Beckmann, Schöneberger, Heufer-Umlauf : Die traurigen Musikanten

Tanz und Gesang gehören zum Repertoire des Showmasters, das ist spätestens seit Rudi Carrell bekannt. Die Frage ist nur, warum singende Moderatoren immer so schwermütig sein müssen?

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Auf Sinnsuche. Am Samstag trat Reinhold Beckmann im Tipi-Zelt in Berlin mit seiner Band auf. Zu seinem Repertoire gehören „Truck-Stop“-artige Arrangements. Foto: Imago
Auf Sinnsuche. Am Samstag trat Reinhold Beckmann im Tipi-Zelt in Berlin mit seiner Band auf. Zu seinem Repertoire gehören...Foto: IMAGO

Es war Anfang der 80er Jahre, auf den „Moabiter Musiktagen“, als Cherno Jobatey bereits auf einer Bühne gesehen worden war. Damals noch minderjährige Augenzeugen erinnern sich an die langen Haare und die wilden Tänze des kaum älteren. Jobatey war der Sänger der Band „Smiling Sun Cult“, deren Musikstil in „Bernd’s Berliner Rock-Wiki“ unter der Rubrik Funk geführt wird. Das Online-Lexikon ist die einzige Fundstelle der Band im Internet. Cherno Jobatey selbst erzählt, dass er damals in Moabit einen Lendenschurz getragen habe. Er, der im Ruf steht, dass ihm nichts peinlich ist, lacht darüber fast ein wenig peinlich berührt. Jobatey ging später zum Fernsehen. Er moderierte unter anderem „Verstehen Sie Spaß?“ und das „ZDF-Morgenmagazin“. Sein Bandleben schlief derweil ein.

In jüngster Zeit verlaufen die Karrierewege häufig umgekehrt. Bestes Beispiel ist Beckmann. „Morgen hab’ ich Geburtstag/Er ist schon wieder mal rund“, singt er zu einer Tom-Waits-Instrumentierung. Reinhold Beckmann ist über 50 Jahre alt. Als Sport-Kommentator fing er an. Seit Jahren hat er im Ersten eine Talkshow mit seinem Namen. Prestigereicher geht es nicht im deutschen Fernsehen. Neuerdings hat er außerdem eine Band mit seinem Namen – von „Vanity Projects“ sprechen die Amerikaner: Eitelkeitsprojekte, mit denen Erfolgreiche ihr Talent auf einem anderen Feld beweisen wollen. Beckmann, der Barde, hat seine Brille abgelegt. Mit einem Gitarrengurt quer über der Brust wirbt er auf Plakaten für gleich zwei Konzerte, die er am Wochenende im „Tipi am Kanzleramt“ gegeben hat.

Am Sonntag spielt der Pro7-Moderator Klaas Heufer-Umlauf im „Lido“ in Kreuzberg, einem Veranstaltungsort von beträchtlicher Größe. Ulli Zelle vom RBB gibt mit „Ulli und die grauen Zellen“ bis Weihnachten noch vier Konzerte: unter anderem in der Eierschale Dahlem und der Hafenbar in Tegel. Barbara Schöneberger, Co-Moderatorin der NDR-Talkshow, will bei ihrer Deutschland-Tournee im Frühjahr sogar das Tempodrom füllen. Vor fünf Wochen hat sie ihr zweites Album herausgebracht.

Dass Moderatoren musizieren, ist nicht nur eine neue Marotte. Tanz und Gesang gehören traditionell zum Handwerk des Showmasters. Klaas Heufer-Umlauf, um einen herauszugreifen, steht in der Tradition von Rudi Carrell, der es mit Lieder wie „Wann wird es endlich wieder Sommer“ bereits in den 70er Jahren in die Hitparaden schaffte.

Heufer-Umlauf klingt nicht wie Rudi Carrell. Im Begleittext zu seinem Album wird „eine neue Musik“ angepriesen, „für die die Zeit reif“ sei. Heufer-Umlauf hat sich dazu mit dem Gitarristen der Band „Wir sind Helden“, Mark Tavassol, zum Duo „Gloria“ zusammengetan. Eine Band sei entstanden, heißt es weiter, „die wir so nötig brauchen, dass wir uns nicht mal getraut haben, auf sie zu warten.“ Nach der Lektüre überrascht es ein wenig, dass man auf dem Album statt Heufer-Umlauf streckenweise Herbert Grönemeyer zu hören glaubt. Dabei hat Grönemeyers Label Grönland die Musik bloß produziert. Andere Stücke klingen in ihrer jaulenden Verzweiflung nach Xavier Naidoo. „Wenn du längst schon denkst, du schaffst es nicht allein/Und keinen Ausweg mehr siehst,“ singt Heufer-Umlauf beispielsweise. Peter Maffay hätte das nicht schöner ausdrücken können.

