Medien : Bernd Gäbler: Der Gut-Macher

Thomas Gehringer

Zeiten sind das: Der neue Geschäftsführer des ehrwürdigen Adolf Grimme Instituts war als Student nicht nur Kommunist, nein, Bernd Gäbler war später auch noch Chef vom Dienst bei "Schreinemakers live"! Nicht mal Reue zeigt er heute: "Man sollte hinterher nicht so tun, als wäre alles schrecklich gewesen. Wir haben auch tolle Sachen hingekriegt", sagt Gäbler über seine kurze Karriere in der Sat 1-Show.

Allen Hütern des Guten und Wahren sei zur Beruhigung versichert: Nach acht Monaten wechselte er zum ARD-"Presseclub". Natürlich hat weder das eine noch das andere eine entscheidende Rolle bei der Auswahl Gäblers gespielt. Vielmehr ist der 48-Jährige seit Jahren als sachkundiger Medienkritiker in Erscheinung getreten, zuletzt als Verantwortlicher für die Medien-Seiten der Hamburger "Woche". Am 1. August tritt Bernd Gäbler seinen neuen Job in Marl an, aber dass hier einer kommt, der selbst Erfahrungen im Fernsehbetrieb gesammelt hat, darunter bei "Zak" und bei Vox jeweils in der frühen Aufbruchstimmung, kann sicher nicht schaden.

Gewiss auch nicht den renommierten Grimme-Preisen. Die werden zwar von unabhängigen Jurys und nicht von Bernd Gäbler verteilt, doch der neue Instituts-Leiter will das Ruhrgebietsstädtchen Marl als zentralen Ort der Fernsehkritik in Deutschland öfter als nur einmal im Jahr ins Bewusstsein rufen. "Wir müssen uns häufiger in Debatten einmischen und Position beziehen", sagt Bernd Gäbler, der den eher leisen Hans Paukens ablöst. Als Gäbler noch Bundesvorsitzender des DKP-nahen Marxistischen Studentenbundes (MSB) Spartakus war, hätte man dies - zumindest in Hörsälen - bestimmt als echte Drohung verstanden. Heute, knapp 20 Jahre weiter, geht es um etwas anderes: "Ich suche auch einen stärkeren Dialog mit den Produzenten und mit allen Sendern. Aber ich merke schon, dass manche Privatsender die Sorge haben, das Grimme-Institut wolle ihnen den ökonomischen Erfolg ausreden." Davon könne jedoch keine Rede sein: "Auf lange Sicht wird Wertschöpfung auch mit Wertvollem möglich sein", prognostiziert Gäbler, weil die Firmen in einer immer differenzierteren Fernsehwelt gerade an einem qualifizierten Werbeumfeld interessiert sein werden.

Überhaupt versteht er sich eher als Mut- denn als Miesmacher: "Auf Dauer ist es langweilig, immer nur das schlechte Fernsehen zu kritisieren. Wichtig ist es, gutes Fernsehen zu loben. Dabei ist es egal, wer es macht und wie viele zugucken." Ausdrücklich nennt er die aufwändigen Fernsehspielproduktionen von Sat 1 wie "Wambo" und "Vera Brühne". In Zukunft werde es außerdem "ganz sicher" neben den Vollprogrammen anspruchsvolle Kanäle wie einen History oder Documentary Channel geben. "Aber es wird sich auch ein richtiges Ramschfernsehen entwickeln - TM 3 ist auf dem besten Weg dazu." Als Anlass zum Ärgern dient das Fernsehen Gäbler aber in anderer Hinsicht: Zwar gebe es auch "am Kiosk und in der Gutenberg-Galaxis viel Schrott. Aber dass so viele kluge Leute ihr Talent nicht ausschöpfen und Sendungen weit unter ihrem eigenen Niveau produzieren, wie diese vielen Boulevardmagazine, das ist etwas Fernsehspezifisches."

Grundsätzlich sieht Gäbler "das große Problem, dass der deutsche Fernsehmarkt von Bertelsmann und Kirch monopolisiert wird. Auch die Produzentenszene ist stark von beiden abhängig. Da fehlt Bewegungsspielraum für Innovation und Mut und für junge Leute." Den öffentlich-rechtlichen Sendern rät er zu "einer schärferen Unterscheidbarkeit zu den Privaten". Dass das ZDF mit "Cash" ein schlechtes Quiz mache, "ist überflüssig, wenn RTL so ein gutes macht wie das mit Jauch.

Zwar müssen ARD und ZDF auch Sport und große Unterhaltung bieten, aber sie werden ja nicht in erster Linie deswegen durch Gebühren finanziert, um beim Preispoker um eine fertig produzierte Show von Endemol mit RTL oder Sat 1 konkurrieren zu können." Vielmehr sollten sie sich auf die eigentlichen Stärken besinnen.

In Zeiten, in denen Selbstkritik im Fernsehen nur noch als Lach-Vorlage auf dem Schnipsel-Niveau von Stefan Raab existiert, glaubt Gäbler fest an eine wichtige Aufgabe der Medienkritik: "Hinter den Fassaden der Fernsehbranche, die so groß und mächtig tut, verbirgt sich auch viel Unsicherheit. Sender wie RTL oder Sat 1 haben in gewissem Maße die Technik raus, um große Zahlen von Menschen vor dem Fernsehschirm zu versammeln. Trotzdem gibt es bei ihnen Zweifel: Sind das die richtigen Zuschauer? Wie kriegen wir andere? Wie machen wir Sendungen, die auch für unser Image gut sind? Die Branche braucht insgesamt eine Selbstverständigung, und da kann Grimme einen Beitrag leisten."

Der wichtigste Beitrag bleibt zweifellos der Grimme-Preis, und verliehen wird er weiterhin in Marl: "Er soll nicht die Nr. 5 oder 6 in Köln oder Berlin sein, sondern die Nr. 1 am besonderen Ort." Schon um sich vom Glamour des neuen Konkurrenten zu unterscheiden. "Wir fühlen uns im Verhältnis zum Deutschen Fernsehpreis wie das Sundance Festival zum Oscar. Wir halten die besonderen Ansprüche, die besondere Machart hoch." Die Preise könnten "wunderbar nebeneinander existieren", meint Gäbler. Allerdings wünscht er sich für die zuletzt von Roger Willemsen moderierte Grimme-Preisverleihung nicht nur bessere Übertragungszeiten im Fernsehen: "Würdig war die Preisverleihung immer schon, sie darf aber auch ruhig würdig und witzig sein."

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