungen. Produzent Peter Hartwig vermutet, die Zuschauer werden nach 90 Minuten „gelacht und geweint“ haben. Geweint, das muss man zugeben, hat zumindest bei der Premiere vor Freunden und Förderern keiner der Gäste.

„Der Fall Bruckner“, ARD, Mittwoch, 20 Uhr 15

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