Arte-Doku "Vietnam" : Der längste Krieg der USA

Arte zeigt mit „Vietnam“ die bisher umfassendste Chronik des Indochina-Konflikts. Erstmals konnten vietnamesische Quellen genutzt werden.

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Oktober 1966: Zwei amerikanische Soldaten warten auf einen Hubschrauber, der die Leiche ihres Kameraden ausfliegen soll. Insgesamt starben mehr als 58 000 GIs zwischen 1961 und 1975 in Vietnam.
Oktober 1966: Zwei amerikanische Soldaten warten auf einen Hubschrauber, der die Leiche ihres Kameraden ausfliegen soll. Insgesamt...Foto: NARA

Die Bilder laufen rückwärts: Flugzeuge nehmen die abgeworfenen Bomben wieder auf. Das Napalm erlischt im Dschungel. Eine mit einem Flammenwerfer niedergebrannte Hütte steht wieder unversehrt da. Tote werden lebendig. Dazu gibt es O-Töne, ebenfalls im zeitlichen Rückwärtsgang: von Kissinger, Nixon, Johnson, McNamara, Kennedy, Truman.

Die epische Doku-Serie „Vietnam“ springt zu Beginn sogar bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück, als Frankreich das Land in Südostasien kolonialisierte. Neun Mal 55 Minuten, gut acht Stunden, umfasst die Serie, die Arte an drei aufeinanderfolgenden Abenden ausstrahlt. Und das ist tatsächlich die kurze Version; im zehnteiligen amerikanischen Original („The Vietnam War“), das zeitgleich gerade beim nicht kommerziellen US-Sender PBS ausgestrahlt wird, erzählen Ken Burns und Lynn Novick die Geschichte des Indochina-Krieges in einer Gesamtlänge von 18 Stunden.

Es ist auch in seiner reduzierten Form ein überwältigendes Werk. Jahrelang durchforstete ein 30-köpfiges Team mehr als 100 Archive vor allem in den USA und in Vietnam. Die Fülle an Bild- und Tonmaterial mutet gewaltig an, hinzu kommen Interviews mit Dutzenden von Zeitzeugen aus beiden Ländern, ein üppiger zeitgenössischer Soundtrack und eigens komponierte Filmmusik der Oscar-Preisträger Trent Reznor und Atticus Ross („The Social Network“). Der einordnende Kommentar wird im Original von Schauspieler Peter Coyote, in der deutschen Fassung von Joachim Król gesprochen.

Erstmals vietnamesische Quellen zugänglich

Eine derart umfassende filmische Chronik des Kriegs, einschließlich der nord- und südvietnamesischen Sichtweise, hat es bisher tatsächlich nicht gegeben. Möglich wurde sie erst, als vietnamesische Quellen nach der Annäherung des Landes mit den USA zugänglich wurden. Als erster US-Präsident reiste Bill Clinton im November 2000 nach Hanoi.

Der bereits mit drei Emmys ausgezeichnete Burns und Novick haben zuletzt „The War“ gedreht, einen ebenfalls monumentalen Mehrteiler über den Zweiten Weltkrieg. Anschließend hielten sie die Zeit dafür reif, sich des „wichtigsten Ereignisses in der amerikanischen Nachkriegsgeschichte“ (Novick) anzunehmen: des Vietnamkriegs, der im Grunde im Herbst 1945 begann, als Frankreich mit frischen Truppen das Land besetzte, um seine Kolonie zu sichern. Die ersten Militärberater und Transportflugzeuge schickte US-Präsident Harry Truman im Juli 1950. Der bis 1975 andauernde Bürgerkrieg mit Beteiligung der USA an der Seite des Südens und mit Waffenhilfe aus der Sowjetunion und China für den Norden forderte Millionen Opfer, vor allem unter der Zivilbevölkerung.

Man muss nicht den Konflikt mit Nordkorea bemühen, um gewisse Parallelen zu erkennen. Die USA seien während des Vietnamkrieges so gespalten gewesen wie seit dem Bürgerkrieg im eigenen Land nicht mehr, heißt es im ersten Teil. Vielleicht könnten sie mit der Serie ihrem Land helfen, über etwas zu sprechen, über das unbedingt gesprochen werden müsse, wird Novick bei „USA Today“ zitiert. Ob das nun wieder ähnlich gespaltene Amerika der Trump-Ära daran interessiert ist, wird sich zeigen. Denn „Vietnam“ schont keine Partei und schildert unter anderem, wie sich eine lange Reihe von US-Präsidenten immer tiefer in den Konflikt hineinziehen ließ und die amerikanische Öffentlichkeit täuschte. Ton-Dokumente belegen, wie im inneren Zirkel der Macht wirklich über den „Riesenschlamassel“ (Lyndon B. Johnson) gesprochen wurde. Auch wie Menschenleben mit den eigenen Chancen bei den nächsten Wahlen abgewogen wurden.

Vor allem Kriegsveteranen kommen zu Wort

Zu Wort kommen sonst aber (fast) keine Politiker und leider nur wenige vietnamesische Zivilisten, sondern vor allem Kriegsveteranen (auch Frauen, jedenfalls auf vietnamesischer Seite), Familienangehörige und einige Diplomaten. Deren Aussagen und individuelle Geschichten ergänzen die zahlreichen Originalbilder von Gefechten, Gräueltaten oder Selbstverbrennungen. Und obwohl Vietnam als erster „Fernsehkrieg“ gilt, sind vielleicht die besonders intensiven Momente gerade die, in denen die Bewegung einfriert, in denen sich auf den vielen Schwarz-Weiß-Fotos der Schmerz, die Erschöpfung und die Angst in den Gesichtern der Porträtierten spiegelt.

„Vietnam“, Arte, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag, jeweils drei Folgen ab 20 Uhr 15

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