AUGENringe : 17 Tage Anarchie

Katarina Witt hat recht: Ein paar Minuten später zum Fußball zu schalten schadet nie. Die tägliche Olympia-Kolumne.

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Katarina Witt saß fast schon beleidigt im Fernsehstudio in Sotschi. ARD-Moderator Gerhard Delling hatte die deutsche Eiskunstlauf-Ikone in der vergangenen Woche in ihren Ausführungen rüde unterbrochen. „Wir müssen uns beeilen, gleich kommt noch der DFB-Pokal“, hatte er gesagt. Das war nicht gerade höflich, die ehemalige Olympiasiegerin war gerade erstmals etwas länger zu Wort gekommen. „Wir haben doch Olympische Spiele“, protestierte Katarina Witt und verzog den Mund, „Fußball ist doch das ganze Jahr.“

Sie hat natürlich recht. Ein paar Minuten später zum Fußball zu schalten, hätte niemandem geschadet. Olympische Spiele sind die Festspiele der kleinen und nicht ganz so kleinen Sportarten. Einmal alle vier Jahre kommen Skeleton, Curling und Snowboard-Parallelslalom in den Genuss, ihren Sport vor einer breiten Öffentlichkeit zeigen zu können. Und das muss vom Fernsehen auch angemessen gewürdigt werden. Nun kann man ARD und ZDF mit insgesamt 740 Stunden Sendezeit aus Sotschi quantitiv auch keinen Vorwurf machen. Das Beispiel Delling zeigt jedoch, dass sich qualitativ an der eingefahrenen Hierarchie im Fernsehsport offenbar nicht viel ändert. Fußball bleibt die Nummer eins, ein durchschnittliches Fußballspiel wie Eintracht Frankfurt gegen Borussia Dortmund steht auch in den 17 Tagen der Winterspiele vor einer olympischen Kernsportart wie Eiskunstlaufen. Dass das Publikum das durchaus anders sieht, zeigen die Zuschauerquoten vom Mittwoch. Dem Pokalspiel Hamburger SV gegen Bayern München blieb mit 7,10 Millionen Zuschauern nur Platz zwei, den besten Wert des Tages erzielte, sicherlich zur Freude von Katarina Witt: das Eiskunstlaufen. 7,21 Millionen sahen im ZDF das deutsche Paar Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy um die Medaillen kämpfen. Hoffentlich haben sich das die ARD-Fernsehverantwortlichen gemerkt.

Die Fußballfans sollten sich nicht grämen. Die Tage der sportlichen Anarchie in Deutschland sind überschaubar, am kommenden Sonntag sind die Spiele schon wieder vorbei. Benedikt Voigt

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