ARD-Film über Katharina und Martin Luther : Eine Heirat verändert die Welt

Martin Luther und Katharina von Bora: Ein fabelhafter ARD-Film über die Ikonen des Protestantismus. Und über eine Liebe jenseits der Zweckehe.

Nikolaus von Festenberg
Katharina (Karoline Schuch) ist schwanger und fürchtet, der Teufel habe sich ihrer bemächtigt.
Katharina (Karoline Schuch) ist schwanger und fürchtet, der Teufel habe sich ihrer bemächtigt.Foto: MDR/EIKON Süd/Junghans

Wittenberg, 1525. Ihre Vermählung geben bekannt: Dr. Martin Luther, als Sohn des Minenbetreibers Hans Luder 1483 in Eisleben geboren, erst seit Kurzem bezahlter Mönchsprofessor an der Uni Wittenberg, ehemaliger Klosterbruder bei den Augustinern, als Ketzer geächtet auf dem Reichstag in Worms, gerettet durch Fürstenhand, Übersetzer des Neuen Testaments, dieser Martin Luther also heiratet – wen eigentlich?

Fräulein Katharina von Bora, 1499 geboren, aus verarmtem Adel früh ins Kloster gesteckt, nun eine geflohene Ex-Nonne. Auf Cranach-Gemälden mal als energische Bürgersfrau und mit „ein wenig katzenhaften Augen“ (Biografin Lyndal Roper) abgebildet, mal als kussmundige Verführung voll adliger Eleganz – die reformatorische Bildpropaganda weiß noch nicht, wie sie die Beziehung zwischen Klosterbruder und entlaufener Klosterfrau verkaufen soll.

Die meisten hören den Teufel bei der Heirat des 41-Jährigen mit der 25-Jährigen lachen. Das Paar will, na klar, das Eine, die Wonnen der Sexualität, unterstellen Luthers Feinde und ergötzen sich an schweinischen Flugblattbildern. Luthers Freunde sind auch irritiert. Philipp Melanchthon warnt den Chef-Evangelen, er dürfte sich gerade jetzt nicht sexuell verschwenden. Bauernkrieg, Türkenfurcht, Pest bedrohten die Welt. Luther solle an den Schreibtisch, nicht ins Ehebett.

Abzusehen, dass bei solcher Gemengelage das Fernsehen nicht die Bocksbeine stillhalten wird, „Ketzerbräute“ und „Wanderhuren“ tingeln ja unerbittlich durch die privaten Programme. Der am Mittwoch angesetzte Film „Katharina Luther“ aber ist ganz anders. Viel besser.

Fern der gängigen TV-Mittelalterdarstellung

Geschrieben von Christian Schnalke, inszeniert von Julia von Heinz, gespielt in den Hauptrollen von Karoline Schuch und Devid Striesow, reformieren die Macher erst mal die gängige TV-Mittelalterdarstellung, ganz im Geist Luthers. Weg mit dem Dämmer des Genres, hin zur Übersetzung ins Verständliche. Eine torkelnde Handkamera (Daniela Knapp), die transparenten Szenenbilder (Christian Kettler) arbeiten gegen vulgärhistoristische Gewissheiten. Der Dialog verzichtet auf Befindlichkeitsfloskeln. Die Regie zwingt Striesow und Schuch eine jugendlich kraftvolle Unsicherheit ab.

Ob sie das Eine tun (sie tun es, wunderbar schüchtern), ob Katharina den Saustall um den Gelehrtenschrat Luther (Striesow spielt ihn manchmal hinreißend bubenhaft) ausmistet, ob sich das Paar am Sarg ihrer geliebten Tochter aufbaut und den Zorn auf Gott, leidend (Katharina), zornig (Martin), verarbeiten muss – in jeder Szene ist Ernsthaftigkeit zu spüren. Dieser Film macht uns zu Zeugen des bewundernswerten historischen Abenteuers, die Voraussetzungen zu schaffen, dass die Ehe zu einem inneren Projekt wird, zum Seelenort zweier Menschen, die mehr zusammenhält als Kinderkacke und Zukunftsangst.

Luther, der ein halbes Leben Mönch war, fordert Nonnen zur Selbstbefreiung auf. „Es hat eine Magd, die ein Kind wickelt und ihm einen Brei kocht – selbst wenn es eine Hure ist –, eine viel höhere Berufung von Gott als alle Mönche und Nonnen“, schreibt er, dessen Schriften wie ein Kassiber ins Kloster Marienthron dringen und Herz und Verstand der 1515 zur Nonne geweihten Katharina treffen. Der Film erfindet eine seiner schönsten Szenen für die reformatorische Erweckung: Mit nackten Füßen rennt Katharina mit ihren Klosterschwestern begeistert über eine Wiese – Frühlingserwachen, zweite Geburt, aber kein Kitsch.

Innere Befreiung wird Selbstgewissheit

Im Gesicht der Katharina-Darstellerin Schuch geht da eine Veränderung vor: die Verwandlung der Freude über die innere Befreiung in eine stolze Selbstgewissheit. Man versteht nun den Fortgang der Handlung. Nonne Katharina widersteht den Anfeindungen des schockierten Volkes wegen der Kühnheit, als Frau den Mann Luther um die Ehe zu bitten. Der schwierige Protestantengott bekommt später Familienanschluss, die gemeinsame religiöse Überzeugung wird der Keim zur geistigen Befreiung des Zweckinstituts Ehe.

Den bei Männergelagen zotenden Macho konnte die Lutherin nicht reformieren. Ob sie seinen Judenhass zähmte oder unterstützte, weiß man ebensowenig, wie man ihre Haltung zu Luthers Verurteilung der aufständischen Bauern kennt. Bis zu ihrem Tod 1552, sechs Jahre nach Luthers Ableben, verlor sie ihr kleines Grundstücksvermögen durch Krieg und frauenfeindliches Erbrecht. Sie starb verarmt und auf der Flucht vor der Pest. Gnadenerwerb, hatte ihr Mann gewusst, lässt sich durch Besitz nicht erreichen. Aber Ruhm schon. Studenten und Professoren folgten dem Sarg der großen Frau. Das evangelische Pfarrhaus, das die deutsche Kultur prägte, wäre durch Katharina Luther nicht denkbar, wie dieser fabelhafte Film zeigt.

„Katharina Luther“, ARD, Mittwoch, 20 Uhr 15; „Luther und die Frauen“, Dokumentation, 22 Uhr

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