Aus für Xavier Naidoo beim ESC : ARD-Programmdirektor kritisiert den NDR

Die ARD blamiert sich mit der Ein- und Ausladung von Xavier Naidoo zum Eurovision Song Contest - doch der Unterhaltungschef gibt quasi den Fans die Schuld am Desaster.

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Wer soll statt Xavier Naidoo in Stockholm beim „Eurovision Song Contest“ antreten? Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) will darüber „eine schnelle Entscheidung“ treffen.
Wer soll statt Xavier Naidoo in Stockholm beim „Eurovision Song Contest“ antreten? Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) will darüber...Foto: picture alliance / dpa

Eigentlich ist die ARD bekannt dafür, lange zu diskutieren. Manchmal auch so lange, bis sich ein Projekt zerschlagen hat. Günther Jauch kennt das. Als er 2007 den Talk von Sabine Christiansen im Ersten übernehmen sollte, hatte er nach monatelangem Hin und Her genug von den „Gremien voller Gremlins“ und machte (zunächst) einen Rückzieher. Dass auch schnelle Entscheidungen keine Stärke der ARD sind, zeigt nun die Blamage um die Ein- und wieder Ausladung von Xavier Naidoo als Deutschlands Kandidat beim „Eurovision Song Contest“ (ESC) in Stockholm.

"Alles sehr unglücklich gelaufen"

Intern dürfte dieser Vorgang wohl personelle Konsequenzen nach sich ziehen. Ohne Thomas Schreiber, Leiter des Programmbereichs Fiktion und Unterhaltung beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) und ARD-Unterhaltungschef, direkt anzugreifen, machte ARD-Programmdirektor Volker Herres seinen Ärger über den Vorgang deutlich: „Ich hätte es begrüßt, wenn diese Diskussion ARD-intern hätte geführt werden können, bevor mit der Nominierung Fakten geschaffen wurden“, sagte Herres in der „Welt am Sonntag“ ("Wams“). „So ist das alles sehr unglücklich gelaufen.“

Wer die Schuld an dem Desaster trägt, machte Herres ebenfalls klar: „Die Nominierungsentscheidung liegt beim NDR, der den ESC allein verantwortet und in das ARD-Gemeinschaftsprogramm einbringt.“

Herres geht damit auf Distanz zu seinem Unterhaltungschef. Gerade einmal zwei Tage nach der Nominierung von Naidoo hatte er Schreiber am Samstag zurückgepfiffen. Kleinlaut musste dieser mitteilen, dass Naidoo nun doch nicht in Stockholm auftreten werde. Dabei hatte Schreiber seine fixe Idee von Naidoos Nominierung noch am Donnerstag kräftig verteidigt und Vorwürfe zurückgewiesen, dass der Sänger homophob, antisemitisch und rechtslastig sei.

Doch auch hier machte Herres deutlich, dass er da einer anderen Meinung ist: „Xavier Naidoo hat mehrfach Äußerungen getätigt, die man nicht gutheißen kann und missbilligen muss“, sagte er der „Wams“. Ob ihn das als begnadeten Künstler für eine Teilnahme am ESC disqualifiziere, sei eine Frage, die man kontrovers diskutieren müsse.

Und genau das ist beim NDR eben nicht passiert. Ohne den üblichen Vorentscheid wurde Naidoo nominiert – woraufhin der öffentlich-rechtliche Elfenbeinturm mit einem ordentlichen Rumms zusammenkrachte. Kann es wirklich sein, dass Schreiber nicht die Homophobie-Vorwürfe gegen Naidoo kannte, nichts von seinem Auftritt wusste bei der verfassungsfeindlichen und teilweise rechtsextremen Reichsbürgerbewegung und auch nicht im Bilde war über die diversen Verschwörungstheorien des Sängers?

Also all das, weshalb Tausende von ESC-Fans gegen die Nominierung protestierten – und nun folgt das nächste bemerkenswerte Detail bei dieser ARD-Blamage. Schreiber begründet die Absage an Naidoo nämlich nicht etwa damit, dass er als Unterhaltungschef die falsche Entscheidung getroffen hat. Sondern er schiebt die Schuld quasi weiter an die Zuschauer und ESC-Fans: Es sei klar gewesen, dass Naidoo polarisieren würde, erklärte Schreiber in der Mitteilung. „Aber die Wucht der Reaktionen hat uns überrascht. Wir haben das falsch eingeschätzt.“

Setzt die ARD künftig auch Sendungen ab, wenn der Protest groß genug ist?

Hätten die Fans also nicht so einen Lärm gemacht, wäre die Nominierung legitim gewesen? Und setzt die ARD künftig auch Sendungen ab, wenn der Protest bloß groß genug ist?

Vermutlich nicht. Wahrscheinlich ist aber, dass Schreiber nicht weiter für den ESC zuständig sein wird. Denn für Schreiber ist es bereits das zweite ESC-Desaster in einem Jahr. Der letzte Vorentscheid-Sieger Andreas Kümmert verzichtete freiwillig auf seinen Start in Wien, stattdessen fuhr die Zweitplatzierte Ann Sophie – und kehrte mit null Punkten und einem letzten Platz zurück. Auch in den Jahren zuvor schnitten die deutschen Vertreter miserabel ab.

Zu gut in Erinnerung sind dagegen die Auftritte, an denen Stefan Raab beteiligt war, gekrönt vom Sieg seines Schützlings Lena Meyer-Landrut. Doch dürfte sich der Entertainer kaum als Retter in der Not einspannen lassen.

Der NDR kündigte an, „so schnell wie möglich“ eine Entscheidung über das weitere ESC-Verfahren treffen zu wollen. Und schnelle Entscheidungen sind ja so eine Sache für die "Gremlins".

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