ARD und ZDF retten vor Verwahrlosung : Jugendversteherwahn

Der SWR-Intendant sieht Deutschlands Jugend mit Youtube, privatem Trash-TV und Katzenvideos der medialen Verwahrlosung anheim gegeben. Retten kann sie nur ein öffentlich-rechtlicher Jugendkanal. Was für eine groteske Vorstellung. Ein Kommentar

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Peter Boudgoust Foto: dpa
Peter Boudgoust weiß, was die Jugend wirklich will.Foto: dpa

Deutschlands Jugend ist verloren. Und Peter Boudgoust weiß auch, warum. Die jungen Menschen hätten „nur die Wahl zwischen Brutalo-Videos und Katzenfilmchen auf Youtube und Billig-Trash bei privaten Fernsehsendern“. Solle so die mediale Sozialisation zukünftiger Generationen aussehen? Boudgoust weiß – Überraschung – die Antwort schon: „Sicher nicht.“

Peter Boudgoust ist Intendant des Südwestrundfunks. Er hat eine Herzenssache für sich entdeckt: einen öffentlich-rechtlichen, trimedialen Jugendkanal von ARD und ZDF. Das Projekt liegt den Ministerpräsidenten schon länger zur Genehmigung vor, nach einigem Zögern der Regierungschefs soll jetzt entschieden werden.

Für den Fall, dass die bisherigen Bedenken in eine endgültige Ablehnung münden, hat Peter Boudgoust den Schuldigen ausgemacht – die Politik. Dass Deutschlands Jugend mit den von Boudgoust klassifizierten Angeboten im Bewegtbild-Bereich verdorben wird, „das kann die Politik nicht wollen“.

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen betreibt aktuell 19 TV-Programme. Darunter den Kinderkanal, eine höchst erfolgreiche Erfindung, aber nur für Zuschauer bis zehn, zwölf Jahre. Danach findet ein eklatanter Generationenabriss statt: 5,4 Prozent der Zuschauer im Ersten gehören in die Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen, vier Prozent sind es beim ZDF. Die jungen Zuschauer meiden die Programme von ARD und ZDF.

Das geschieht nicht auf Verabredung, dieses Verhalten hat sich über die vergangenen Jahrzehnte eingestellt. Das junge Publikum ist vertrieben worden, nicht unbedingt aktiv, wenigstens aber passiv: Dieses Publikum findet bei ARD und ZDF nicht statt. Es hat entsprechend reagiert, schaut die Privatsender, Youtube, streamt sich sein Programm zusammen. Von einer so verursachten Jugendverwahrlosung ist nichts bekannt geworden.

Boudgoust unterstellt aber diese. Es ist ihm mit dieser Unterstellung zu antworten: ARD und ZDF werden mit einer Zwangsabgabe finanziert, die jeder Haushalt unabhängig von seinem Medienverhalten bezahlen muss. Das Murren darüber ist bei den „Jung-Veranlagten“ groß. Also muss der Jugendkanal her. Damit ist endlich auch für diese Zielgruppe das Alibi geschaffen: Was wollt ihr denn, wir verwenden euer Geld für euer Angebot!

Das ZDF hat auf die mangelnde Attraktivität der Programme für junges Publikum längst reagiert: ZDFneo hat sich herumgesprochen. Die ARD wusste mit ihren Digitalkanälen deutlich weniger bis gar nichts anzufangen. Anders: Der gemeinsame Jugendkanal wäre die Rache der ARD am ZDF.

45 Millionen Euro Etat soll die gewollte Trimedialität aus Fernsehen, Hörfunk und Internet pro Jahr kosten. Geld für Programm und Personal, von dem die beiden Sender sagen, es sei nicht im notwendigem Volumen in der Kasse. Der Tag ist absehbar, an dem die öffentlich-rechtlichen Anstalten bei den Ministerpräsidenten um einen Zuschlag bei der Haushaltsabgabe nachfragen werden. Motto: Die Rettung der Jugend muss der Politik mehr Euro und Cent wert sein.

Das junge Publikum hat nicht zu erkennen gegeben, dass es einen Jugendkanal von ARD und ZDF braucht. Es will sich lieber mit Trash, Youtube und Brutal-Videos verderben. Und was es dabei gar nicht braucht: einen Jugendversteher wie Peter Boudgoust.

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