Arte-Doku über Grönemeyer : Mensch hin, Kumpel her

Eine Arte-Doku versucht, Herbert Grönemeyer auf die Spur zu kommen. Am Ende hat man ein ungutes Gefühl - nicht richtig hinter ihn gekommen zu sein.

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Mediales Begehren. Mit mehr als 20 Millionen verkauften Alben gilt Herbert Grönemeyer als der erfolgreichste deutsche Musiker aller Zeiten.
Mediales Begehren. Mit mehr als 20 Millionen verkauften Alben gilt Herbert Grönemeyer als der erfolgreichste deutsche Musiker...Foto: ZDF/Arte

An Herbert Grönemeyer kommt in Deutschland kein Mensch vorbei. Seit der Veröffentlichung seines 14. Studioalbums „Dauernd jetzt“ vor zwei Jahren scheint Grönemeyer dauernd jetzt auf Tour zu sein, dazu heavy Rotation im Radio, bei der Fußballeuropameisterschaft im Sommer, überall. Zwischendrin ist er noch 60 Jahre alt geworden, was wiederum ihn und seine Plattenfirma veranlasste, vor Kurzem eine aus weit über zwanzig Tonträgern bestehende Werkschau mit dem beziehungsreichen Titel „Alles“ zu veröffentlichen, obwohl jene erst mit seinem zweiten Album „Two“ von 1980 beginnt. Noch Wünsche? Na klar, ein Fernsehporträt! Das fehlt noch bei diesen Grönemeyer-Festspielen.

Dafür sorgt jetzt, aus welchem Anlass auch immer, der Arte-Popfilm-Zuständige Hannes Rossacher. Unter dem Titel „Mensch, Herbert“ und begleitet von einem Bilderbogen aus dem Archiv schreitet Rossacher mit dem 1956 in Göttingen geborenen Schauspieler und Musiker die Stationen von Grönemeyers Leben ab, beginnend mit dessen Trümmerkindheit im Ruhrgebiet.

Darauf folgt das erste Engagement als musikalischer Leiter am Bochumer Schauspielhaus, das Grönemeyer vor allem aber eher zufällig erstmals als Schauspieler auf die Bühne beförderte: als im silbernen Glitzeranzug auftretender Erzähler des Beatles-Musicals „John, Paul, Ringo, George and Bert“.

Grönemeyer landet beim Film, spielt in Jürgen Flimms „Uns reicht das nicht“, bekanntermaßen in „Das Boot“ oder mit Burt Lancaster in der filmischen Turgenjew-Adaption „Väter und Söhne“ („den erlebt zu haben war ein Riesengeschenk“). Anders als dem Film ist er dem Theater bis heute verbunden, auch weil er für Aufführungen von Robert Wilson die Musik komponiert.

"Dass ich auch schöne Musik mache!“

Sehenswert ist vor allem die erste Hälfte von Rossachers durchweg hagiografisch anmutendem Film. Unter anderem erinnert er schön daran, dass Grönemeyer seine Karriere eben als Schauspieler begonnen, viel auch mit Anton Corbijn oder zuletzt die Musik für zwei große Hollywoodproduktionen komponiert hat. Unterhaltsam ist durchaus, was Grönemeyer so erzählt, etwa von der Zusammenarbeit mit Wilson, „nicht verkopft, sondern spaßig“, und davon, wie er in Paris einmal richtig Lob für seine Musik zu Wilsons vierstündiger Faust-Inszenierung bekam: „Ich bin jetzt 60 geworden, und endlich schreibt mal einer, dass ich auch schöne Musik mache!“

Als nach und nach jedoch die musikalische Karriere in den Fokus gerät, so etwa die Produktion des Durchbruchs- und Erfolgsalbums, und Grönemeyer zum soundso vielten Male witzelt, wie die Plattenfirmenmenschen zu ihm sagten, dass „Bochum“ doch in Bottrop schon keiner mehr hören wolle, ist man wieder in den hinlänglichst bekannten Grönemeyer-und-mitten-in-Deutschland-Gefilden, unterbrochen immerhin mit lustigen Szenen aus der Doku „Caruso für Kumpels“.

Darin macht sich der knapp 30-jährige Grönemeyer, an den Ufern der Ruhr sitzend, Gedanken darüber, wer nun seinen Hit „Männer“ eigentlich hört. Ganz ratlos zeigt er sich von den – im Vergleich zu heute – noch relativ gemütlichen Geschlechterverwirbelungen der späten 1980er Jahre, ob denn „Männer“ nun die „neu emanzipierten oder altkämpfenden Frauen“ hören oder „die neu bewussten, die sogenannten Übergangsmänner, die weichen, ich weiß nicht.“

Es folgt, aus dem Off, die Erklärung: „Heute füllt Grönemeyer Stadien, das Publikum feiert Herbert – und sich selbst“. Und Grönemeyer erzählt von London, vom Tod seiner ersten Frau Anna, überlegt, was Heimat ist, wie gut es uns geht, und dass wir durch die vielen „Geflüchteten“ (sic!, sagt er so) aus unserer Saturiertheit endlich aufgeschreckt seien.

„Mensch, Herbert“ zeigt, wie zu Beginn versprochen und an einer Kette aufgereiht, die vielen Facetten, die angeblich „kein anderer Musiker in Deutschland“ habe und der „trotzdem Mensch geblieben“ sei. Den Polit-Herbert, den selbstironischen Herbert, den ehrlichen Herbert, den nachdenklichen Herbert – und doch hat man am Ende das Gefühl, nicht richtig hinter ihn gekommen zu sein. Denn, Mensch hin, Kumpel her, es gibt natürlich auch einen Herbert Grönemeyer, der mit medialem Begehren professionell umgeht und der sehr genau kontrolliert, was er von sich preisgibt und was nicht.

„Mensch, Herbert“, Arte, Freitag, 21 Uhr 35

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