Besondere "Soko-Leipzig"-Folge : „Spielst du jetzt Stasi oder was?“

Dichtung und Wahrheit: TV-Kommissar Hajo Trautzschke alias Andreas Schmidt-Schaller bekennt sich im beliebten ZDF-Krimi "Soko Leipzig" als IM des Ministerium für Staatssicherheit.

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Vor der Erpressung. Das „Soko“-Team Ina Zimmermann (Melanie Marschke), Olivia Fareedi (Nilam Farooq), Jan Maybach (Marco Girnth) und Tom Kowalski (Steffen Schroeder) gratulieren dem Chef (Andreas Schmidt-Schaller, 2.v.r.) zum Dienstjubiläum.
Vor der Erpressung. Das „Soko“-Team Ina Zimmermann (Melanie Marschke), Olivia Fareedi (Nilam Farooq), Jan Maybach (Marco Girnth)...Foto: ZDF

In einem Sportbad treibt die Leiche des ehemaligen Leistungsschwimmers Belling. Das Opfer saß mit Parkinson im Rollstuhl. Aber am Tatort befindet sich kein Rollstuhl. Konnte Belling doch noch laufen? Wählte er den Freitod oder war es Mord? Die Witwe bestätigt, dass ihr depressiver Mann keinen Lebenswillen mehr zeigte. Die Krankheit hatte ihn zu einem mürrischen, übellaunigen Menschen verändert, womit er sich viele Feinde machte. Einer von ihnen muss der Mörder sein.

Die neue Folge der „Soko Leipzig“ beginnt wie ein ganz normaler Krimi. Spätestens ab Minute 35 wird aber klar, dass das kein ganz normaler Krimi ist, zumal, wenn man die Biografie von Hauptdarsteller Andreas Schmidt-Schaller kennt, der in der „Soko Leipzig“ seit 2001 den Hauptkommissar Hajo Trautzschke spielt.

Eigentlich wollte Hajo in dieser Folge sein 40. Dienstjubiläum feiern, doch unter den Glückwunschkarten, die in Krimiminute 35 auf seinem Tisch landen, befindet sich ein Brief mit der Aufschrift „Freitag“, der ihn beunruhigt. „Wir müssen reden, rufen Sie mich an!“ Ein Journalist erpresst ihn mit einer alten Geschichte, die erst gegen Ende des Krimis auf den Tisch kommt. Nach anfänglichem Zögern, viel schlechter Laune und schwierigen Ermittlungen entschließt sich Hajo, seinen Kollegen die Wahrheit über ein dunkles Kapitel aus seinem Leben zu sagen, „bevor es in der Zeitung steht“.

1967, da war Hajo junger Polizeischüler und wurde von der Stasi angesprochen. „Trautzschke, Sie sind doch ein kritischer Geist, wollen Sie nicht ein bisschen mehr tun für das sozialistische Vaterland?“ Das hat er dann getan. Nun holt ihn die Vergangenheit ein.

Hätte er dem MfS in den 1960er Jahren nicht Nein sagen können?

Das ist im TV-Krimi. Und in der Wirklichkeit? Der 1945 in Arnstadt (Thüringen) geborene Andreas Schmidt-Schaller erlangte in den 1980er Jahren Bekanntheit als unkonventioneller Ermittler in der Krimireihe „Polizeiruf 110“ des DDR-Fernsehens. Zu seiner Tätigkeit als Stasi-IM in den 1960er Jahren bekannte sich Schmidt-Schaller im Februar 2013, als er von der Presse mit Aktenfunden in der Jahn-Behörde konfrontiert wurde. Hätte er dem MfS in den 1960er Jahren nicht Nein sagen können?

„Ich hätte damals einfach sagen sollen, leckt mich am Arsch. Dazu war ich nicht in der Lage“, sagte der Schauspieler der „Bild“-Zeitung. Er habe die DDR für das bessere Land gehalten, aber auch Angst gehabt, seine Mutter könnte bei einer Weigerung ihre Arbeit verlieren. Darüber, über diese Zeit, ist auch in Schmidt-Schallers 2015 erschienenen Buch „Klare Ansage – Bekundungen und Bekenntnisse“ zu lesen.

