ARD-Reportage aus der Ukraine : Die Opfer des Krieges

ARD-Korrespondentin Golineh Atai antwortet in „Zerrissene Ukraine“ mit journalistischen Tugenden auf die heftigen Attacken im Netz.

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Ein Land im Krieg: In einem militärischen Trainingscamp in Odessa lernen Kinder im Alter von zehn bis 16 Jahren den Umgang mit Waffen. Foto: WDR
Ein Land im Krieg: In einem militärischen Trainingscamp in Odessa lernen Kinder im Alter von zehn bis 16 Jahren den Umgang mit...Foto: WDR

Junge Polizei-Rekruten trainieren auf einem Sportplatz in Kiew, darunter „auffällig viele Frauen“, kommentiert Golineh Atai in ihrem Film „Zerrissene Ukraine“. Mit frischen Kräften will die Ukraine die Polizei reformieren, die bisher als korrupt und nicht gerade bürgerfreundlich galt. Den passend treuherzigen O-Ton liefert ein Ausbilder in Zivil, ein bulliger Mann mit T-Shirt und Sonnenbrille: „Neu für uns ist, dass die Streifenpolizei nicht da ist, um jemanden einzuschüchtern, sondern um den Bürgern zu helfen und die Gesellschaft zu schützen.“

Was wird aus der Ukraine? Wie prägt der Krieg das Land, in dem nach den Maidan-Unruhen im Februar 2014 ein blutiger Konflikt mit russischen Separatisten ausbrach? Golineh Atai, ARD-Korrespondentin in Moskau, ist die Skepsis über angebliche Reform-Fortschritte anzumerken. Der Maidan habe die Politiker des alten Systems nicht weggespült, sagt sie. Dann zählt sie die wichtigsten Oligarchen des Landes auf, verweist auf rund 100 Abgeordnete im Parlament, die deren Geschäftsinteressen vertreten.

Atai hat drei Wochen gedreht und ist dabei kreuz und quer durchs Land gereist. Sie begleitete eine Separatisten-Einheit und ukrainische Soldaten, lässt den Russland-freundlichen Bergarbeiter im Osten und den Gründer einer ukrainischen Miliz in Odessa zu Wort kommen. Und vor allem traf sie sich mit den Familien der Opfer, die dieser Krieg gefordert hat – auf beiden Seiten: Mit dem Zwillingsbruder eines jungen Mannes, der am 2. Mai 2014 gemeinsam mit 47 anderen pro-russischen Separatisten bei Auseinandersetzungen in Odessa starb. Oder mit den Angehörigen eines getöteten ukrainischen Soldaten, der nach Angaben seiner Mutter telefonisch versicherte: „Glaube niemandem etwas anderes: Russland schießt auf uns.“ Es ist eine starke Geschichte, mit der dieser Film endet. Denn der 97 Jahre alte Großvater trägt die Mütze eines Ersten Kapitäns der Sowjet-Marine auf dem Kopf. Schuld sei nicht das russische Volk, sagt er, sondern nur „ein Diktator“. Und am Grab des getöteten Sohnes erklärt auch die Mutter, die angeblich einst in Afghanistan kämpfte, sie beschuldige niemanden, nur Putin. Es ist gewissermaßen das Schlusswort.

Golineh Atai wurde im Netz auf teilweise beschämende Weise angegriffen

Neues Futter also für jene, die in der ARD eine anti-russische Propaganda am Werk sehen? Nicht wirklich. Die vielfältigen, insgesamt ausgewogenen Perspektiven, der sachliche Ton und die distanziert-kritische Haltung gegenüber allen Parteien – Golineh Atai, die im Netz heftig und auf zum Teil beschämende Weise persönlich attackiert wird, hat mit journalistischen Tugenden geantwortet. In der Dokumentation „Ukraine – Grenzland zwischen Ost und West“ werden im Anschluss die engen historischen Verbindungen zu Russland noch deutlicher. Konstanze Burkard und Olga Sviridenko hätten allerdings gut daran getan, nicht in jedem gefühlt zweiten Satz einen Mythos zu beschwören. Thomas Gehringer

„Die Story: Zerrissene Ukraine, ARD, Montag, 23 Uhr

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