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Berichterstattung zu Breitscheidplatz in Berlin : Die Stunde der Reporter

In Berlin fährt ein Lkw auf einen Weihnachtsmarkt, es gibt Tote und Verletzte. Was liefern die Fernsehsender zum Geschehen? Die meisten Zuschauer hatte das "heute-journal". Ein Kommentar.

Joachim Huber
Der Tatort am Breitscheidplatz in Berlin
Der Tatort am Breitscheidplatz in BerlinFoto: Reuters/Fabrizio Bensch

Die Fernsehsender, die es ernst meinen mit der Wirklichkeit und nicht mit der Ablenkung davon, die sind längst fähig zur „Breaking News“. Die ARD hat sehr schnell das „Tagesthemen-Studio besetzt, der Privatsender RTL schwenkt vom geplanten Programm in den Live-Krisenmodus. Das ZDF allerdings und schon überraschend will erst den Auftakt des Zweiteilers „Gotthard“ bis 21 Uhr 45 zu Ende bringen, bis das „heute-journal“ sich voll und ganz und über Stunden dem grausigen Geschehen auf dem Breitscheidplatz in der Berlin zuwendet.

Das Fernsehen des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) scheint in größter Not zu sein, auf ein Ereignis von dieser Dimension angemessen reagieren zu müssen. Mit merkwürdiger Ruhe wird die Wiederholung eines „Tatorts“ in Münster vollendet, ehe „rbb aktuell“ auf Sendung geht. Da haben sich die Onlinekollegen des Senders schon längst - wie andere Homepages auch - mit Macht, Masse und Manpower dem Horror, wenn nicht dem Terror mit dem Lkw zugewandt.

Mal liegt der eine Sender vorne, mal der andere

Erkennbar das Bemühen aller Berichterstattung, möglichst nah am und vom Tatort Informationen einzuholen und zu vermitteln. Da strengt sich RTL nicht weniger an als die ARD, das ZDF nicht weniger als der RBB. Mal hat das eine Programm den Sprecher der Berliner Polizei zuerst am Mikrofon, dann das andere Innensenator und Regierenden Bürgermeister, das Zweite liegt bei den Informationen zu offenbar polnischen Laster vorne, dann schaltet das Erste zu den Korrespondenten in Karlsruhe, die über das Eingreifen der Bundesanwaltschaft berichten, der mittlerweile ins Kölner RTL-Hauptquartier geeilte Anchorman Peter Kloeppel präsentiert die erste wahrscheinliche Fahrtroute, Marietta Slomka will die Brille gar nicht mehr absetzen, wenn die Informationen von allen Seiten prasseln.

Es zeigt sich, wer in der Lage und fähig ist, frei und  zugleich souverän zu agieren, wenn der fein austarierte Ablauf nicht mehr gilt und der Teleprompter blind bleiben muss. Und es ist die Stunde der Reporter, jener, die am Breitscheidplatz interviewen, Fakten einholen, die Distanz zum Tatort mit Eindrücken und Schilderungen, mit Worten überbrücken müssen, weil es keine Bilder gibt, keine Bilder geben kann.

Ulli Zelle im Solo-Einsatz

Macht das einer einprägsamer und eindrücklicher als RBB-Mann Ulli Zelle? Er schafft es mehrfach via Solo-Einsatz hinter dem Absperrband, dem nicht gesehenen und nicht sichtbaren Geschehen ein Narrativ zu geben. Er bindet zusammen, erschafft Zusammenhänge, er ist Reporter, der für den Zuschauer das Geschehen und das Geschehene visualisiert. Und er ist betroffen, ohne seine Betroffenheit auszustellen.

Wenn sich das an einem solchen Abend sagen lässt: Die Moderatoren wie Ingo Zamperoni bei den „Tagesthemen“ machen einen guten bis hervorragenden Job, die dahinterstehenden Redaktionen und Apparate lassen die Rädchen ineinandergreifen. Es herrscht, bei aller Hektik und Aufregung, Professionalität vor.

Terrorismusexperte als Fernsehberuf

Was immer auch die einzelnen Terrorismusexperten (das scheint mittlerweile ein Fernsehberuf zu sein) an Spekulationen und Vermutungen äußern, nach welchen Indizien und Informationen auch immer sie ihre Analysen formulieren - keiner versteigt sich dazu zu entscheiden, ob es ein Unfall oder ein (islamistischer) Anschlag war.

Richtig ist zudem, nicht permanent auf die Unfassbarkeiten in den sozialen Netzwerken zu starren. Es ist der Moment der  der Vernünftigen, der Verständigen, der Mitfühlenden und nicht der schäbigen Profiteure.

Update: Das erhöhte Informationsbedürfnis hat am Montagabend auf jeden Fall für starke Quoten bei ARD, ZDF und RTL gesorgt. Auch wenn Zuschauerzahlen an Tagen wie diesen nachrangig sein sollten, so geben sie Aufschluss darüber, wo sich die Zuschauer in Situationen wie diesen im Fernsehen informieren. Die meisten taten das am Montag im "heute-journal", das erst zur Stamm-Sendezeit um 21 Uhr 45 auf Sendung ging. 4,88 Millionen Zuschauer verfolgten die auf 90 Minuten ausgedehnte Sendung (Marktanteil: 17,8 Prozent).

Eine Extra-Ausgabe der "Tagesthemen" hatte es ab 21 Uhr 12 im Ersten auf 4,44 Millionen Zuschauer gebracht, ehe eine Stunde später zur regulären Sendezeit des Nachrichtenmagazins 3,40 Millionen Zuschauer einschalteten. Sowohl ARD als auch ZDF verzeichneten beim jungen Publikum mit ihren Sondersendungen zweistellige Marktanteile. RTL brachte es auf 14,6 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen und erreichte zwischen 21 Uhr 15 und Mitternacht im Schnitt 2,78 Millionen Zuschauer.

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