Nora Tschirner hingegen haucht hell wie Carla Bruni. „Der richtige Weg – so einfach, wie’s geht.“ Seit einem Jahr tritt sie mit der Band „Prag“ auf. Nora Tschirner, die sonst Dauerironische – augenzwinkernd drohte sie sogar ihrem Hund, dass er ins Tierheim käme, wenn er nicht zu bellen aufhöre – gibt sich als Sängerin melancholisch. Nur Beckmanns Stimme klingt wie Beckmanns Stimme. Mit seinem typischen, artifiziellen Sprachduktus singt er sinnsuchend zu „Truck-Stop“-artigen Arrangements: „Weiter, weiter unterwegs/war da nicht eben Ausfahrt Leben?“.

Warum sind Moderatoren, wenn sie Musik machen, nur so schwermütig? Die hier Erwähnten haben Kinder, Geld, einen tollen Job? Und wenn sich Fernsehmenschen dennoch nicht ausgelastet fühlen, können sie Bücher schreiben oder Bands gründen. Durch ihre Popularität sind sie als Quereinsteiger in vielen Branchen willkommen. „Bekannt aus Funk und Fernsehen“ hat Barbara Schöneberger selbstironisch ihr zweites Album genannt. Ihre Souveränität speist sich daraus, dass sie eine eindrucksvolle Gesangsstimme hat. Nur ist der 50er-Jahre-Witz, den sie pflegt, wenn sie die fiese Schwiegermutter und den fettleibigen Gemahl besingt, nicht jedermanns Sache.

Aber die anderen: Beckmann, Tschirner, Heufer-Umlauf – warum sind sie nur so weinerlich? Oder tun sie nur so? Heufer-Umlauf betrauert Lieben, die kriseln, und Beckmann gibt den Bukowski. Das ist besonders kokett. Man kann erfolgreichen Fernsehmenschen nicht pauschal absprechen, Sorgen zu haben. Aber müsste nicht ein aufrichtiger Titel für eine Ballade eher lauten: „Ich verlier’ vielleicht meinen Sendeplatz“?

Ulli Zelle ist schon über 60, und dennoch unangefochten in seinem Job als rasender „Abendschau“-Reporter. Bei Zelle braucht man nicht darüber zu rätseln, welchen Vorbildern er nacheifert und aus welchen Versatzstücken er seine Musik zusammensetzt. Er spielt Lieder von Beatles, Rolling Stones, Santana, Bob Dylan und anderen einfach nach.

Ulli Zelle steuert mit der Ortskenntnis, die er bei seinem RRB-Job immer auffrischt, bereitwillig Auftrittsorte selbst in den randständigsten Berliner Bezirken an. Er singt zwar nicht wie Elvis, aber da er eine volle Bassstimme hat und von Profimusikern begleitet wird, klingt die Musik von „Ulli und die grauen Zellen“ recht ähnlich wie das Original. Zwar hat Zelle einen so heftigen deutschen Akzent im Englischen wie Mireille Mathieu einen französischen Akzent im Deutschen hat. Aber das hat ja auch nie jemanden gestört. Im Vergleich zu den aufgeblasenen Projekten seiner Kollegen ist Zelles Ansatz so bescheiden wie sinnvoll: Dank „Ulli und die grauen Zellen“ kommen Besucher von Straßen- und Gemeindefesten in den Genuss, die Klassiker des Rock ’n’ Rolls live zu hören, gegen die musikalisch wenig einzuwenden ist. Man kann ja von Mick Jagger nicht erwarten, dass er in der Sankt Marienkirche in Spandau auftritt.

„Ulli und die grauen Zellen“ spielen am Sonnabend in der Eierschale Dahlem; Klaas Heufer-Umlauf spielt mit „Gloria“ am Sonntag im „Lido“

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