Medien : Auch wir brauchen Opfer

Machen Frauen anderen Boulevard-Journalismus? Das kommt weniger auf Frau als aufs Medium an.

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„BamS“-Chefin Marion Horn findet, der Boulevard sei leiser geworden.
„BamS“-Chefin Marion Horn findet, der Boulevard sei leiser geworden.Foto: picture alliance / dpa

„Boulevard muss weh tun.“ Sagt Moderatorin Helga Kirchner auf dem Podium zur „Boulevardisierung der Medien und die Verantwortung der Journalistinnen“. Aber wem und wie sehr? Vier Frauen sind bei der Veranstaltung des Journalistinnenbundes auf dem Podium zur Antwort aufgerufen, vier Frauen, die Boulevard-Journalismus kaum unterschiedlicher definieren könnten: Marion Horn, Chefredakteurin der „Bild am Sonntag“. Ines Pohl, Chefredakteurin der „taz“. Christiane Stürenberg von „Exklusiv“ auf RTL 2. Und Juliane Leopold, seit kurzem Chefin von „Buzzfeed Deutschland“.

Ja zum Boulevard, darin sind sich die Frauen einig. Nur wie geht guter Boulevard aus Frauensicht –, ohne sich gleich von feministischen Postitionen zu verabschieden, mit denen sich ebenfalls alle vier identifizieren? Boulevard, das ist in vielen Köpfen immer noch: Mord und Totschlag, nackte Brüste, ein bisschen Fußball. Boulevard ist grell, Boulevard ist laut. Weil Boulevardmedien um die Gunst ihrer Leser und Zuschauer buhlen. Man könnte sagen: Durchaus aggressiv.

"taz"-Chefin Ines Pohl will mit Boulevard die Mächtigen überwachen

Wird Boulevard anders, wenn er von Frauen gemacht wird? Vielleicht sogar besser? Marion Horn, „BamS“-Chefin, platziert zwar selbst immer noch weibliche Brüste im Blatt, allerdings nicht ganz ohne Bauchgrimmen. „Boulevard muss vor allem unterhalten und überraschen“, sagt sie. Und: „Der Boulevard-Journalismus ist lang nicht mehr so laut, wie er einmal war. Ich habe eher das Gefühl, dass er ruhiger geworden ist“. Seitdem die „Bild“ und die „BamS“ mehr Frauen in den Redaktionen und in Führungspositionen hätten, käme es ihr eher so vor, als würden sich die männlichen Kollegen manchmal „gedisst fühlen“. Weil Horn ihre Angestellten besonders gern mit einer Frage triezt: „Gibt es keine weibliche Expertin zu dem Thema?“ Und natürlich gebe es die sehr oft. Ines Pohl, „taz“-Chefin, wollte sich nicht unbedingt ein reines Loblied auf Axel Springer anhören. „Boulevard ja, aber nicht, wenn es nur zur Finanzierung eines Verlags dient“, meinte sie. „Boulevard muss weh tun und dient zur Überwachung der Mächtigen. Dann ist er gerechtfertigt.“

Boulevard als wesentlicher Teil der vierten Gewalt? Probieren kann man es, sagte Christiane Stürenberg, aber meist gelte in den Redaktionen die Parole: „Gibt es Opfer?“ Opfer, der Boulevard braucht Opfer. Zarter Besaitete könnten diese Personen auch „Betroffene“ nennen. Bei der Frage nach selbigen ähneln sich laut Stürenberg öffentlich-rechtliche und private Sender enorm: „Der einzige Unterschied ist, dass ein Opfer bei den Öffentlich-Rechtlichen auch mal sechzig oder älter sein darf“. Boulevard, der von Frauen gemacht wird, sei zwar oft gefühliger und wolle vielleicht öfter auf Probleme aufmerksam machen. Aber das gelinge nicht immer. Das Publikum sehe eben lieber „ostdeutschen Flohmarkttrödel“ als weibliche Kämpferinnen in Syrien.

Den Grund dafür kannte Juliane Leopold von „Buzzfeed“: „Die Leute wollen von Boulevard vor allem positiv berührt werden.“ Auf Buzzfeed klickten die Menschen dann, wenn sie einfach einmal „herzlich lachen“ wollen. Ernstere Geschichten werden zwar auch geteilt und verbreiten sich viral, aber das geschieht vor allem im sogenannten Dark Social. Darunter versteht man Artikel, Videos oder Links, die man mit Freunden oder Bekannten teilt – allerdings nicht öffentlich, sondern indem man sie beispielsweise per Chat-Apps oder Mail weitersendet. Und: „Den Klick zu bekommen, ist etwas anderes, als geteilt zu werden“, so Leopold. Sharing ist das Gebot der Stunde, als Boulevardmedium geteilt zu werden, sei unglaublich viel wert.

Ob es die Männer nicht doch manchmal besser machen – oder zumindest gleich gut? Möglich. Man könnte es aber auch mit Marion Horn halten, die sagt: „Ich kann die Welt nun mal nur mit Frauenaugen sehen.“ Tatjana Kerschbaumer

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