Aufstieg und Fall in der NS-Zeit : Götz George spielt seinen Vater Heinrich George

Götz George, des großen Schauspielers Heinrich George großer Schauspiel-Sohn, spielt seinen Vater. Herauskommt „George“, ein Film übers Mitmachen in brauner Zeit.

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Halb zwingt er ihn, halb zieht er ihn. Propagandaminister Goebbels (Martin Wuttke, rechts) will, dass Heinrich George (Götz George) im Film „Kolberg“ mitspielt. Foto: ARD
Halb zwingt er ihn, halb zieht er ihn. Propagandaminister Goebbels (Martin Wuttke, rechts) will, dass Heinrich George (Götz...Foto: SWR/Thomas Kost

Nazi, das wäre die einfachste Lösung. Dann wäre dieses Leben, diese Biografie schnell zu zeichnen und noch schneller zu erledigen. Aber dieser Heinrich George war nicht in der Partei, in seinem Freundeskreis waren Juden, Oppositionelle und weitere Künstler, die von den Nazis als Feinde, ja Todfeinde betrachtet wurden. Nicht wenige konnten am Schillertheater in Berlin arbeiten, sobald Intendant der weithin verehrte und hofierte Groß-Schauspieler Heinrich George war. Geworden war, weil der Systemprotegé es wollte, weil sein Mentor, Propadandaminister Joseph Goebbels, es wollte.

Die belastenden Argument können mit entlastenden gekontert werden. „George“ bietet beides in großer Fülle. „George“, das ist die filmische Biografie, das DokuDrama, die Aufarbeitung vom Aufstieg und Fall eines Künstlers in brauner Zeit. Und es ist der Film mit Götz George, des großen Schauspielers großer Schauspieler-Sohn, der über den bewunderten Vater sagt: „Er war besser, besessener.“ Am Dienstag war Vorab-Präsentation für „George“ im Berliner Kino „Babylon“, am 22. Juli haben die fast zwei Stunden Premiere bei Arte, zwei Tage später bindet die ARD den Film in einen Götz-George-Abend zu dessen 75. Geburtstag ein.

Erste Inspektion: „George“ konzentriert sich auf die Jahre 1933 bis 1946, als Heinrich George in sowjetischer Haft, im ehemaligen KZ Sachsenhausen, stirbt, 52 Jahre alt. Durch diesen Fokus tritt die Frage deutlicher heraus: Kann einer, der wieder und wieder betont, er wolle nur „spielen“ um der Wahrhaftigkeit der Kunst willen, auch mit den Nazis „spielen“? Die ließen ihn spielen, mehr als alle anderen, und George dankte es ihnen. Er hat in dem infamen Machwerk „Jud Süß“ mitgewirkt, im Durchhalte-Epos „Kolberg“, er saß mit seiner Frau Berta Drews im Berliner Sportpalast, als Goebbels sich die fanatisch herausgeschrieene Antwort auf die Frage „Wollt ihr den totalen Krieg?“ abholte.

Spiel im Spiel: Götz George spielt Heinrich George, der den "Götz von Berlichingen" gibt

„George“ lässt nichts aus, wie das Doku-Drama nichts unversucht lässt, der Anklage die Verteidigung zu inkludieren. Das klingt nach einem in sich verbissenen, dialektisch gereimten Film. Das ist „George“ nicht. Es ist Dekonstruktion und Rekonstruktion. Spielszenen werden mit reichhaltigem, neuem Archivmaterial, mit Zeitzeugeninterviews und Filmausschnitten montiert. Regisseur Joachim A. Lang, der mit Kai Hafemeister auch das Drehbuch geschrieben hat, kombiniert Spiel und Wirklichkeit, wenn Jan George, 82, und Götz George, 74, im früheren Elternhaus oder in Sachsenhausen die Erinnerungsspur legen. Gar Spiel im Spiel wird aufgerufen: Götz George gibt Heinrich George, wie der nun wieder in Paraderollen („Götz von Berlichingen“) oder später, in NKWD-Haft, als „Faust“ reüssiert.

Das Sag- und das Zeigbare wird mit der offenen Form stets erweitert. Dieses Konzept ist für eine quecksilbrige Persönlichkeit tauglich, weil die Perspektiven ständig gebrochen werden. Der Zuschauer soll sich an George nicht gewöhnen, sich im Film nicht illusionär einrichten können, er muss mit eigenem Kopf die Fakten und Fiktionen bewerten.

Überraschend dann doch, dass die Produktion sich der Haftzeit so ausführlich annimmt, da, als auf die (eingestandene?) Schuld die harte Sühne folgt. Hier streckt sich die Zeit und die Dehnungsfuge wird mit allerlei Pathosbildern, die dem Kitsch gefährlich nahekommen, gefüllt. „George“ wird gefühlig.

Erklärung? Verklärung? Die Wahrheit liegt zwischen diesen Polen, in der Mitte aber liegt sie nicht. „George“ will, großes Wort, Gerechtigkeit.

Im Henschel-Verlag ist Joachim A. Langs Porträt "Heinrich George. Eine Spurensuche" erschienen.

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