• Berlin Stories: „Die Mauer ist auf...“ „Ach, du scheiße!“ – Arte sucht nach einem literarischen Fingerabdruck der Hauptstadt

Berlin Stories : „Die Mauer ist auf...“ „Ach, du scheiße!“ – Arte sucht nach einem literarischen Fingerabdruck der Hauptstadt

Kann man einer Stadt, die sich immerzu wandelt, auf die Spur kommen anhand der Geschichten, die über sie geschrieben werden? Mit "Berlin Stories" versucht Arte eine Antwort.

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Berlin aus der Perspektive der Literatur Foto: Arte
Berlin aus der Perspektive der Literatur.Foto: Arte

Die Fragen, die dieser Film über Berlin und seine Literatur, über die Literatur mit Berlin als Hauptfigur stellen will, sind eigentlich nur mit einem klaren Nein zu beantworten: „Kann man einer Stadt, die sich immerzu wandelt, auf die Spur kommen anhand der Geschichten, die über sie geschrieben werden?“ Ergeben diese Geschichten womöglich gar „einen literarischen Fingerabdruck“ der Stadt? Vor der Literatur kommt immer zuerst die Stadt, das Verhältnis der Literatur zu Berlin ist ein parasitäres. Und gerade weil Berlin so groß und einem steten Wandel unterworfen ist, kann es gar keine typische Berlin-Literatur geben. Der große Berlin-Roman, an dem schreiben alle zusammen, und vor dem Schreiben heißt es zu leben, in  unterschiedlichsten Milieus, zu verschiedensten Zeiten.

Trotz dieses Neins auf die Fragen, trotz des quasi von vornherein in Kauf genommenen Scheiterns ist Simone Dobmeiers und Thorsten Striegnitz’ „Berlin Stories - die Bücher einer Stadt“ ein sehenswerter Film geworden. Denn er erzählt im Schnelldurchgang eine kurze, naturgemäß extrem unvollständige Geschichte Berlins der vergangenen knapp 100 Jahre, anhand ausgewählter literarischer Beispiele, von Döblins „Berlin Alexanderplatz“ aus dem Jahr 1929 bis zu Oscar Coop-Phanes Szene- und Clubroman „Bonjour Berlin“, der 2013 veröffentlicht wurde.

Geholfen haben den beiden Filmemachern zudem ein paar mehr oder weniger ausgewiesene Berlin- und Berlin-Literaturkenner, wie zum Beispiel die Schriftstellerin Annett Gröschner oder der „FAS“-Feuilletonchef Claudius Seidl, der französische Publizist Alban Lefranc oder die britische Historikerin Alexandra Richie. Der Blick von außen erweist sich dabei als der frischere, interessantere.

Hart, schnell und eigen

Zum Beispiel, wenn Lefranc Döblins Helden Franz Biberkopf mit Rainer Werner Fassbinder zusammendenkt, sie gewissermaßen zu siamesischen Zwillingen erklärt; oder Richie von den zwei Nischengesellschaften erzählt, die sie vor 1989 im Osten wie im Westen der Stadt erlebt habe, von einer Literatur, die sie vor allem als hart, schnell und eigen lese. Über Letzteres kann man sich natürlich streiten: Ob Richie schon einmal ein Buch von David Wagner gelesen hat?

Schnell und oft abrupt die Szenerie wechselnd ist dieser Film, wenn er, begleitet von mal sanft wummernden Bass-Sounds, mal härter vor sich hindudelnden Ambient-Klängen, vom Regierungsviertel nach Kreuzberg und wieder zurückstreift, vom Berghain über die Karl-Marx-Allee mit ihren Stalinbauten bis zum Sony Center. Aus dem Off gibt es dazu Passagen aus Sven Regeners „Herr Lehmann“, gelesen von Regener selbst („Die Mauer ist auf“ – „Ach, du scheiße!“), aus Nellja Veremeijs Roman „Berlin liegt im Osten“ oder Ulrich Plenzdorfs „Legende von Paul und Paula“. Zum Ende hin löst sich Berlin wieder mehr und mehr von der Literatur, da ist das Erbe der DDR-Architektur plötzlich Thema, da moniert Claudius Seidl die Geheimnislosigkeit des komplett durchrenovierten Prenzlauer Bergs (wo er selbst wohnt, und das vermutlich nicht ungern).

Berlin-und-Überwachungsroman

Und da passt auch Ulrich Peltzers visionärer Berlin-und-Überwachungsroman „Teil der Lösung“ aus dem Jahr 2007 fast eine Idee zu perfekt in die NSA-Google-Facebook-Gegenwart. Der von Peltzer geschlagene Bogen ist aber wieder ein sehr schöner. Zu Beginn dieses Films merkt jemand an, dass es erstaunlich ist, dass es die Nischen und Freiräume Berlins immer noch gibt, dass es anscheinend nie aufhört mit den Club-Selbstverwirklichungs- und Freiheitsräuschen. Peltzer aber warnt: Die Stadt greift stark ein in die Körper ihrer Bewohner, die Nischen werden immer enger. Der Literatur allerdings muss das nicht schaden.

„Berlin Stories – die Bücher einer Stadt“, Arte, Mittwoch, 21 Uhr 45

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