Ein Kapitel heißt „In Sachen IM“. Es schildert die Hinter- und Beweggründe von Schmidt-Schallers Handeln, unter anderem auch die Streichung von der Reisekaderliste zu Beginn der siebziger Jahre, wohl eine „kleinliche Rache des Ministeriums“, weil er nach einigen Jahren inoffizieller Mitarbeit die Zusammenarbeit aufgekündigt hatte.

Er habe sich, so Schmidt-Schaller weiter in dem Buch, bei seiner Arbeit an den städtischen Bühnen in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, geweigert, dem MfS „derlei private Auskünfte“ zu geben. Schließlich stünde er mit den Kollegen auf der Bühne und müsse ihnen in die Augen schauen können. „Allein die Vorstellung, ich würde dem MfS etwas von ihnen erzählen, triebe mir die Schamesröte ins Gesicht.“

„Ich bin nicht erpresst worden"

Eine schwierige Geschichte, eine Biografie, wie es sicher viele gab in der damaligen DDR, wie sie aber auch noch mal besonders betrachtet werden, wenn das in einem der erfolgreichsten Krimiformate des deutschen Fernsehens mit einem der beliebtesten TV-Kommissare und seinen aktuellen Kollegen angerissen wird. Einen ähnlichen Rumor gab es auch um Ernst-Georg Schwill, von 1999 bis 2013 Assistent im alten RBB-„Tatort“ mit Dominic Raacke und Boris Aljinovic, der 2014 eingestellt wurde. Schwill war viele Jahre für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR tätig. Das kam dann 2012 heraus.

Die „Soko Leipzig“ hat mittlerweile auch fast „Tatort“-Status, ist der älteste Ableger des Mutterformats „Soko 5113“. Im Gegensatz zu den „Soko“-Kollegen aus Köln, Stuttgart oder Wismar sind Trautzschke & Co. zur Primetime im Einsatz und fahren damit gute Quoten um die 4,5 Millionen Zuschauer ein. Das entspricht einem Marktanteil von 15,1 Prozent beim Gesamtpublikum. Damit liegt „Soko Leipzig“ deutlich über dem ZDF-Senderschnitt von 12,8 Prozent.

Nun ist diese „Soko“-Folge keine 1:1-Schmidt-Schaller-Geschichte. Dennoch ist sich der Schauspieler der besonderen Dignität dieser Arbeit bewusst. Eine Erlösung gar? Nein. „Ich will nichts erreichen, aber vielleicht gelingt es uns ja, differenzierter über Vergangenes nachzudenken“, sagte Andreas Schmidt-Schaller dem Tagesspiegel. „Im Übrigen bin ich weder erpresst worden, noch habe ich einen Freund verraten, wie sich im Film herausstellt, ich hatte mit dem Journalisten eher ein sehr faires Gespräch.“

Der „biografische Einschlag“ sei eher ein Vehikel

Im Film seien also Dinge aus dramaturgischen Erwägungen zugespitzt worden, der „biografische Einschlag“ sei eher ein Vehikel für eine dramatische Geschichte, die viele Menschen so erlebt haben könnten. „Aus dem Grund steht auch am Schluss: Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig.“

Dennoch, die Dreharbeiten in Leipzig müssen schwieriger, zumindest anders gewesen sein. Auch die nächsten Folgen „Soko Leipzig“ behandeln das Stasi-Thema aus Hajos Vergangenheit. Das seit über 250 Folgen eingespielte Team um Schmidt-Schaller mit Marco Girnth (Jan Maybach), Melanie Marschke (Ina Zimmermann) und Steffen Schroeder (Tom Kowalski) hatte ab 2013 – ähnlich wie der Haussender ZDF – plötzlich damit umzugehen, dass der Kollege IM war.

In einer Szene, interne polizeiliche Ermittlungen scheinen gerade der Presse zugespielt worden zu sein, jeder verdächtigt jeden, da faucht Tom Kowalski Ina an: „Spielst du jetzt Stasi oder was?“ „Die Kollegen waren natürlich nicht erfreut, aber sie haben sich mir gegenüber äußerst kollegial verhalten, das fand ich sehr beeindruckend“, sagte Schmidt-Schaller zur Stimmung am Set. „Und das Wichtigste, wir konnten weiter zusammenarbeiten, bis heute.“

„Soko Leipzig – Erlösung“, Freitag, ZDF, 21 Uhr 15

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