Auszug aus der Wisteria Lane : Der ganz andere Hausfrauen-Report

Verzweifelt wie Laura Bush: „Desperate Housewives“ gehen heute ins Finale. Die Serie bot bestes Frauenfernsehen, aber sie war kein Plädoyer für das Hausfrauenmuttertum.

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Letzte Runde. Noch einmal treffen sich Bree (Marcia Cross), Susan (Teri Hatcher), Lynette (Felicity Huffman) und Gabrielle (Eva Longoria, v.l.n.r.) zum Pokern. Es geht um Geld, aber eigentlich geht es um Abschied. Foto: Pro7
Letzte Runde. Noch einmal treffen sich Bree (Marcia Cross), Susan (Teri Hatcher), Lynette (Felicity Huffman) und Gabrielle (Eva...Foto: ABC

Acht Jahre Gemeinsamkeit mit einer Fernsehserie. Das ist weit mehr Zeit, als viele Beziehungen halten. Aber jetzt ist Schluss, am heutigen Mittwoch läuft die letzte Folge der „Desperate Housewives“ bei Pro 7. Der US-Sender ABC hatte nach 180 Folgen keine Hoffnung, dass sich die Quoten wieder erholen würden. Nach Jahren starker Zuschauergunst in den Staaten war die Nachfrage mit der siebten Staffel eingebrochen und im einstelligen Millionenbereich gelandet. Vor der Entscheidung, jetzt einen Schnitt zu machen oder durchzustarten, wurde in der achten Saison alles versucht: Mord, Komplott, Armut und Reichtum, Tod, Schwangerschaft, Sucht, Liebe und Sex.

So prall im Überfluss, so drall im Überdruss, dass die „Desperate Housewives“ ihren Titel endgültig verraten hatten. Eine Serie ums Allzumenschliche fischte im allzu Vordergründigen. Ungefähr so, als wollte die „Lindenstraße“ plötzlich „Tatort“ sein. Der Kick zu viel, wie er sich auch in „Dr. House“ oder „CSI: Miami“ einschlich, blieb dem zunehmend verzweifelten Publikum nicht verborgen. Was im Mai dieses Jahres bei ABC endete, endet heute bei Pro 7: „Desperate Housewives“, eine großartige amerikanische Fernsehserie.

„Desperate Housewives“, das war nie ein Plädoyer für das Hausfrauentum nach der „Football Mom“-Logik und nie eines unter dem Banner „High sein, frei sein, mein Orgasmus muss dabei sein“. Wer andererseits glaubte, die vier schicken Frauen in der schicken Wisteria Lane hätten was mit den sehr schicken Frauen von „Sex and the City“ in New York gemein, der verwechselt gemeinhin auch Potsdam-Mitte mit Berlin-Mitte.

Mit den Frauen von „Sex and the City“ wollte sich jede Frau identifizieren, mit den Frauen von „Desperate Housewives“ konnten sie es wirklich. „Neun Uhr abends, Mr. Aufregend hier liegt im Tiefschlaf, und ich muss mir ,Desperate Housewives’ im Fernsehen ansehen“, sagte 2005 eine Zuschauerin. „Ich BIN eine verzweifelte Hausfrau.“ Und eine First Lady. Das Zitat stammt von Laura Bush, Ehefrau des damaligen US-Präsidenten George Bush junior.

Die Serie packte, weil sie von Beginn an tiefer grub, unter gepflegten Rasen und unter Flüsterasphalt guckte, um dort die hässliche Unterseite dessen zu erkennen, was auch Leben genannt wird. „Desperate Housewives“ berichtete von vier Möglichkeiten, eine Existenz auf diesem Planeten unter familienfraulichen Bedingungen zu bestehen.

Vier Frauen: Bree Van De Kamp (Marcia Cross), Susan Mayer (Teri Hatcher), Gabrielle Solis (Eva Longoria), Lynette Scavo (Felicity Huffman), zwischenzeitlich ergänzt um Renee Faulkner (Vanessa Williams) oder Edie Williams (Nicollette Sheridan). Deren Attraktivität, das individuelle So-Sein und das jeweilige Dasein waren so weit gespannt, dass jede Verwechslungsgefahr gebannt und zugleich jede Zuschauerin/jeder Zuschauer seine Projektion erkennen und lieb gewinnen konnte. Und wen Frau und Mann in der Wisteria Lane nicht leiden konnte, der wohnte, Gott sei’s geklagt, vielleicht schon nebenan.

Männer und Kinder hatten die „Housewives“ auch, sie waren so prägend wie Motten ums helle Licht. Wer ein so großes, vielfältiges Ensemble aufstellt, der kann in sehr viele Ecken schauen. Welche Besessenheit, welcher Frust, welche Lust, welcher Wechselfall konnte nicht personifiziert werden? Natürlich, Bree & Co. sind verdammt gut aufgeschriebene Rollen, aber sie sind auch vier Menschen, vier Mal Frau, vier Mal Mutter, vier Mal Hausfrau und vier Mal kein Plädoyer für die Rückkehr des Hausfrauenmuttertums.

Erzählt wurden die vielen Kapitel des TV-Romans nicht im Gender-Tonfall, sondern nach den Regeln des Unterhaltungsfernsehens. Die „Desperates“ sind eine Dramedy, eine Mischung aus Drama und Comedy. Da fehlt nicht der bange machende „Cliffhanger“ am Folgenschluss, da wird sagenhaft übertrieben, messerscharf gecastet und furios inszeniert nach Maßgabe des Serienerfinders Marc Cherry. Unter den zahlreichen Feinden in der Wisteria Lane gab es einen Todfeind: die Langeweile.

Und allein in der letzten Folge gibt es noch einmal ein Gerichtsdrama, eine Hochzeit und einen Todesfall. Und viel Wehmut. Die Frauen trennen sich, weil fast alle wegziehen. „Und dabei dachte ich immer“, sagt Gabrielle bei der letzten Pokerrunde, „dass wir hier zusammen alt werden – ich immer noch bezaubernd, ihr furchtbar.“ Susan verkauft ihr Haus einer jungen Frau. „Wir haben ein bisschen Angst, dass es hier in der Vorstadt langweilig ist“, sagt die Käuferin. „Ach“, antwortet Susan, „da machen Sie sich mal keine Sorgen.“

„Desperate Housewives“, 20 Uhr 15, Pro 7; anschließend um 22 Uhr 15 ein „red“-Spezial, moderiert von Eva Longoria

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