ARD-Liebesdrama : Die Dinge des Lebens

Das ARD-Liebesdrama „Sag mir nichts“ beginnt mit einer zufälligen, aber intensiven Begegnung, die sich zu einer ausgewachsenen Affäre entwickelt und das Leben von vier Menschen durcheinander wirbelt.

von
Tanz auf dem Vulkan: Aus der Zufallsbekanntschaft von Martin (Ronald Zehrfeld) und Lena (Ursina Lardi) wird eine ausgewachsene Affäre. Foto: SWR/Julia von Vietinghoff
Tanz auf dem Vulkan: Aus der Zufallsbekanntschaft von Martin (Ronald Zehrfeld) und Lena (Ursina Lardi) wird eine ausgewachsene...Foto: SWR/Julia von Vietinghoff

Lena (Ursina Lardi) und Martin (Ronald Zehrfeld) begegnen sich in einer S-Bahn. Es ist reiner Zufall. Ihre Blicke bleiben aneinander hängen, einen kurzen Moment zu lang. Sie steigt aus, er folgt ihr. Dunkle Wege entlang, eine Treppe. Sie dreht sich immer wieder kurz verhuscht um. Am Sportfeld treffen sie aufeinander, kommen sich sofort näher, lieben sich im Dunkel. Ein coup de foudre? Der Beginn einer Affäre? Lena und Martin haben sich ihre Namen nicht gesagt, so wie es der Titel des ARD-Films „Sag mir nichts“ nahelegt. Sie haben keine Handynummern ausgetauscht. Sie bleiben Fremde. Gemeinsam gehen sie wieder zur S-Bahn, fahren ein paar Stationen. Dann steigt er aus. Sie bleibt sitzen, blickt ihm nach. Die S-Bahn fährt ab.

In den kommenden Tagen führen Lena und Martin ihre gewohnten Leben weiter. Lena, selbstständige Fotografin mit eigenem Atelier, ist verheiratet mit Bodo (Roeland Wiesnekker), der in einer Fabrik arbeitet. Sie haben eine fünfzehnjährige Tochter, Susanna (Lea van Acken), die gerade zum ersten Mal erlebt, was Liebeskummer ist. Martin, Journalist bei der ansässigen Zeitung in Mannheim, ist mit Solveig (Sarah Hostettler) verheiratet, Tochter aus gut situiertem Hause, mit höchst dringlichem Kinderwunsch. Mehrfach ist die neurotische Solveig auf Toiletten sitzend zu sehen, wie sie wutschnaubend den Schwangerschaftstest – erneut negativ – gegen die Toilettenwand knallt. Der Druck ist hoch. Zumal Solveigs betuchte Eltern weiteren Erwartungsdruck auf das kinderlose Ehepaar ausüben und auch schon die vom Vater bezahlte Eigentumswohnung ausgesucht haben.

Flucht in die Affäre

Diese fremdbestimmte Druckkammer ist es, die Martins Fluchtgedanken beflügelt: Er will als Journalist endlich weg aus Mannheim, irgendwohin, in eine Großstadt, zu einer größeren Zeitung. Lena hingegen ist in ihrer Existenz bedroht, da ihr die Auftraggeber für Fotostrecken wegbrechen, zugleich wird die Ateliermiete deutlich erhöht. Beides erzeugt Druck.

Dann begegnen sich Lena und Martin unerwartet wieder, im Kaufhaus. Erneut ist es der bloße Zufall, der sie zusammenführt. Diesmal tauschen sie ihre Nummern aus. Fortan können sie nicht mehr voneinander lassen. Der Tanz auf dem Vulkan beginnt. Ein Rausch, hinaus aus dem Vertrauten, dem Druck entfliehen. Nur weg.

Was Regisseur Andreas Kleinert („Mein Vater“, „Tatort“, „Polizeiruf 110“) und Drehbuchautor Norbert Baumgarten in dem bezwingenden Kammerspiel „Sag mir nichts“ erzählen, das ist der Einbruch des Neuen, des Ungewohnten in das Vertraute, das Gewohnte. Oft schon wurde diese Geschichte erzählt. Die Franzosen können das am besten, die klassische Ménage-à-trois zu illustrieren. Die Dinge des Lebens. So geht es hier ganz um das Wie, nicht um das Was. Und dieses Wie gestaltet Kleinerts Liebesdrama spannend: wie en passant werden berufliches wie privates Umfeld der beiden Protagonisten nachgezeichnet – es sind kleine biografische Skizzen. Gesten sind es, Blicke auch, die davon erzählen, wie die Brüche in den beiden Ehen größer werden. Der Grad der Anspannung der beiden Betrügenden steigt synchron zum Grad der Verunsicherung der beiden Betrogenen. Das Darsteller-Ensemble spielt dies meist nuanciert aus, und es ist vor allem Roeland Wiesnekker, der als hart arbeitender, gutgläubiger Ehemann und umsorgender Vater große Momente in seiner Nebenrolle hat, Momente, in denen es um den Kern der Dinge geht, um Wahrhaftiges. Um tiefe Verletzungen.

Wie in einem Edward-Hopper-Gemälde

Vielleicht die schönste, da poetische Einstellung ist das Schlussbild: Da sitzt eine Person im Café und wartet. Gezeigt wird die Szene von außen, durch die große Fensterfront des Cafés. Es ist eine Szenerie, die einem Edward-Hopper-Gemälde entspringen könnte. Es wird dunkel. Die andere Person, auf die hier gewartet wird, kommt nicht. Zunächst. Schließlich erscheint sie im Dunkel der Straße und stellt sich vor die Scheibe. Es schneit, langsam legen sich die Schneeflocken auf den Anorak des draußen Stehenden. Zwischen ihnen ist nur die Fensterscheibe und der fallende Schnee. Dann der letzte entscheidende Schritt.

„Sag mir nichts“, ARD, Mittwoch, 20 Uhr 30 (Achtung: die ARD hat nach dem überraschenden Ausgang der US-Wahl ihr Programm am Mittwoch Abend geändert: Um 20 Uhr 15 läuft ein "Brennpunkt", um 21 Uhr "Maischberger", der besprochene Fernsehfilm entfällt. Ein neuer Sendetermin ist noch nicht bekannt.)

0 Kommentare

Neuester Kommentar