ARD-Moderator : Tom Buhrow verabschiedet sich von den „Tagesthemen“

Hat der Moderator, der nun WDR-Intendant wird, eine Moderatoren-Ära geprägt? Eine Bilanz

Bernd Gäbler
Dienstende. Tom Buhrow wird sich noch von den Zuschauern verabschieden.Foto: NDR
Dienstende. Tom Buhrow wird sich noch von den Zuschauern verabschieden.Foto: NDRFoto: NDR/Dirk Uhlenbrock

Man sollte ihn nicht auf das Lächeln reduzieren. Aber geht mit dem zum WDR-Intendanten gewählten Tom Buhrow jetzt wirklich der „Mister Tagesthemen“? Hat er als Moderator eine Ära begründet, wie es in einigen Porträts schon stand? Das wäre etwas viel der Ehre. Eher hat er eine nicht ganz einfache Institution stets sicher auf mittlerer Flughöhe ins Ziel gesteuert. Aus den fast sieben Jahren seiner Amtszeit am Pult des News-Studios sind weder katastrophale Ausrutscher noch grobe Mängel zu vermelden. Einmal missriet die Deutschlandfahne gründlich, was aber nicht ihm anzulasten ist. Aber auch Höhepunkte, die in Erinnerung bleiben, oder markante Prägungen der Sendung sind kaum auszumachen.
Bei den Nachrichten folgt er, das hat Tom Buhrow in Selbstinterpretationen stets betont, einem Servicegedanken. Dies ist vermutlich seinen frühen Erfahrungen im WDR-Regionalmagazin ebenso geschuldet wie den aus den USA mitgenommenen Erkenntnissen. Als er in Thomas Gottschalks gescheiterter ARD-Sendung zu Gast war, erläuterte er: „Ich will nicht zeigen, wie schlau ich bin, sondern ich mache es für dich.“

Tom Buhrow klingt angenehm uneitel


Das klingt sehr angenehm uneitel (ein weiteres Porträt). Und tatsächlich verstehen ja viel zu wenige Zuschauer die Inhalte. Es ist auch furchtbar schwer, in so kurzer Zeit komplexe Sachverhalte verständlich auf den Punkt zu bringen. Aber resultieren müsste aus dieser Haltung ein besonderes Bemühen um plastische Bilder und variablen Ausdruck – mit einem Wort um gute Sprache. Zwar greift Tom Buhrow nicht so sehr in die Floskelkiste, wie es Petra Gerster und Matthias Fornoff im ZDF tun, aber signifikant sprachmächtig ist er auch nicht. Immer sind die Missionen heikel und die Konflikte spitzen sich zu.
Gerade weil die „Tagesschau“ um 20 Uhr bewusst so wenig Moden folgt, könnte im Kontrast dazu der Magazincharakter der „Tagesthemen“ ausgebaut werden. Nun war Tom Buhrow nicht der redaktionelle Chef der Sendung, sondern nur eins ihrer Gesichter. Für Reformen hat er diese Position aber nicht genutzt.
Vermutlich hätte den „Tagesthemen“ eine Bewegung in zwei scheinbar entgegengesetzte Richtungen gut getan: Mehr Höhenflüge und mehr Bodenhaftung. Zu oft aber sind die Beiträge genauso „gestrickt“ wie in der „Tagesschau“. Und der Mann am Mikrofon ist dann mehr Ansager als Anker. Beides – der intellektuelle Diskurs wie die investigative Tiefenbohrung – scheinen auch nicht Tom Buhrows Herzenssache gewesen zu sein. Zu selten machte er den Eindruck, als wisse er darum, dass es jenseits der täglichen Politik auch noch größere Debatten, philosophischen Streit und kulturelle Interventionen gibt.
Das hatte den Vorteil, dass er nie von einer höheren Warte aus auf die Niederungen der tagespolitischen Kämpfe blickte, zugleich den Nachteil, dass er die Zuschauer selten aus diesen heraus auf eine grundsätzlichere Ebene führte. Tom Buhrow liebt griffige Erklärungen. Wenn es in den USA mit der Wirtschaft aufwärtsgeht, dann wird Obama gewinnen, sagt der Amerika-Kenner. Steigen die Arbeitslosenzahlen weiter, dann hat Mitt Romney eine Chance. Ganz so einfach ist es aber oft nicht.


