Arte-Serie "Cannabis" : Wo Prostitution und Bandenkriege zum Alltag zählen

Mit dem Sechsteiler "Cannabis" zeigt Arte ab Donnerstag eine bemerkenswerte französische Serie über Drogen, Geld und soziale Kälte.

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Die Hölle. Drogenbaron El Feo (Pedro Casablanc) stattet Anna (Kate Moran) einen bedrohlichen Besuch ab und beschuldigt ihren Ehemann Farid des Drogendiebstahls.
Die Hölle. Drogenbaron El Feo (Pedro Casablanc) stattet Anna (Kate Moran) einen bedrohlichen Besuch ab und beschuldigt ihren...Foto: Arte

Fast alle sind sie Getriebene. Jeder von ihnen treibt einen anderen vor sich her, jeder ist selbst Gejagter. Da ist der sogenannte Comandante (Santi Pons), der zusammen mit Kumpel Farid eines der Boote des berüchtigten Drogenchefs El Feo (Pedro Casablanc) überfällt, draußen auf offener See vor der südspanischen Küste. Farid geht dabei über Bord, andere sterben im Kugelhagel.

Der Comandante aber krallt sich die zwei Tonnen kostbaren Cannabis-Stoffs. Fortan gilt Farid als verschollen. Das alles geschieht in den ersten etwa 90 Sekunden der neuen sechsteiligen französischen Fernsehserie „Cannabis“ auf Arte, in der sich alles um die Droge, um das Geld und ums Überleben in einer kalten, rauen, apathischen Welt dreht.

Farid, der Vermisste, ist dabei so etwas wie ein dramaturgischer Dreh- und Angelpunkt, ähnlich dem von Alfred Hitchcock ersonnenen „MacGuffin“, einer die Handlung antreibenden Sache, die selbst aber gar nicht auftaucht. Tatsächlich fehlt Farid in den ersten „Cannabis“-Folgen, und dieses Fehlen, diese Leerstelle ist es, die alles in Gang hält, ja die alles und alle vorantreibt, jagt, hetzt.

Der abwesende Farid ist praktisch der Handlungsmotor. So will der brutale Drogenzar El Feo unbedingt seine fehlenden zwei Tonnen Cannabis wiederhaben und ist bereit, dafür über Leichen zu gehen, die mit der Rosenschere ihre Finger gekappt bekommen, ihre Ohren, und sodann kopfüber am kleinen Kran in eine nicht näher zu definierende Flüssigkeit in einer Regentonne hinabgelassen werden. Nein, nett und freundlich geht es in „Cannabis“ nicht zu. Überhaupt nicht.

Für Anna bricht eine Welt zusammen

Eine andere Getriebene ist die aparte Anna (Kate Moran, „Begegnungen nach Mitternacht“, 2013), Frau von Farid und Mutter der beiden Kinder. Nichtsahnend ging sie bislang durchs Leben ebenso wie durch die endlos langen, kahlen, sterilen Gänge und Räume der stylish-weißen Neo-Villa. Bis Anna durch das Verschwinden Farids dahinterkommt, dass er ein Doppelleben geführt hat, dass er Mitbetreiber des Edel-Clubs „Le Princess“ war – und „Le Princess“ heißt die Serie im Übrigen auch im Original –, dass er mit der Prostituierten Nadja (Ruth Vega Fernandez) in einer Zweitwohnung gelebt hat und dass er in Drogengeschäfte verwickelt war. Für Anna bricht eine Welt zusammen, und eine andere, dunkle, brutale öffnet sich ihr. El Feo setzt sie und ihr Umfeld unter Druck. Farid muss wieder auftauchen. Sonst beginnt auch für Anna hier, im schönen südspanischen Marbella, die Hölle.

„Cannabis“ – in einer Welt von lauter Männern mit lauter Männern angesiedelt – ist ganz von Frauen erdacht: Regisseurin Lucie Borleteau („Alice und das Meer“, 2014) hat alle sechs Filme in Szene gesetzt, Drehbuchautorin Hamid Hlioua („Glacé – The Frozen Dead“, 2016) hat zusammen mit den beiden Co-Autorinnen Clara Bourreau und Virginie Brac die episodisch-elliptische Dramaturgie kreiert. Die realitätsnahe Serie, oftmals in dunklen, entfärbten Bildern gehalten, Bildern, die dicht dran sind an den Protagonisten, kalt und nüchtern in ihrer Stimmung und mit sphärisch-orientalischem Soundtrack unterlegt, alterniert unentwegt zwischen drei Schauplätzen: Tanger, Marbella, Paris.

Es ist ein Mäandern zwischen den Welten. Alle drei Orte sind miteinander verbunden durch die Geschäfte der Dealer, die das in Marokko angebaute Cannabis in Spanien umschlagen und schließlich in der Banlieue von Frankreichs Kapitale verticken, etwa im tristen (fiktiven) La Roseraie. Wie en passant nimmt die Serie den Zuschauer dabei mit in die Club-Szene Marbellas, aber auch in die Betonwüsten der Pariser Peripherie mit ihren kruden Trabantenstädten. Kein Ort, nirgends.

Hier, wo diverse Kulturen Tür an Tür leben, wo Drogen und Prostitution und Bandenkriege zum Alltag zählen, hier herrscht in „Cannabis“ ebenjene Kälte und Apathie, die auch im lichtdurchfluteten Marbella herrscht. Irgendetwas, auch das erzählt diese junge, frische Serie aus Frankreich, läuft schief in dieser Welt. Grundlegend schief.

„Cannabis“, sechsteilige Serie, Arte, donnerstags, 21 Uhr 45.

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