Medien : Beten mit Lanz

Jetzt erinnert sich auch der ZDF-Zuschauer wieder daran, wer die Autorin Charlotte Roche ist

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Blowjob und Brudertod. Charlotte Roche zu Gast bei Markus Lanz. Foto: dpa Foto: dpa
Blowjob und Brudertod. Charlotte Roche zu Gast bei Markus Lanz. Foto: dpaFoto: dpa

Das Wichtigste vorab: Markus Lanz liest es, Jochen Busse ebenso, und auch Norbert Blüm hat sich schon 35 Seiten der Prosa von Charlotte Roche reingetan. Dass nach „Feuchtgebiete“ mit „Schoßgebete“ der zweite Roman der viel diskutierten Bestseller-Autorin auf dem Markt ist, haben am späten Donnerstagabend auch die Zuschauer des ZDF – Durchschnittsalter: 61 –, speziell die von „Markus Lanz“ mitbekommen. Roche zu Gast bei Lanz. Warum sich die vermeintliche Skandal-Autorin nach diversen Groß-Publikationen/Interviews in Magazinen wie „Spiegel“, „Stern“ oder „Zeit“ ausgerechnet das Zweite und seinen Schmusetalker für ihr Fernseh-Talk-Debüt nach Veröffentlichung des zweiten Werks ausgesucht hat? Wahrscheinlich auch deswegen, weil Beckmann, Maischberger, Jauch & Co. noch im Urlaub sind, von Spezi Harald Schmidt ganz zu schweigen.

Die Chance für Lanz. Wie vor drei Jahren für Kerner, bei dem Roche „Feuchtgebiete“ vorstellte. Beinahe nahtlos knüpfte Lanz an die weithin bekannte Roche-Diskussion über Sex und Tod, über autobiografisches Schreiben sowie die Poesie des Afters und die großen Brüste der Therapeutin von Charlotte Roche an. Da es schon weit nach 23 Uhr war, Achtung Jugendschutz, gab Lanz eine eher anal-fixierte Passage aus „Schoßgebete“ zum Besten, nach der Kabarettist Busse bekannte, besonders fasziniert habe ihn an „Feuchtgebiete“ die Sache mit der Zunge. Für Norbert Blüm hingegen gebe es Sachen, über die rede er nicht so gerne.

Markus Lanz schon. Bereitet da einer sein Comeback bei den Privaten vor? Durch Roches Anwesenheit scheinbar von allen bürgerlichen Fesseln befreit, stapfte der Moderator mit der ehemaligen Talk-Kollegin lustig-tapfer durch die Geschichte der Körperöffnungen. 1,3 Millionen Zuschauer waren Zeuge, keine berauschende Quote. „Sack“, „Titten“, „Blasen“, „Eier“, das alles bei Markus Lanz, und wenn der Zuschauer kurz vor zwölf noch dran war, erfuhr er zwar nichts über die Roche-Kritiker Alice Schwarzer und Stiefvater Ulrich Busch, aber viel über den schlimmsten Tag ihres Lebens: 2001, als drei Brüder von Charlotte Roche auf dem Weg nach England, zu ihrer Hochzeit, bei einem Autounfall starben. Ein sehr ähnlicher Unfall kommt auch in dem Buch „Schoßgebete“ vor. Zehn Jahre hatte sie nicht öffentlich über diese Tragödie gesprochen.

Und nun, bei Lanz: vom Blowjob zum Brudertod, Depressionen, Überlebensschuld. Markus Lanz und seinem Publikum gelingt es immerhin, ziemlich betroffen auszusehen. Wir sind gespannt auf Roches Auftritt demnächst bei Harald Schmidt. Markus Ehrenberg

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