Außerhalb seines Jobs ist er nicht als Publizist aufgefallen. Dafür moderierte er sehr viel. Er interviewte Kurt Beck und Josef Ackermann oder pries die Gewinner von „Jugend forscht“. Da fragte er meist, was so zu fragen war. Mehr ist wohl auch nicht der Sinn solcher PR-Veranstaltungen. Gelegentlich wirkt er etwas unkonzentrierter als im Auge der Kamera. Da war er immer hellwach, wenn auch nicht raumgreifend präsent.
Vermutlich hat er das an dieser Stelle nicht als seine vornehmste Aufgabe angesehen, aber dass er einmal Zweifel an der gängigen Lesart eines Konflikts geschürt oder beschönigenden Politsprech gegen den Strich gebürstet hätte, ist nicht überliefert. Buhrow will möglichst neutral erklären, liefert aber wenig Stoff zum Nachdenken. Mit ihm wurden die Deutschen nicht von einem Erzähler ins Bett geschickt, sondern von einem freundlichen Notar. Vermutlich müssten in einem Magazin-Konzept für die „Tagesthemen“ auch die Interviews wieder eine größere Rolle spielen. Es ist sehr schwer, einem geübten Politiker in so kurzer Zeit Relevantes zu entlocken. Aber der Unterschied zwischen einem Interview und einem Politiker-Statement darf schon erkennbar sein. Empirisch ist es wohl nicht zu belegen, aber unangenehm in Erinnerung ist, dass bei Tom Buhrow besonders Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich weitgehend ungestört seine gerade aktuellen Konzepte darlegen durfte. Zwar hat auch Buhrow Politiker schon unterbrochen und nachgehakt, aber im Vergleich zu Anne Will und Marietta Slomka bleibt er als der Interviewer mit geringerer Energie im Gedächtnis.
Vielleicht ist er auch eher talentiert für etwas ausführlichere Gespräche. Nach dessen Gedicht „Was gesagt werden muss“ durfte Tom Buhrow für die ARD ein etwa 25-minütiges Gespräch mit Günter Grass führen. Das hat er gut gemacht. Er ist auf den Text eingegangen, hat sich nach der künstlerischen Form erkundigt, die Geste des Tabubruchs hinterfragt, das Schweigen des Nobelpreisträgers zur eigenen Vergangenheit nicht ausgespart und sogar die eigene Sicht auf Israel und den Nahost-Konflikt nicht verheimlicht - das war allemal besser als Claus Klebers Begegnung mit Ahmadinedschad.
„Es sind die kleinen Sachen ...“, sang Tom Buhrow hingebungsvoll zum 40-jährigen Jubiläum der Gruppe Bläck Föss. Das sei ihm unbenommen. Er selbst sollte auf die verräterischen kleinen Sachen achten. Wenn er sich angegriffen fühlt, neigt er zum Populismus. „Was ist das für ein Land, in dem ,nett’ als Schimpfwort gilt“, schimpfte er bei Gottschalk in eigener Sache. Und stellt dann sofort ein Zeugnis aus: „Das Volk ist okay.“ Das sagt Tom Buhrow ohne Einschränkung, Vorbehalte oder Zweifel am Begriff. Streng davon geschieden aber, ja sogar auf einem anderen Planeten lebe „die Medienschickeria“. Besonders lästig sei die in ihrer miesepetrigen Ausformung, den „Medienkritikern“. Von denen darf man sich aber den Spaß nicht verderben lassen, weiß er, greift beherzt zur Gitarre und singt: „Don’t get me wrong“. Ein Optimist eben.

„Tagesthemen“, letzte Ausgabe mit Tom Buhrow, Sonntag, 22 Uhr 45

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