Medien : Beckenbauers Quälgeister

Von Nähmaschinen zu WM-Stadien: Das Test-Heft der Stiftung Warentest wird 40

Alexander Schäfer

Dieser Test ging daneben. 1966, als das erste Heft der Stiftung Warentest erschien. Eigentlich sollte das Titelbild Nähmaschinentests ankündigen; doch das Cover der Zeitschrift, die damals noch „Der Test“ hieß, wurde von einem Modelgesicht mit den roten Lippen dominiert. Der Bundestag debattierte, eine SPD-Abgeordnete beklagte sich beim damaligen Bundeswirtschaftsminister darüber, dass die mit öffentlichen Geldern finanzierte Zeitschrift „mit Sex aufzuziehen“ von den seriösen Zielen der Stiftung ablenke.

„Seitdem hatten wir keine Probleme mehr mit dem Cover“, sagt Chefredakteur Hubertus Primus in seinem Büro am Lützowplatz in Berlin. Obwohl der bieder anmutende Zeitschriftentitel nicht frei von Geschmacksverirrungen war: Mitte der 70er Jahre erschien ein Test-Heft zu Sonnencremes, das einen Mann in Badehose abbildete, der einer afrikanischen Schönheit den Brustbereich einölte. Echte Probleme gab es dagegen mit Institutionen und Personen, die mit den Ergebnissen der Tester nicht einverstanden waren.

„Fast alle Rechtsstreits verliefen zu unseren Gunsten“, sagt Primus, „und noch nie wurden wir rechtskräftig zum Schadensersatz verurteilt“. Die im vergangenen Jahr als „mangelhaft“ getestete Gesichtscreme von Uschi Glas war da nur ein prominentes Beispiel. Immer wieder bestimmte das Test-Heft die öffentliche Debatte. 2003 musste die Bahn AG das umstrittene Preissystem zurücknehmen, nachdem die Tester in jedem zweiten Bahn-Beratungsgespräch zu teure Reiseempfehlungen ermittelt hatten.

Die seit Januar laufende Diskussion um die mangelnde Sicherheit von vier WM-Stadien – darunter das Berliner Olympiastadion – wird wohl noch mindestens bis zum Endspiel andauern. Bei dieser Debatte gesteht Chefredakteur Primus Fehler ein. Zu früh veröffentlicht und zu stark zugespitzt sei die Ankündigung gewesen. „Dass bei uns aus einer Einladung zu einer Pressekonferenz eine dpaEilmeldung wird, bleibt wohl einmalig.“

Die wiederholten Sprüche von Franz Beckenbauer, dass die Institution doch lieber Olivenöl, Staubsauger und Gesichtscremes testen solle, werden den Bekanntheitswert der Stiftung von 96 Prozent noch weiter steigern. Dabei hatte das Test-Heft schon 1985 nach der Massenpanik im Brüsseler Heysel-Stadion deutsche Fußballarenen auf Sicherheit getestet und bei acht erhebliche Mängel festgestellt.

Während im Aprilheft 1966 neben den Testreihen von Nähmaschinen nur Stabmixer auf Qualität überprüft wurden, werden mittlerweile in jeder Monatsausgabe mindestens acht Tests durchgeführt. Insgesamt rund 2000 Produkte werden jährlich getestet, vom Internetportal für Musikdownloads über Waschmaschinen bis zum Kartoffelpüree. Damit keine Verfälschungen auftreten, kaufen die Produkttester die Waren anonym. Für Produkte mit den Test-Ergebnissen „Sehr gut“ oder „Gut“ dürfen die Hersteller entsprechende Logos unter Angabe des Veröffentlichungsdatums verwenden. Bei aufwändigeren Tests wird mit internationalen Testinstituten kooperiert. Noch funktionstüchtige und nicht mit „mangelhaft“ bewertete Produkte werden anschließend öffentlich versteigert. Sämtliche Prüflabors befinden sich außerhalb des Hauses am Lützowplatz; dort sitzen die Redaktionen von „Test“ und dem 1990 gegründeten „Finanztest“, dessen Chefredakteur Hubertus Primus bis 1999 war.

Dass das Heft am 26. März sein 40. Jubiläum feiern kann, war anfangs nicht vorstellbar. Schon 1967 kriselte der Absatz; der Kioskverkauf wurde zwischenzeitlich eingestellt. Lediglich über Zeitungen und Zeitschriften wurden die Ergebnisse veröffentlicht. Anfang der 90er Jahre dann die Boomjahre der Warentester: Über 900 000 Hefte wurden 1991 verkauft. Da die Marktwirtschaft nach der Wiedervereinigung viele Verbraucher der ehemaligen DDR verunsicherte, publizierte die Stiftung Warentest zwischenzeitlich mit „Test & Rat“ ein eigenes Heft für die neuen Bundesländer. Heute werden knapp 600 000 Hefte jährlich verkauft.

Im Jubiläumsjahr droht der Test-Zeitschrift neue Konkurrenz. Seit längerem wird branchenintern spekuliert, dass der Axel Springer Verlag ein Heft mit dem Arbeitstitel „Test Bild“ herausbringen wird. „Unsere Stärke sind Neutralität und Unabhängigkeit“, sagt Primus. Das monatlich erscheinende Test-Heft ist – anders als der auf Umweltverträglichkeit spezialisierte Konkurrent „Öko-Test“ – anzeigenfrei. Dafür wird die Stiftung Warentest mit 6,5 Millionen Euro aus Bundesmitteln unterstützt. Dennoch trägt sich die Stiftung zu 88 Prozent selbst über den Verkauf der Zeitschriften „Test“ und „Finanztest“, Sonderhefte, Ratgeber, CDs oder kostenpflichtige Online-Inhalte.

Der Cover-Streit vor 40 Jahren im Bundestag fand schließlich ein harmonisches Ende. Die SPD-Abgeordnete, aufgebracht wegen des vermeintlich anzüglichen Titels, war später zwölf Jahre lang Vorsitzende des Verwaltungsrates der Stiftung Warentest. Und die blonden Covergirls der ersten Ausgaben verschwanden zugunsten nüchterner Produkte.

Weitere Informationen unter www.test.de. Ausgewählte Tests des Test-Heftes erscheinen im Tagesspiegel dienstags auf den „Blauen Seiten“.

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