Arte-Porträt über Jean-Michel Jarre : Im Rausch der Tiefe

„A Journey into Sound“: In einem Porträt widmet sich Arte Jean-Michel Jarre, dem Vorreiter der elektronischen Musik.

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"A Journey into Sound 3": Zusammen mit Gary Newman (li.) spricht Jean-Michel Jarre in dem Arte-Porträt über Musik.
"A Journey into Sound 3": Zusammen mit Gary Newman (li.) spricht Jean-Michel Jarre in dem Arte-Porträt über Musik.Foto: ZDF/Ingo Brunner

Wie der mitgereiste Gatte einer Geschäftsfrau läuft Jean-Michel Jarre vor ein paar Tagen hinter seiner Managerin durch die Lobby des Soho-Hauses in der Berliner Torstraße. Ein verträumt wirkender Mittfünfziger (der in Wahrheit 66 ist) mit Strubbelkopf und Fünftagebart. „Ist er das?“, fragt einer der Journalisten, die auf die Pressevorführung der Doku „A Journey into Sound“ warten, die am Sonnabend auf Arte gezeigt wird. „Ich hätte ihn nicht erkannt.“

80 Millionen verkaufte Tonträger

Das ist bemerkenswert bei einem Solisten, der 80 Millionen Tonträger verkauft hat und für Konzerte mit mehreren Millionen Besuchern im Guinness-Buch der Rekorde steht. Wohl jeder Europäer über 30 kennt Jarres Musik – längst nicht jeder weiß das auch. Die Autorin Birgit Herdlitschke „lüftet das Geheimnis von Jarres enormem Erfolg“, (Arte). Falls es da ein Geheimnis gibt.


Den Franzosen lernte sie als Kind auf die übliche Weise kennen: „Mein Vater hat seine Super-Acht-Unterwasserfilme mit seiner Musik unterlegt.“ Mit jenem Pfeifen und Rauschen, das aus der Tiefsee oder Unwettern herzurühren schien und anschwoll, bis es einen hymnischen Rhythmus anschwemmte, den die Welt bis dahin nicht gehört hatte. Nicht gehört haben konnte, weil es mangels Elektronik noch keine elektronische Musik gab.
Es ist fast rührend, wie Jarre mit seiner Ex-Frau, der Schauspielerin Charlotte Rampling, durch Paris spaziert: zwei jung gebliebene Rentner, die mit scharfem Auge auf alte Zeiten blicken. In einem Parkcafé erzählt Rampling, wie sie 1976 schwanger in der Badewanne saß und aus einem anderen Zimmer das noch unveröffentlichte „Oxygène“ herüberschwappte. „Mir war klar, dass das entweder nichts wird oder etwas Großes.“ Es wurde erst mal nichts, weil die Plattenfirmen keine acht Minuten langen Stücke ohne Gesang herausbringen mochten. Dann wurde „Oxygène“ das meistverkaufte Album aller Zeiten in Frankreich.

Herdlitschke kommt Jarre nahe, ohne dass es peinlich wird


Herdlitschke kommt Jarre nahe, ohne dass es peinlich wird. Vielleicht hat Jarre sie so dicht herangelassen, weil er zu schüchtern ist, um Nein zu sagen. Oder so uneitel, wie er beim Termin in Berlin wirkt. Der Film kommt ohne Experten aus. Am Beispiel brandender Wellen kann Jarre selbst erklären, wie seine Musik funktioniert. Im Studio diskutiert er für sein demnächst erscheinendes Album „Electronica“ mit Moby und Vince Clarke und Pete Townshend über den Charakter von Klängen in einer Präzision, die keiner weiteren Erklärung bedarf. Und Herdlitschke lässt ihre Protagonisten sprechen, mischt Altes und Neues, ohne sich selbst vorzudrängeln. So wird in einer knappen Stunde plausibel, wie aus dem ernst von einer Kinderschaukel blickenden Lyoner Jungen Jean-Michel der Weltstar Jarre wurde. Die ersten Synthesizer waren nicht nur sein Spielzeug. Niemand sonst holte Vergleichbares aus ihnen heraus. Das unterscheidet Durchschnittsmensch und Genie.
- „Jean-Michel Jarre: A Journey into Sound“, Samstag, 21 Uhr 45, Arte

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